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Vorgeknöpft: die Modekolumne 28. September 2017

Nur leicht verkleidet

Von Silke Wichert  Foto: Gettyimages / Gisela Schober

Dunkles Karohemd zur Lederhose, Blusen ohne Puff-Ärmel: Auf der Wiesn ist das Ende der Trachten-Vollausstattung eingeläutet, wie man an Mario Gomez und seiner Frau Carina Wanzung sehen kann.

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Zugeben wollen viele diese Gesinnung offensichtlich nicht: Laut statistischem Bundesamt ist nur für 45 Prozent der Männer und 58 Prozent der Frauen Tracht-Tragen auf der Wiesn »ein Muss« – am Ende schmeißt sich dann aber gefühlt 90 Prozent in alles, wo Dirndl oder Janker draufsteht. Weil es jetzt irgendwie dazugehört, weil in Reiseführern steht »when in Bavaria - do as the Bavarians do!«, weil die Besucher aus dem Rheinland sich halt gern verkleiden und weil Frauen natürlich selten so vorteilhaft aussehen wie im Dirndl. Irrer Integrationsfaktor diese Tracht, darüber sollte man vielleicht noch mal nachdenken.

Aber natürlich ist Dirndl nicht gleich Dirndl, Lederhosen nicht gleich Lederhosen und sowieso will schon lange keiner mehr aussehen wie all die anderen. Warum sollte der Trend zur Individualisierung auch ausgerechnet vor diesem Jahrmarkt haltmachen? Die Distinktion ist also in vollem Gange. Es gibt die Vintage-, die Designer-, die Ultra- und die Billig-Fraktion, die da nebeneinanderherschunkeln. Und natürlich die Altmünchner Vorstadt-Tracht, an die jüngst ein Kollege erinnerte: Jeans. Früher hätten sich die meisten Einheimischen nie auch nur mit einem Hornknopf auf der Wiesn erwischen lassen.

Dieses Jahr tauchte die nächste Fraktion auf, exemplarisch zu sehen am Beispiel der Familie Gomez: die Gemäßigten. Mit Tracht, ja, aber nicht krachend, sondern mit Understatement. Zur Lederhose (ohne Träger) wird bei ihm ein dunkles Karo kombiniert. Sie trägt das Dirndl mit einer züchtigen, schlichten Bluse.

Subtext A: Prima die Wiesn, da simmer dabei, aber optisch möchten wir uns dann doch bitte distanzieren von den Sauf-Deppen im ewigen Vichy-Karo und den tiefhängenden Balkonen. Subtext B: Wir haben uns vorab informiert und die einschlägige Wiesn-Lektüre der Cosmopolitan beziehungsweise GQ zu den Trends 2017 beherzigt: Unisono ist dort nämlich vom neuen Understatement die Rede und von der Rückkehr zu hochgeschlossenem Dekolleté und Midi-Länge.

Dass optische Zurückhaltung automatisch zu mehr Kontenance beim Trinken führt, ist ein Irrglaube, der jeden Nachmittag in englischen Pubs von Horden von Anzugträgern widerlegt wird. Fürs Auge ist so ein bisschen weniger »in your face«, wie es im Modejargon heißt, dafür durchaus wohltuend, weil es ja drumherum immer noch genug Tradition und Moderne gibt. Eine Verena Kerth bleibt natürlich weiterhin offenherzig. Auch die Effenbergs lassen sich vom Trend zu Zurückhaltung nicht beeindrucken und knutschten im Marstall-Zelt wie immer in Voll-Montur.

Einen entscheidenden Vorteil hat die fortschreitende Individualisierung der Wiesnmontur natürlich: Man findet sich womöglich leichter wieder im Gewühl. Sofern man noch geradeaus schauen kann.

Wird getragen von: Mario Gomez, Michael Ballack und den Besuchern der Oidn Wiesn
Typischer Instagram-Kommentar: Wer nur halbe Tracht trägt, kriegt nur halbe Maß
Passender Wiesn-Song: »Schickeria«

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Silke Wichert

hat mehrere Jahre das Moderessort des SZ-Magazins geleitet. Leute sagen deshalb gern vorweg, dass sie sich wirklich! überhaupt! nicht! für Mode interessieren. Um dann, nur mal so interessehalber, hinterher zu schieben: Was trägt man denn gerade so? Auch dafür schreibt sie jetzt diese Kolumne.

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