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Name:
Hieronymus Ahrens
Geboren: Starnberg, 1983
Wohnort: Berlin
Ausbildung: Ostkreuzschule für Fotografie & Magister-Studium der Slawistik
und osteuropäischen Geschichte
Webseite: www.hieronymusahrens.com

SZ-Magazin: Für Ihr Fotoprojekt »City for the Blind« haben Sie Blinde in Riga porträtiert. Wie kam es dazu?
Hieronymus Ahrens: Für die Abschlussarbeit an der Ostkreuzschule für Fotografie war ich auf Recherchereise. Weil ich zuvor Slavistik studiert hatte und Russisch spreche, wollte ich in meiner Arbeit eine Geschichte im östlichen Europa erzählen. Meine Wahl fiel auf Riga, eine Stadt, die ich nur flüchtig kannte. Später wurde mir dann von einem Kontakt vor Ort von den Blinden erzählt, die sich in verschiedenen Einrichtungen in einem Außenbezirk der Stadt treffen. Ein Großteil der Serie entstand dort in einem Rehabilitationszentrum für Blinde.

Was ist das Besondere an dieser Einrichtung?
Das Reha-Zentrum ist Teil einer Siedlung, die mehrere Wohnblöcke und einen Park umfasst. Dort leben etwa zweihundert blinde und sehbehinderte Menschen. Auf dem Gelände befinden sich die 1926 gegründete Lettische Gesellschaft der Blinden, die umfangreiche Rehabilitationsprogramme anbietet, die größte Bibliothek für Blinde in Lettland, in der auch Bücher in Brailleschrift hergestellt werden, ein Blindeninternat für Kinder und Jugendliche, eine Arztpraxis, ein Clubhaus und viele weitere Einrichtungen, die auf die Bedürfnisse der Bewohner zugeschnitten sind. Es wirkt wie eine Stadt für Blinde. Eine Idee, welche teilweise aus der Sozialpolitik der Sowjetunion stammt.

Was hat Sie als Fotograf an diesem Ort gereizt?

Das konzentrierte Zusammenleben einer bestimmten Gruppe von Menschen, das sich auch im Stadtbild widerspiegelt und mir zuvor so noch nie begegnet ist. So sind auf dem Gelände gelbe Leitstangen verbaut, die den Menschen helfen, sich zu orientieren. Auch spielen Farben an sich eine große Rolle. Die Wände in den Häusern und Einrichtungen sind sehr bunt gehalten. Viele der Bewohner verfügen nämlich noch über einen Teil ihres Sehvermögens; grelle Farben sind da besonders reizvoll und stimulierend. In Verbindung mit Relikten aus Zeiten der Sowjetunion, also Teilen der Architektur und des Interieurs, ergab das für mich als Fotografen eine spannende Mischung. Darüber hinaus interessierte mich natürlich auch der Kontrast, beziehungsweise die möglichen Beziehungen zwischen dem visuellen Medium der Fotografie und der Blindheit an sich.

Sind die Bewohner der Einrichtung zufrieden mit ihrer Situation?

Die Plätze in den Wohnhäusern sind begehrt, es gibt sogar Wartelisten. Abseits der verkehrsreichen Straßen des Hauptstadtzentrums ist die »Stadt der Blinden«, die sich an einem großen See befindet, auch ein Ort der Ruhe. Ein angenehmes Umfeld, das bei den Bewohnern und Besuchern kreative und sportliche Energie freisetzt. Beim Spiel »Showdown« zum Beispiel, einer Art Tischtennis für Blinde, welches besonders beliebt ist. Einer der Bewohner, der als Sportlehrer vor Ort arbeitet, nahm bereits als Judoka an den Paralympics in Peking teil. Allerdings scheint es mir auch, dass die finanziellen Mittel in den Einrichtungen höher sein könnten. Und manche Wohnhäuser sind in keinem guten Zustand mehr.

Sind Ihnen dort auch tragische Schicksale begegnet?
Ja, denn nicht alle der Bewohner sind von Geburt an blind. So verlor ein Mann sein Sehvermögen auf einem Auge bei einer Bar-Schlägerei fast vollständig, vier Jahre später erblindete er bei einem Arbeitsunfall auch auf dem zweiten Auge. Nachdem er sich nach einer Phase der Depression wieder einigermaßen erholt hatte, verstarb sein Blindenhund an Krebs.

Das sind intime Einblicke. Wie gelang es Ihnen, sich das Vertrauen von Bewohnern und Verantwortlichen zu erarbeiten?
Zwischen April 2016 und August 2017 war ich insgesamt sieben Mal in Riga vor Ort. Zwar konnte ich schon bei meinem ersten Besuch fotografieren, da sich der Leiter des Reha-Zentrums mir und meiner Kamera gegenüber sehr aufgeschlossen zeigte und vermitteln konnte. Nicht alle Beteiligten verstanden jedoch direkt, was ich dort machte und was Ziel meiner Arbeit war. Besonders skeptisch war zunächst die Internatsleitung. Schlussendlich durfte ich dann aber auch dort volljährige Schüler mit deren Einverständnis porträtieren.

Was nehmen Sie aus dem Projekt mit?
An den Blinden, die ich im Laufe der anderthalb Jahre des Projekts vor Ort traf und fotografierte, fiel mir eine große Sensibilität, Achtsamkeit und Ruhe auf. Die sanfte Ausstrahlung dieser Menschen beeindruckte mich, ebenso ihr Optimismus trotz der erschwerten Lebensumstände. Von einer Bewohnerin wurde ich sogar zum Abendessen und Tee eingeladen. Und obwohl die meisten Bewohner meine Bilder nicht oder kaum werden sehen können, wollten viele der Porträtierten ihr Foto geschickt bekommen. Außerdem ist derzeit eine Ausstellung meiner Arbeit vor Ort in Planung – für mich die schönste Form der Wertschätzung.

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