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Abschiedskolumne 26. Oktober 2017

Digital Native oder digital naiv?

Von Ines Schipperges  Photocase.de/Bastografie

Kann man fast 20 Jahre lang diesselbe E-Mail-Adresse haben? Was denkt ein potentieller Arbeitgeber über einen Hotmail-Account? Unsere Autorin findet eine elegante Lösung für ihre digitalen Altlasten.

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Neulich wurde meine private E-Mail-Adresse im Internet veröffentlicht, ohne, dass ich vorher gefragt wurde. Ein Eingriff in meine Privatsphäre, keine Frage, über den ich mich gerade ärgern wollte, als mir ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf schoss: »Oh nein, wie peinlich. Jetzt sehen alle, dass ich immer noch bei Hotmail bin.«

Ebenso wie bei der Wahl des Küchentischs, des Fahrradkorbs oder der Smartphonehülle gibt es auch unter den E-Mail-Adressen diejenigen, die ihre Besitzer als wahre Trendsetter offenbaren. Und diejenigen, die knallhart darauf hinweisen, dass da jemand den Schuss nicht gehört hat. Wie ich.

Aber von vorne. Es war ein Sommer Ende der Neunziger und meine Eltern bekamen ein Modem. Weil wir alle nicht so recht wussten, was wir damit anfangen sollten, legten wir uns E-Mail-Adressen zu: mein Vater, meine Mutter, meine Schwester, meine drei Brüder und ich. Wieso wir alle sieben beim Microsoft-Anbieter Hotmail landeten, lässt sich nicht mehr ermitteln, aber damals war Hotmail wohl noch ganz okay.

Seitdem sind zwei Jahrzehnte vergangen, in denen es mit dem Hotmail-Image den Bach runterging und sich die technischen Probleme häuften. Oft, sehr oft, ärgerte ich mich, wenn ich Mails schrieb. Diese ständigen Fehlermeldungen, die hektisch-unübersichtliche Oberfläche, das grelle Design in rot und später schlumpfblau. Die Tatsache, dass Mails meiner Freundin Maxi nie bei mir ankamen (was mich zu meiner Zweitadresse nur_fuer_maxi@web.de führte). Meine Brüder, einige Jahre jünger als ich, waren längst zu Gmx, iCloud und Gmail gewechselt, außer meinen Eltern hatte ich keine Verbündeten mehr bei Hotmail. Und meine Mail-Adresse mit klarer Stimme zu nennen, fiel mir zunehmend schwer.

Ein Freund von mir ist gerade frisch verliebt, rote Herzchen, rosa Wölkchen, alles wunderbar. Das Problem ist, dass seine Liebste einen Vornamen hat, der ihm unglaublich peinlich ist. Darum beginnt er erbärmlich zu husten, zu nuscheln und zu stottern, sobald er Sätze sagen muss wie: »Krmjnlkrmrrr und ich kommen dann gegen sieben.« Ich weiß genau, wie er sich fühlt. Und denke an den süßen Typen von der WG-Party neulich, der sich bis heute nicht bei mir gemeldet hat, weil die Nachricht an @hmkrmjtmail.com höchstwahrscheinlich nie ankam.
 
Der Blamagefaktor meiner E-Mail-Adresse ist mir bekannt. Was mir ehrlich gesagt nicht klar war: Welch weitreichende Folgen die Wahl des falschen Anbieters haben kann. In Foren und Blogs kursieren Fragen wie »Kann ein Hotmail-Account Grund für eine Job-Absage sein?« und »Wie sehr verurteilt ihr Leute für ihren unhippen E-Mail-Provider?«. Den Antworten nach zu schließen: sehr.

Eine E-Mail-Adresse ist offenbar eine vorzügliche Möglichkeit, den Charakter einer Person bis ins Detail zu ergründen. User von Hotmail, AOL oder Yahoo seien nicht nur Technikmuffel, die kognitiv gar nicht in der Lage wären, sich bei einer schicken, sozial verträglichen Domain wie Gmail zu registrieren. Sie wären auch noch nie weiter im Ausland als auf der österreichischen Seite des Bodensees gewesen, lese ich, sie seien angeblich naiv (na, meinetwegen), hätten Angst vor Veränderungen und mieden Menschen, wo es nur ginge. 

Doch es gibt sie noch, die Ritter in rostiger Rüstung, die sich halbherzig zu unserer Verteidigung aufschwingen. Wie jener, der in genau so einem Forum darauf hinweist, dass sein Zahnarzt zwar eine AOL-Adresse benutze, seinen Job aber dennoch ordentlich erledige. Zusammenfassend lässt sich sagen: Für Zahnärzte ist AOL akzeptabel. Aber nur für sehr gute Zahnärzte.

Manchmal möchte ich es herausschreien, wie in einer Selbsthilfegruppe: Mein Name ist Ines und ich bin Hotmail-User. Aber natürlich bin ich selbst schuld. Entgegen der gängigen Annahmen wäre ich durchaus fähig, mich woanders anzumelden (glaube ich). Warum ich mich trotzdem noch nicht von diesem Stigma befreit habe? Eine Mischung aus Bequemlichkeit, Loyalität und Trotz.

Dabei kam Microsoft seinen Usern vor fünf Jahren sogar entgegen. Hotmail wurde gründlich aufgeräumt, umbenannt in Outlook und schenkte uns die Chance auf eine Wiedergeburt als seriöses, modernes und nicht mehr gar so verzweifelt hot wirken wollende Wesen. In fünf Klicks zum Glück, so lautete das Versprechen. In nur fünf Klicks ist es möglich, @hotmail.com in @outlook.com umzubenennen.

Natürlich kann man hoffen, dass Hotmail, je seltener die Adresse wird, ein gewisser Vintage-Charme zugeschrieben wird, wie er für Küchentische, Fahrradkörbe und Smartphonehüllen gerade en vogue ist. Doch so angesagt Retro ist und so gerne wir in nostalgischen Erinnerungen schwelgen: Wenn es um Technik geht, will keiner zurückschauen oder auf der Stelle treten. Ich gehöre zur Generation der Digital Natives und von uns wird verlangt, Schritt zu halten. Eine Hotmail-Adresse signalisiert: Ich höre jeden Morgen drei Minuten lang zu, wie sich mein Modem einwählt, via Festnetz bin ich in der Zeit nicht zu erreichen (wer erinnert sich nicht an die Worte: »Telefon geht mal kurz nicht, bin im Internet«), vielleicht aber auf meinem Nokia-Handy. 
  
Also doch noch auf Outlook umsteigen, so habe ich nun beschlossen. Outlook besitzt genau das richtige Maß an Coolness für jemanden wie mich. Schließlich will ich der Menschheit nicht dank einer Hipster-Adresse vorgaukeln, es handle sich bei mir um eine ernstzunehmende Person. (Aber ich will auch nicht länger gefragt werden, hinter welchem Mond ich lebe.) »Outlook« ist die perfekte Lösung und ich werde meine E-Mail-Adresse fortan wenn schon nicht mit Stolz, so doch wohlartikuliert und in angemessener Lautstärke nennen. Ade, Hotmail. Logout, please.

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