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Abschiedskolumne 05. Oktober 2017

Wenn muffig plötzlich cool wird

Von Daniela Gassmann  Foto: Fräulein Palindrom/photocase.de

Mit gebrauchten Klamotten protestierte unsere Autorin gegen das Konsumdiktat der Modeindustrie. Doch nun hält auch in der Secondhand-Welt der Kapitalismus Einzug - und es bleibt ihr nur ein Einkaufsort, der davon nicht betroffen ist.


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Andere lesen Marx oder ziehen direkt in den Wald und versorgen sich selbst. Ich dagegen kaufe einfach Secondhand. Mein Lieblingsladen liegt am Rande des Schwarzwalds, also richtig gut vor dem Kommerz versteckt.
  
Angeboten wird nur Gebrauchtes, und das riecht man – gegen das, was die Klamotten erlebt haben, kommt eben kein Perwoll und kein Lavendel-Zitrone-Raumduft an. Der Erlös geht dafür an ein Kinderschutzprojekt, die Verkäuferinnen arbeiten ehrenamtlich. Mode ist für sie das Gegenteil von allem, was Designer und Durchschnittsbürger gerade fashionable finden. Trotzdem entdecke ich hier die schönsten Sachen auf die netteste Weise.
  
Wenn ich nach langem Suchen einen Kuschelpullover anprobiere, reißt meine Lieblingsverkäuferin den Vorhang zur Seite und schimpft: »Das sieht ja aus wie ein Kartoffelsack!« In jedem anderen Laden lobt man mich, ohne hinzusehen, »steht Ihnen prima, nein, das trägt überhaupt nicht auf«. Hier will man mir Dinge sogar ausreden. Natürlich kaufe ich den Kuschelpulli trotzdem. »Viel zu groß«, sagt die Verkäuferin ein letztes Mal und handelt sich anschließend selbst runter. Acht, nein sechs Euro soll er kosten. Letztlich bekomme ich ihn für vier. Wir plaudern noch eine Weile und ich verspreche, bald wieder vorbeizuschauen.

Das ist es, was Secondhand zum perfekten Kapitalismus-Versteck macht: Es fühlt sich nicht an wie Einkaufen – sondern wie eine Mischung aus Schatzsuche und Kaffeeklatsch. Zwar muss man auch in den muffigen Lädchen bezahlen, aber es gibt hier keine Gewinnmaximierung. Keine Marketingstrategie. Keinen Kommerz eben. Nur leider hat sich das geändert.

Während ich noch in meiner Heimat vor mich hin feilschte, gründete der arbeitslose Unternehmer Christian Wegner eine Firma nach dem Prinzip Flohmarkt, ganz harmlos mit 1500 Euro Startkapital und 20 Quadratmeter Lagerfläche. Er kaufte gebrauchte Bücher, CDs und DVDs an, um sie über eBay und eine eigene Plattform weiterzuverscherbeln. So entstand Momox, das erste deutsche Unternehmen für Re-commerce.

Das einzige Unternehmen blieb es nicht: Gebrauchte PC-Spiele bekommt man bei reBuy, Elektronik bei Wirkaufens und Klamotten beispielsweise auf textil-ankauf.com. Marktführer bleibt Momox. Längst sind große Investoren wie Burda beteiligt, das Sortiment wurde um Fashion erweitert – der Absatzmarkt um Österreich, Frankreich und Großbritannien. Ergebnis: 150 Millionen Euro Umsatz allein im letzten Jahr. Hier bekommt eben niemand einen Pulli für »acht, nein sechs Euro«.

Vom Internet schlich sich der Kapitalismus in die Secondhand-Läden. Das merkte ich, als ich zum ersten Mal eine dieser Pickweight-Filialen besuchte, die es in Berlin, Hamburg, München und bald in Köln gibt. Zurzeit sind es sieben Läden mit unterschiedlichen Namen, Tendenz steigend. Jeden Monat liefert die Mutterfirma Soex 10 000 Kilo Vintage aus Deutschland, den USA und Japan. Freunde hatten mir erzählt, dort könne man fast so toll Gebrauchtes kaufen wie in Paris. Euphorisch ging ich also über den roten Teppich, der hier ernsthaft Markenzeichen ist, und gelangte hinein: in eine Ansammlung von Hipsterklischees.

Schuhe und Taschen stapelten sich in alten Weinkisten, von Eisenstangen hingen die Klamotten. Ich musste mich an Jeansjacken-Mädchen vorbeiquetschen, die ihre Outfits später unter dem Hashtag #picknweightstyle auf Instagram posten würden. Suchen aber musste ich nicht. Die schönen Teile waren nach Farbe sortiert und in mehrfacher Ausführung da. Heute weiß ich: In jedem Pickweight-Laden hängen fast die gleichen Seidenblousons. Was der Kunde will, kalkuliert man ähnlich klug wie bei H&M. Damals schleppte ich die schnell gefundenen Teile zur Kasse. Als ich den Verkäufer nach seinem Einstiegspreis fragte, zeigte er vor sich: »Wir wiegen das!« Der Wert der Sachen werde in Kilos gemessen, die Farbe des Etiketts bestimme den Grundpreis. Ralph-Lauren-Poloshirt, an der Seite aufgerissen – 18.97 Euro. Bunte Windjacke einer Marke, die nicht mal Google kennt – 41.20 Euro. Hinter mir bildete sich schon eine kleine Schlange. Dem Handeln und Plaudern ließ der Laden keinen Raum. Ich ging.

Das mag klingen, als wäre ich persönlich beleidigt. Aber um meine Liebe zum Feilschen geht es mir gar nicht. Momox und Pickweight stehen für ein größeres Problem: Der Kapitalismus holt nun auch noch die Secondhand-Läden ein, in denen wir uns eigentlich vor ihm retten wollten. Klar, Nachhaltigkeit wird den Menschen wichtiger, die Wirtschaft erkennt den Zeitgeist und reagiert darauf. Ökologisch gesehen ist das eine super Entwicklung. Aber wenn plötzlich die großen Unternehmen vom Secondhand profitieren, gibt es auf der anderen Seite Verlierer – und das sind die Kleinen.

Der kauzig-nette Mann vom Flohmarkt, der mit seinem Tapeziertisch von Ort zu Ort zieht. Der Antiquar, der vom Internet nicht so viel hält, aber jedes Buch im Regal gelesen hat. Die muffigen Lädchen für den guten Zweck. Plötzlich haben sie Konkurrenz, aber keinen Instagram-Account und keine Lage in Uni- oder Hipsternähe. Noch dazu riecht es in den Stadtläden ja viel besser. So ähnlich ging es schon anderen coolen Sachen: Hippie, Punk und Avocado – alle wurden kommerzialisiert. Als nächstes, könnte man gelassen sagen, ist halt der Secondhand-Laden dran. Ich will da aber nicht mitmachen. Lieber verabschiede ich mich vom Secondhand. Die einzige Ausnahme wird Omas Kleiderschrank bleiben. Und alle paar Monate werde ich in den Schwarzwald fahren, an Tannen und Kurbädern vorbei, in meinen Lieblingsladen: eines der letzten guten Verstecke vor dem Kommerz.

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