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Die Wehenschreiberin: Hebammenkolumne 21. November 2017

Der Tag, an dem die Station erstarrte

Von Maja Böhler  Illustration: Cynthia Kittler

In einem großen Krankenhaus zu arbeiten bedeutet auch, ständig von schweren Schicksalen umgeben zu sein, die einem nahegehen. Oft auch ohne, dass man direkt beteiligt ist. Die Hebamme über einen schweren Unfall einer Schwangeren, der sie lange beschäftigt hat.

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Es war an einem Vormittag unter der Woche, als ein Donnerschlag unser Team für immer veränderte. Ich war nicht direkt involviert, aber selbst die Ausläufer dieser Erschütterung spürte ich so drastisch, dass ich heute davon erzählen möchte.

Wir bekamen einen Anruf von der Notaufnahme: Eine Frau sei mit einem Fahrrad schwer verunglückt, ein LKW habe sie auf einer Kreuzung erfasst. Als die Rettungssanitäter eintrafen, stellten sie fest, dass die Frau hochschwanger war, wahrscheinlich um die 36. Woche. Ich war gerade mit S., unserer Ärztin, die etwa mein Alter hat, dabei, die Geburtenstatistik des letzten Monats durchzugehen, da sprintete sie schon mit unserem Oberarzt in die Notaufnahme ins Nachbarhaus.

Der Anblick im Schockraum muss heftig gewesen sein. Das Bein der Frau stand grotesk ab, ihr Kopf blutete, ihr Bauchraum blutete, es war infernalisch. Das Herz des Babys sah man im Ultraschall nur noch schwach schlagen.

Am Kopfende kümmerten sich ein Ärzteteam um das Leben der Frau. Am Bauch ein anderes um das Leben des Kindes. Ein menschliches Gewirr, das chaotisch wirkte, aber doch ein hochfunktionales Miteinander war. Alle selbstvergessen, im Tunnel. Irgendwann in diesen Stunden, in denen die Frau noch an Ort und Stelle notoperiert wurde, muss unsere Ärztin einen Schuh verloren haben. Erst als sie zurück bei uns auf der Station war und mir alles, was sie erlebt hatte, unter Tränen erzählte, zog sie ihn wieder an.

Durch den Aufprall des Lastwagens war es zu einer vorzeitigen Plazentalösung gekommen, ein Worst Case in der Geburtshilfe. Denn durch die Ablösung der Plazenta von der Gebärmutterwand strömt das Blut ungehindert in die Gebärmutter und manchmal auch in den Bauchraum, das Baby wird nicht mehr direkt mit Blut und Sauerstoff versorgt. Weil aber gleichzeitig das Herz des Kindes weiterschlägt, pumpt es Blut aus sich heraus, ohne dass neues nachkommt. Man kann bei einer Plazentalösung fast nie so schnell reagieren, wie man müsste, nämlich binnen Sekunden oder weniger Minuten, und so kommt es dabei fast immer zu Schädigungen des Babys.

Also: Notkaiserschnitt. Die Blutung stoppen, das Kind sofort mit Sauerstoff versorgen. Durch das Abnabeln stellt sich der Kreislauf des Babys um, Gegenschlagventile schlagen an, das Kind beginnt selbstständig zu atmen. Normalerweise. Dieses Baby nicht. Die Ärztin und ein Anästhesist reanimierten es, bis die Kinderärzte eintrafen. Eine gefühlte Ewigkeit. Das verhieß nichts gutes. Das Kind, ein kleines Mädchen, kam schließlich auf die Intensivneugeborenenstation zu uns, wo es weitere lebenserhaltende Maßnahmen erhielt.

Irgendwann an diesem Nachmittag kamen auch der Oberarzt und die Ärztin zurück, ich sah sie den Gang entlang gehen. Wie Rückkehrer einer verlorenen Schlacht. Abgekämpft. Mit leerem Blick und schmalen Lippen. »Albtraum«, sagte der Oberarzt nur kopfschüttelnd. Die Ärztin nickte, mit den Tränen kämpfend. Unsere Station, die sonst so quirlig war, erstarrte für kurze Zeit.

Eine solche Tragödie – Unfall, Notkaiserschnitt, zwei Menschen am Abgrund zwischen Leben und Tod – das hatte noch kaum jemand von uns erlebt.

Die Kreuzung, an der der Unfall stattgefunden hatte, liegt direkt auf meinem Heimweg. Auch an diesem Abend kam ich mit dem Fahrrad daran vorbei. Ich sah Kunststoff-Splitter dort liegen, das Glas des Spiegels. Und ich dachte an den Partner der Frau, der an diesem Tag normal zur Arbeit gefahren war, in Gedanken vielleicht bei seiner kleinen Familie, die er bald haben würde; und der dann einen Anruf bekommen hatte: Wir kämpfen um das Leben ihrer Frau und ihres Kindes. Was für ein Wahnsinn.

Am nächsten Tag sah ich ihn, er sah aus wie ein Querschnitt aller meiner männlichen Freunde. Anfang 30, Jeans, Wuschel-Haare, Drei-Tage-Bart.

Seine Frau war in ein künstliches Koma versetzt worden, sie würde wahrscheinlich überleben. Aber wie, mit welchen Folgen, ob sie Lähmungen davon trug, konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Dem Kind ging es schlechter. Manchmal schaue ich mir ja die Frühchen an, die bei uns auf der Neugeborenenintensiv liegen, mich interessiert einfach, was aus ihnen wird. Bei diesem Kind war es anders. Ich wäre mir vorgekommen wie eine Gafferin.

Nach einigen Tagen musste jener Oberarzt, der den Notkaiserschnitt durchgeführt hatte, gemeinsam mit den zuständigen Kinderärzten dem Vater die Nachricht überbringen, dass das Kind nur von den Maschinen am Leben gehalten wird und im Grunde hirntot sei. Die Zeit ohne Sauerstoff und der enorme Blutverlust waren zu schwerwiegend gewesen. Ich sah den Mann aus der Ferne nicken. Dann schluchzen. Gestützt von seinen Eltern, die inzwischen eingetroffen waren. Ich schluckte schwer.
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Während die Frau noch immer im Koma lag, wurde das Kind notgetauft, der Krankenhauspfarrer kam. In einer kleinen Zeremonie nahmen der Vater, beide Großelternpaare, die jeweiligen Geschwister Abschied. Auch an diesem Tag war es ernst und still auf unserer Station. Es vergingen Wochen, bis ich von einer Kollegin erfuhr, dass die Frau entlassen und in eine Reha überwiesen worden war.

Mit meiner Freundin, der Ärztin, habe ich oft über den Fall gesprochen, er ließ uns lange nicht los. In den Wochen und Monaten danach zuckten wir immer zusammen, wenn »geburtshilflicher Notfall« auf unseren Piepsern stand. Was, wenn es wieder etwas so Schlimmes ist?

Zwischen ihr und dem Oberarzt lagen 25 Jahre Berufserfahrung. In unserem ersten Gespräch, direkt am Tag des Unfalls, hatte sie immer wieder voller Bewunderung für den Kollegen gesagt: »Er hat's einfach gemacht, ohne zu zögern, er hat das Baby einfach rausgeholt.« Das ist der Unterschied zwischen Routine und Berufserfahrung, dachte ich, es war meine Erkenntnis aus dieser schlimmen Sache: Einen solchen Fall kann man nie üben, man wird nie Routine darin haben, an einem OP-Tisch um zwei Leben zu kämpfen. Aber irgendwann kommt im Berufsleben vielleicht der Moment, an dem man es sich zutraut.

 

Maja Böhler

könnte jetzt auch im Hosenanzug in einer Kanzlei sitzen – sie hat nämlich zunächst Jura studiert. Nach ihrem Abschluss entschied sie sich aber, ihrem Herzen zu folgen und Hebamme zu werden. Sie heißt eigentlich anders und arbeitet in einem großen Krankenhaus in Süddeutschland. In den kommenden Wochen erzählt sie die schönsten, lustigsten und dramatischsten Geschichten aus dem Kreißsaal.