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aus Heft 47/2017 Die Gewissensfrage

Wohin mit Weinstein-Filmen?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Wie soll man mit Film-DVDs umgehen, die von Harvey Weinstein produziert wurden, dem sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden? Wegschmeißen? Verkaufen? Oder einfach schauen, als sei nichts gewesen?

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»Ich löse gerade meine DVD-Sammlung auf. Darunter finden sich auch die Filme Pulp Fiction, Der englische Patient sowie die Herr der Ringe-Trilogie – alles Produktionen von Harvey Weinstein. Ist es moralisch verwerflich, wenn ich die Werke dieses Mannes, gegen den gerade wegen sexuellen Missbrauchs ermittelt wird, auf Ebay zum Kauf anbiete?« Thomas N., München


Finanzielle Auswirkungen in Bezug auf Harvey Weinstein stehen hier nicht zur Debatte, weil der Produzent eines Films aus dem privaten Weiterverkauf einer DVD keine Vorteile zieht. Im Gegenteil: Wer einen Film haben will und gebraucht erwirbt, kauft ihn nicht neu, und das wäre etwas, woran der Produzent je nach Ausgestaltung seiner Verträge weiter verdienen könnte.

Es bleiben jedoch die Überlegungen, ob der Film dadurch, dass ein potenzieller Sexualtäter an ihm mitgewirkt hat, so belastet ist, dass man sich durch seinen Verkauf, wenn nicht zum Mittäter, so doch schmutzig macht. Oder ob man dadurch, dass man von Herrn Weinstein produzierte Filme weiter handelt, als wäre nichts geschehen, die Vorwürfe gegen ihn verharmlost. Dies alles hängt an der Frage, inwieweit ein Film mit denen verbunden bleibt, die ihn geschaffen haben. In diesem Fall: inwieweit persönliches Fehlverhalten eines der Schöpfer auf das Produkt Film durchschlägt.

Meiner Auffassung nach entfaltet ein Kunstwerk ein Eigenleben, das über den reinen Schöpfungsbeitrag seiner Ersteller hinausgeht, und zwar umso stärker, je größer die Kunst ist. Zudem verbindet man die Filme künstlerisch neben den Schauspielern eher mit ihren Regisseuren als mit den Produzenten, und der konkrete Beitrag eines sogenannten »Executive Producer« wie Harvey Weinstein kann ganz unterschiedlich ausfallen. Würde man etwa erfahren, dass Weinstein die Ausgestaltung von gewalttätigen Sexszenen wie in Pulp Fiction explizit befördert hat, müsste man den Film nun anders einordnen.

Ganz wie vorher wird man die Filme jetzt auch nicht mehr sehen können, jedoch scheint mir das im Sinne einer fortdauernden Bewusstseinsbildung sogar sinnvoll. Vor diesem Hintergrund halte ich die Filme nicht für so belastet, dass man sie nun entsorgen müsste.
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Literatur:

Vertiefend zur allgemeinen Frage, inwieweit ein Kunstwerk sich von seinem Schöpfer löst (am Beispiel von Musik), siehe folgende Gewissensfrage.

Diese wiederum bezieht sich auf folgende Quellen:

Dagobert Frey, Das Kunstwerk als Willensproblem, erschienen 1931 in der Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, abgedruckt in Dagobert Frey, Kunstwissenschaftliche Grundfragen: Prolegomena zu einer Kunstphilosophie Rohrer Verlag Wien 1946, Nachdruck Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1992

Wolfgang Kemp (Hrsg.) Der Betrachter ist im Bild - Kunstwissenschaft und Rezeptionsästhetik, Dietrich Reimer Verlag Berlin 1992

Benvenuto Cellini, Mein Leben, Manesse Verlag 2000

Horst Bredekamp: Die Kunst des perfekten Verbrechens. In: Die Zeit 50/2000

Zur Frage, inwieweit ein Kunstwerk (wiederum am Beispiel der Musik) durch nachträgliche Vereinnahmung belastet werden kann, siehe hier und hier
Dr. Dr. Rainer Erlinger

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