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Abschiedskolumne 08. Februar 2018

»Seid heiß! Heiß! Heiß! Heiß!«

Von Rainer Stadler 

Heute beginnt die 13. Staffel von »Germany's Next Topmodel«. Die zwölfjährige Tochter unseres Autors träumt davon, Model zu werden – und er fragt sich, wieso Heidi Klum in Zeiten von #MeToo immer noch ihr verheerendes Frauenbild zur besten Sendezeit auf Teenies loslassen darf.

Viele Mädchen, viel Haut: Die 13. Staffel von »Germany's next Topmodel - by Heidi Klum« startet heute Abend. Foto: obs/ProSieben/Martin Ehleben
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Unter den vielen Vorwürfen von Frauen an den Regisseur Dieter Wedel taucht einer immer wieder auf: Wedel, so berichten die Frauen, habe sie am Filmset wiederholt gedemütigt, erniedrigt und beschimpft, sie seien unfähig, eine Verschwendung von Filmmaterial. Besonders schlimm empfanden sie diese Ausbrüche, weil sie am Drehort stattfanden, vor den Augen der anderen Schauspieler und des gesamten Filmteams, und niemand ihnen zur Seite sprang.
 
Was werden die Mädchen von Heidi Klum empfinden, wenn sie sich einst zurückerinnern an ihren Auftritt, der für die meisten damit endete, dass sie heulend und mutterseelenallein auf irgendeinem Set herumstanden, vor den Augen von zwei Millionen Fernsehzuschauern?

Ab Donnerstag wird Klum wieder öffentlich ihre Mädchen vorführen, sie heruntermachen, weil sie nicht so sexy gehen oder schauen, wie der Kunde das angeblich verlangt. So wie sie zum Beispiel Anna heruntergemacht hat, die bei 8 Grad mitten in New York in Unterwäsche posieren musste, worauf Klum anschließend monierte, das Mädchen sei schon »unheimlich dünn, das sieht einfach nicht mehr ästhetisch aus«. Vielleicht wird sie auch wieder, wie in Folge 7 der achten Staffel, ihre »Miezen« beim sogenannten »Sexy Shooting«  anfeuern: »Seid heiß! Heiß! Heiß!«
Heidi Klum begutachtet die Finalistinnen im Jahr 2015. Foto: Getty Images

Und denen, die einfach nicht heiß genug sind, unterstellen, sie hätten ein Problem mit ihrer Persönlichkeit oder attitude. Was Klum sicher nicht wird: ihre eigene Fragwürdigkeit thematisieren und die ihrer Show, die wenig mit Unterhaltung zu tun hat und viel mit Machtmissbrauch.
 
 »So sieht unser Job eben aus: Wir nehmen die Menschen in ihrem zerbrechlichsten Moment und überlassen sie den Wellen.« Das sagt Ryan Bingham alias George Clooney in dem Film Up in the Air. Er verdient sein Geld damit, Mitarbeitern von Firmen zu eröffnen, dass sie gefeuert sind. Heidi Klum verdient auch glänzend damit, dass sie Leute entlässt. Die zerbrechlichsten Momente löst sie bevorzugt selbst aus (»Daniela, ich habe heute leider kein Foto für dich«) und die Wellen, das sind bei ihr die Kameras, die immer ganz nah ranzoomen ans Elend, das anschließend in den immer gleichen RTLProSiebenSat1-Musikschmalz getaucht wird.

Groß kritisiert wird das schon lange nicht mehr, man hat sich daran gewöhnt. Die Online-Redaktion der Brigitte brach vergangenes Jahr sogar in Begeisterungsstürme aus, als die ersten Bilder vom »Sexy Shooting« aus Los Angeles eintrafen: »Und wenn wir sagen: Diesmal wird es sehr heiß, dann meinen wir nicht das sonnig-warme Wetter in L.A., sondern die halbnackten Mädchen in ihren sexy Dessous.« Dass einige der heißen halbnackten Mädchen minderjährig waren – geschenkt.

Wann hört das endlich auf? Seit der ersten Staffel im Jahr 2006 hat sich gesellschaftlich einiges verändert, selbst die Formel 1, wo künftig nicht mehr Frauen mit enger Kleidung herumstehen sollen, um Schilder hochzuhalten oder die Rennfahrer am Start mit Schirmen vor der Sonne zu schützen. Das sei nicht mehr zeitgemäß, meinte doch glatt ein Formel-1-Manager.

Die Jury im Jahr 2017. Foto: dpa

Wie zeitgemäß ist es, wenn nun wieder Hunderttausende Teenager das von Heidi Klum angerichtete Elend verfolgen, um am nächsten Tag im Pausenhof zu diskutieren, wie süß sie Vanessa finden und wie scheiße Verena? Das Frauenbild, das die Sendung transportiert, ist verheerend, man muss kein Hardcore-Feminist sein, um das zu bemerken. Reicht schon, wenn einem der Sohn nach der einwöchigen Klassenfahrt erzählt, am lustigsten sei der Abend gewesen, an dem die ganze Klasse zusammen GNTM geschaut hat und alle Jungs gejohlt haben, als eines von Heidis Mädchen beim Walk gestolpert ist oder aus irgendeinem Grund losgeheult hat: Haha, wie bescheuert, diese Weiber.

Oder, nicht minder nervig, wenn die zwölfjährige Tochter neuerdings davon träumt, Model zu werden und sich mit einem dieser der Klum'schen Verwertungsmaschine ausgelieferten Wesen identifiziert und entsprechend mitleidet. Nichts gegen Mitleid. Aber hilfreicher wäre es zu erkennen, wie widerlich und verlogen diese Sendung ist. Und richtig hilfreich, um nicht zu sagen befreiend, wäre es, wenn zur Abwechslung mal eine Darstellerin nicht in Tränen ausbrechen, sondern dieser selbstherrlichen Heidi Klum entgegenschmettern würde: »Dann behalte doch dein blödes Foto, du Ausbeuterin.«

Natürlich kommt jetzt der Einwand: Ist doch alles nur Spaß, alles nur Entertainment.  Aber was genau soll spaßig daran sein, dass ein zynischer Fernsehsender seinen mehrheitlich jugendlichen Zuschauern vorgaukelt, es sei unterhaltsam, wenn andere Menschen vor ihren Augen erniedrigt werden?

Nackt geht immer: Mit diesem Motiv wird die neue Staffel derzeit deutschlandweit beworben. Foto: ProSieben / Rankin

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