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Küchenzeilen

Ein Witzigmann lernt kochen

Küchenzeilen  12 Kommentare

BASTIAN HERZEGOWINA

Laverna – ein Swingerclub? / Taschenmesser für die Nationalgarde von Liliput / Balkan-Becher mit Gewaldmeistereis und Stacheldrahtbeeren / von wilden Beeren und Granatäpfeln / Winzerstolz und Balkanblues / „Natur ist schön, aber Land kaputt“ / Großeinkauf in Mostar / Polenta mit Mama Jasna / blutiger Unfall vor der Lokaleröffnung / die Küchenmesser taugen nichts.

Von Max Witzigmann

Montag, 14.11.11, Ljubuški, 19 Uhr 45. Wir stehen am Tresen und überlegen, wie das neue Lokal von Sebastian Lerchl (35) heißen könnte. Mein Münchner Jugendfreund, der seit 2004 in Bosnien-Herzegowina lebt und eine Bioproduktion für Wildbeeren und -granatäpfel betreibt, sieht dieses Restaurant in erster Linie als sein erweitertes Wohnzimmer, in dem er mit seinen Mitarbeitern essen und gleichzeitig Treffen mit Geschäftsleuten abhalten kann.

“Wie wär’s mit Bistro Basti?”, frage ich.

“Noch so’n Vorschlag und du kriegst gleich kein Bier mehr”, sagt Sebastian.

“Was heißt ‚Bistro Zuhause’ auf Kroatisch?”

“Konoba kuci. Gar nicht so schlecht.” Er wendet sich an seinen einheimischen Geschäftsführer Željko. “Was hälst du von Konoba kuci?”, fragt er ihn auf Kroatisch.

“Weiß nicht”, sagt Željko. „Laverna find ich gut. So heißt der Laden von einem Freund in Zagreb.“

„Laverna? Was soll das denn sein?“, fragt Sebastian.

„Klingt irgendwie nach Swingerclub“, sage ich und befrage das Internet, wie man das als Topjournalist heutzutage so macht. „Da steht’s ja… Laverna war eine altrömische Gottheit, gehörte wahrscheinlich zu den Unterweltsgöttern und galt als Schutzgöttin der Diebe und Betrüger.“

„Um Gottes Willen, auf gar keinen Fall!“, sagt Željko.

„Da können wir es ja gleich Restaurant Mafia nennen“, sagt Sebastian. Wir lachen, obwohl oder gerade weil wir wissen: Die organisierte Kriminalität ist in weiten Teilen dieser jungen Republik immer noch ein Problem.

„Granatapfel? Was heißt Granatapfel auf Kroatisch?“, frage ich.

„Nar“, sagt Sebastian.

“Konoba Nar?”, Sebastian sieht Željko an. Beide nicken.

Konobar Nar: Das Kind hat einen Namen.

Sonntag, 13.11.11, Flughafen München, 11 Uhr 20. Gehetzt lasse ich den unvermeidbaren Security Check über mich ergehen. In wenigen Minuten hebt mein Flugzeug Richtung Split ab und ich bin zu spät. Wie immer. Müsste aber schnell gehen, in meiner Tasche sind keine Flüssigkeiten; und da ich weder gepierct noch Cockringträger bin, hat mein Körper außer dem Gold in meinen Zähnen kein Metall aufzuweisen.

“Ist das ihre Tasche?”, fragt mich die Dame von der Flughafensicherheit und beginnt, mein gescanntes Handgepäck zu durchsuchen, bevor ich mit ja antworte. Verwunderung. Was hat sie da bloß im Visier? Das große Schweizer Taschenmesser von meinem Sohn, eingepackt in ein von meiner Tochter Leni (7) beschriebendes Kuvert: “Liber Papa dasmessa soll dich halt beschüzen damit du in bossniennherzeigowinna nicht ausgeraupt wiast. Ich hapdich lip. Leni.” Ich hätte meiner Tochter damals keine Spielzeugpistole in die Hand drücken sollen, als sie aus Angst vor einer Hexe nicht einschlafen konnte. “Wenn die Hexe kommt, knallst du sie einfach ab.” Das hab ich nun davon.

“Wollen sie das Messer mitnehmen?”, fragt die Frau.

“Überhaupt nicht. Versteigern sie’s bitte auf Ebay oder schenken sie’s der Nationalgarde von Liliput. Hauptsache, ich krieg meinen Flieger.”

Autobahn Kroatien, 15h. Auf der Fahrt vom Flughafen Split ins herzegowinische Vitina poste ich auf Facebook ein Foto einer kroatischen Eismarke, das ich an einer Tankstelle entdecke.

Kroatisches Eis: Schmeckt gar nicht mal so scheiße, wie es sich liest.

Keine zwei Minuten später kommentiert das Bild mein geschätzter Autorenfreund Andreas Hutzler: “Für mich bitte den Balkan-Becher mit Gewaldmeistereis und Stacheldrahtbeeren.“ Meine Antwort: „Ich empfehle die Geschmacksrichtung Pumpgum.“

Ich frage mich, woher diese Voreingenommenheit gegenüber der Bevölkerung dieses europäischen Landstrichs kommt. Gut, die jugoslawischen Jungs in der Grundschule tauschten schon immer lieber Ohrfeigen als Panini-Bilder. Aber den größten Schatten hatten immer noch die deutschen Kids. Wie zum Beispiel der Hausmeistersohn, der damals meiner Schwester Véronique beim Spielen aus purer Freude in den Hintern gebissen hat und es doch tatsächlich geschafft hat, ihr durch die Jeans ein Autogramm seines Gebisses ins Gesäßfleisch zu graben.

Wenn man durch die mediterrane, karstige Hügellandschaft der kroatischen Adria Richtung Bosnien-Herzegowina fährt, kann man sich gar nicht vorstellen, dass dieser schöne Fleck Erde seit hunderten von Jahren ein Blut getränkter Rugbyplatz europäischer Geschichte sein soll.

Vorsicht vor dem bisschen Hund! Sebastians “Kampfhunde” Lara und Luna.

Vitina, 15 Uhr 52. Sebastian und ich fallen uns in die Arme. Das letzte Mal haben wir uns auf seinem ehemaligen Weingut Terra Gomelitz in der Steiermark gesehen. Schon einige Jahre her. Heute ist er Produzent für Bioobst in Bosnien-Herzegowina. 250 Tonnen Wildbeeren hat der studierte Önologe dieses Jahr bereits an deutsche, österreichische und schweizer Unternehmen verkauft. Seit einigen Wochen läuft die Wildgranatapfelernte.

Der Wildgranatapfel fällt nicht weit vom Stamm: Die Ernte in Bosnien-Herzegowina läuft auf Hochtouren.

„So, jetzt müssen wir aber erst mal in mein neues Lokal“, sagt Sebastian.

„Was denn für ein Lokal?“, frage ich.

„Des wirst dann schon sehen.“

Man gönnt mir ja sonst nix: Balkanpionier und Genussmensch Sebastian Lerchl auf seinem Motorboot vor der kroatischen Adriaküste.

Ljubuški, 16 Uhr 30. Sebastian Lerchl – der alte Geheimniskrämer. Hat er sich doch tatsächlich ein Lokal im Nachbarort angemietet, ohne mir etwas davon vor meiner Anreise zu sagen. Über dem Eingang hängt noch das dreckige Schild des vorangegangenen Lokals: PIZZERIA SUZANA.

Der Laden ist riesig. Sicher 200 Quadratmeter. Die Einrichtung erinnert an einen Münchner Edelitaliener aus den  1990ern. Verspiegelte Wände, viel Holz, Tapeten mit Pflanzenmotiven. Moderner geht’s nicht für bosnisch-herzegowinische Verhältnisse. Die Bar sieht gut aus, verfügt aber über keinerlei Kühlelemente. In der Küche steht nichts außer einem Kühlschrank und einem großen selbst gemauerten Holzofen, in dem der Vorgänger Pizzas gebacken hat. Das wird noch ein Stück Arbeit, bis zur Eröffnung. Eine gute Woche wird das sicher noch in Anspruch nehmen. „Wann willst’n aufsperren?“, frage ich Sebastian.

„Übermorgen.“

Montag, 14.11.11, Vitina, 9 Uhr. Auf der Tagesordnung steht heute Großeinkauf fürs Restaurant: Gläser, Geschirr, Besteck, Kochtöpfe, Messer, ein kleiner Kühlschrank für die Bar. Wir frühstücken in einem kleinen Lokal. Ich studiere die Speisekarte und stelle fest, hierzulande hat man keinerlei Berührungsängste vor Froschschenkeln.

Frühstückszeit in Bosnien-Herzegowina: Die Einheimischen sagen dazu auch “Froschstück” oder “Quakteilchen”.

Auf unserer Fahrt ins circa zwei Stunden entfernte Mostar, wo wir unsere Einkäufe tätigen wollen, erzählt mir Sebastian im Detail, wie es ihn aus einem wohl behüteten Elternhaus in Großhadern über die Steiermark auf den wilden Balkan verschlagen hat. Sein Werdegang ist eine Mischung aus Wirtschaftskrimi und Auswandererdoku.

Während seines Studiums der Getränketechnologie in Geisenheim, macht er ein Praktikum bei einem namhaften Weinbauern in der Steiermark, steigt zum Berater für einen Wachauer Winzer auf und verliebt sich nebenbei in ein Weingut in der Steiermark. Seine Eltern verkaufen 2002 ihr Haus und ziehen mit ihrem Sohn nach Österreich, um gemeinsam den romantischen Traum vom Winzerdasein zu leben. Die benachbarten Weinbauern nehmen die zugereisten Münchner freundlich auf. Die Situation ändert sich schlagartig, als Sebastian für seine ersten Weine viel Anerkennung und internationale Preise erntet. Die Freundschaft wandelt sich um in Konkurrenz. Ein bekannter steirischer Winzer setzt Händler unter Druck: „Wenn ihr den Wein vom Lerchl nehmt, bekommt ihr von mir keinen mehr.“

Sebastians Weingutpläne geraten ins Stocken. Da kommt das Angebot gerade recht, für die Hypo Alpe Adria als Weinberater im ehemaligen Jugoslawien zu arbeiten. Kurze Zeit später wird ihm eine Weinkellerei in Bosnien-Herzegowina angeboten, die er besonders gut bewertet hat. Sebastian bringt sein Weingut in die Firma Vino Alpe Adria mit ein, damit er sich sein neues Standbein leisten kann. Zum ersten Mal wird er stutzig ob der Seriosität seiner neuen Geschäftspartner, als er feststellt, dass Betriebe im Firmenverbund plötzlich um 1/3 mehr Wert waren als ursprüngliche Bewertungen bescheinigten.

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Weil es anfangs gut läuft, denkt er nicht groß drüber nach. Nach drei Jahren ist jedoch klar: Nichts von dem, was ihm versprochen wurde, ist eingetreten. Zudem häufen sich die Alarmsignale. Er wird immer tiefer in die fragwürdige Geschäftspolitik hineingezogen, soll gute Miene zum bösen Immobilienpoker der Banker machen. Sebastian zieht die Notbremse. Im Dunstkreis der Balkanmafia, die eng mit den dort tätigen Banken kooperiert, hat schon so mancher sein Leben lassen müssen, das hierzulande nicht mehr wert als 500 Euro ist.

Schweren Herzens trennt sich Familie Lerchl vom eigenen Weingut in der Steiermark. Gleichzeitig steigt Sebastian aus dem Firmenverbund der Vino Alpe Adria aus. Raus aus dem Banken, weg von der Balkanmafia – nicht ohne sich vorher entsprechend abzusichern und sein Wissen zu schützen. Eine Entscheidung, die er nicht bereuen sollte. Kurz darauf kam es zum Gau bei der Hypo Alpe Adria.

Mittlerweile sind besagte Weingüter und weitere Firmen dieses Netzwerkes so hoch verschuldet, das dort schon lange nichts mehr produziert und wohl auch nicht mehr werden wird. Zumal sie gerade einmal 1/3 der Schuldenbelastung wert sind. Kein Einzelfall. Sebastian sagt: “Das Geschäftsgebaren der Banken am Balkan, wie zum Beispiel das der Hypo Alpe Adria, wird diese Regionen um mindestens zehn Jahre zurückwerfen, sobald die Immobilienblase platzt. Das könnte ein zweites Griechenland werden.”

Es gibt jede Menge internationale Unternehmen, die in Bosnien-Herzegowina investieren möchten, aber keiner ist bereit, diese Phantasiepreise zu bezahlen. Dazu kommt die verfahrene politische Situation. Das zwangsrational erschaffene Staatskonstrukt verhindert einen wirtschaftlichen Aufschwung. An die 400 Minister und Abgeordnete hat Bosnien-Herzegowina. Mindestens dreimal so viel wie es bräuchte. Nachdem aber jede der drei föderativen Identitäten (Bosnien, Herzegowina und Republika Srpska) laut Verfassung ihre eigenen Vertreter haben muss, reitet dieses Land auf einem absurd großen Amtsschimmel, der gleichzeitig in drei Richtungen möchte. Man blockiert sich gegenseitig. Kooperationen unter den drei Kräften, die sich auch nach Kriegsende immer noch nicht grün sind, gibt es kaum.

Ein späteres, erneutes Angebot seiner ehemaligen Partner, nun allesamt an der Spitze des Bankenskandals, lehnte Sebastian Lerchl übrigens dankend ab. Alle rechneten mit seinem Rückzug. Die Verwunderung bei Freund und Feind war groß, als er begann, seine eigenen Verbindungen aufzubauen. Als einer der wenigen glaubt er tatsächlich an das Potenzial, das in Bosnien-Herzegowina steckt.

Seit 2008 erschließt Sebastian für sich und ausländische Investoren erfolgreich neue Geschäftsfelder. Abseits des staatlichen Wahnsinns, der Banken und der Wirtschaftsmafia; abseits der organisierten Kriminalität und vieler lokaler Wegelagerer. Eine reizvolle Aufgabe, aber auch nicht ganz unkompliziert. In dem Land, in dem ein durchschnittlicher Arbeiter mit 200 Euro Monatsgehalt auskommen muss, grassieren Bestechung und Beschaffungskriminalität.

Dennoch: Ohne Beziehungen gerät man hier unter die Räder. Deshalb hat Sebastian in seiner Wahlheimat eine Gruppe loyaler Mitarbeiter um sich versammelt, die heute für ihn wie eine zweite Familie sind. Dazu gehören unter anderem Ivan (23, Katholik) und Amar (19, Moslem). Amars Geschichte ist typisches Beispiel wie es vielen Jugendlichen, geboren in den Kriegswirren, ergangen ist: Sein Vater, Waffenhändler und Drogenboss, tauchte mit seinem damals noch sehr kleinen Sohn in Amsterdam unter, als im ehemaligen Jugoslawien der Krieg ausgebrochen war. Seine kriminellen Geschäfte wickelte er von Holland aus ab. Irgendwann flog er auf, kam für ein Jahr ins Gefängnis, Amar musste ins Heim, während seine Mutter in der alten Heimat von Verbrechern vergewaltigt wurde, die wissen wollten, wo ihr Mann steckt. Nach Kriegsende kamen Vater und Sohn wieder zurück in ein zerstörtes Land. Mit 16 wollte Amars Vater, dass er in seine Gangsterfußstapfen tritt. Da riss er von zu Hause aus und stand plötzlich vor Sebastians Tür, fragte ihn, ob er Arbeit für ihn habe. Da Amar gut Englisch kann, hat er ihn eingestellt.

Die Liste der Menschen mit einem ähnlichen Schicksal, die Sebastian zu seiner treu ergebenen Wahlverwandtschaft zählt, ließe sich noch fortsetzen. Der Deal ist immer derselbe: Er bezahlt sie, dafür bekommt er Kontakte, Arbeitskraft und Schutz. Einmal musste sein Auto in die Reparatur, am nächsten Tag war es nicht mehr da. Der Mann, dem mein damals noch argloser Jugendfreund seinen Wagen anvertraut hatte, war hoch verschuldet und verkaufte ihn einfach weiter. Dank Sebastians Kontakten konnte der gestohlene Wagen wieder ausfindig gemacht werden – jedoch nur zu zwei Dritteln. Der Rest war bereits abmontiert und auf dem Weg nach Albanien. Sebastian ließ den Wagen wieder instand setzen und der Schadensverursacher hatte 2.000 Euro Schulden mehr. Heute ist der notgedrungene Autoschieber einer von Sebastians engsten Freunden. Muss man nicht verstehen. Das ist Balkan!

Die Einheimischen sind froh, dass es jemanden wie Sebastian gibt, für den das größte Gefahrenpotenzial dieses Landes in der (Jugend)arbeitslosigkeit schlummert. Eine tickende Zeitbombe: “All die EU-Milliarden finden ihren Weg – wie in Griechenland – leider nicht zum Volk und den Jugendlichen. Dabei hätten die’s am nötigsten.” Neulich hat er einem Freund finanziell unter die Arme gegriffen, damit dessen Mutter ein Lungentumor entfernt werden kann. Ärzte behandeln hier nur gegen Cash. Aber das hat eben keiner. Und wenn jemand einen Job hat, wird das ohnehin schon karge Gehalt werden oft mit zwölf Monaten Verspätung ausbezahlt.

Das Neretva-Tal in Bosnien-Herzegowina. „Natur ist schön, aber Land kaputt“, sagt Ivan, Sebastians Fahrer.

Mostar, 11 Uhr 30. In einer deutschen Baumarktkette, die hier eine Filiale betreibt, und einem lagerähnlichen Kaufhaus erledigen wir unsere Besorgungen für die Eröffnung morgen. Anschließend fahren wir in die historische Altstadt um noch ein paar Lampen einzukaufen. Kinder in zerrissenen Klamotten knien an roten Ampeln vor großen Lastkraftwagen und betteln. Von den Wirren des Krieges zeugen hier nur mehr vereinzelt ein paar Ruinen mit Einschusslöchern. Die Anzahl der Neubauten überwiegt. Erstaunlich viele Moscheen gibt es und absurd große Kirchen aus Beton, die mehr wie Bunker aussehen.

Halleluja! Moderne Kirche in Mostar.

Der Krieg ist vorbei, aber der Frieden ist in den Köpfen noch nicht angekommen.

Don’t forget: Mahnmal in Mostar.

Grude, 18 Uhr. Wir sind bei Ivans Familie zum Essen eingeladen. Mama Jasna, die künftig in Sebastians Lokal regionale Hausmannskost zubereiten wird, zeigt mir heute ein traditionelles Gericht aus der Herzegowina: Pura, so sagt man hier zu Polenta. Als erstes wäscht und schält Ivans Vater zwei Knollen Knoblauch aus dem heimischen Garten, den hier in der Gegend so ziemlich jeder hat. Dann gibt Jasna den Maisgrieß in den Topf und erhitzt ihn auf großer Flamme. In Minutenschnelle duftet es nach geröstetem Mais. Anschließend fügt sie reichlich kochendes Wasser hinzu, das sie zusammen mit Salz im Wasserkocher erhitzt hat – hab ich auch noch nie gesehen. Parallel zerstoße ich im Mörser die Knoblauchzehen. Jovana zerlässt einen ansehnlichen Butterberg in einer Pfanne und lässt sie braun aufschäumen, danach rührt sie ein großes Stück Kuhmilchfrischkäse ein. Die Pfanne wird in nassen Küchentüchern runtergekühlt. Im Anschluss kommen noch zwei große Becher Naturjogurt dazu sowie die Knoblauchzehen. Die Männer – Christen wie Moslems – setzen sich an den Tisch, die Frauen nehmen auf der Couch Platz und sehen fern. Die Polenta schmeckt fantastisch. Allerdings muss ich tierisch meine Schließmuskeln zusammenkneifen. Diese Menge Knoblauch ist mein Magen nicht gewohnt.

Mahlzeit! Mama Jasna bei der Arbeit.

Wir sitzen noch lange zusammen und essen noch ein Wildhasenragout, das der Nachbar mitgebracht hat. Das Geld ist zwar knapp, aber zum Glück gibt es hier ein exklusives Feinkostgeschäft namens Natur, in dem man sogar feinstes Hasenfleisch für ein paar Körner Schrot kaufen kann. Vegetarismus oder gar Veganertum sind in diesen Gefilden Fremdwörter. Die Menschen sind froh, wenn sie überhaupt Abwechslung auf den Tisch bekommen. Je länger der Abend, desto ausgelassener die Stimmung. Bis der Nachbar, der damals gar nicht selbst dabei war, anfängt vom Krieg zu erzählen. Das will hier niemand hören. Ivans Vater, der das Grauen am eigenen Leib erfahren hat, gesellt sich zu den Frauen auf die Couch. Als der Onkel dann noch anfängt, Sätze zu formulieren wie „Hitler war ein guter Mann“, erhebt sich Sebastian schlagartig: „Wir müssen jetzt gehen!“

Mittwoch, 15.11.11, Ljubuški, 10 Uhr. Noch wenige Stunden bis zur Eröffnung, die mehr ein Soft-Opening für Freunde und Familie ist. Scheiben werden geputzt, die Spülmaschine läuft ununterbrochen, die Bar wird eingeräumt, ein Kochfeld in der Küche angebracht und zu guter Letzt wird das schwere alte Schild abmontiert, das noch über dem Eingang hängt. Zu fünft ziehen und zerren wir an dem sperrigen Ding und dann kommt es mit Schwung runter. Geschafft! Nur Amar ist plötzlich kreidebleich im Gesicht. Er hat in eine Metallplatte gegriffen und sich die gesamte Hand bis auf die Knöchel zerschnitten. Blut tropft auf den Gehweg.

Obacht, Killerschild!

Eine gute Stunde später kommt Amar aus dem Krankenhaus zurück. Er wurde genäht. Erst mal ein Bier und eine Schmerztablette.

Armer Amar: dicke Finger nach erfolgreicher ärztlicher Behandlung.

Mama Jasna kocht heute mit Freundin Ivana, die sie mir als „Schatzi“ vorstellt, ein Gulasch aus Kalbsfleisch. Die neuen Messer, die wir gekauft haben, sind eine Katastrophe. Fingerdick und schlecht geschliffen. Zum Glück habe ich meinen japanischen Superslicer dabei.

Während das Fleisch vor sich hin köchelt, mache ich Tomatensalat. In die Dressing gebe ich gefriergetrocknete Petersilie. Ivana muss lachen. Kräuter im Salat? Das hat sie noch nie gesehen. Ich will ihr noch sagen, zu den Tomaten gehört eigentlich Basilikum. Bei meinem Pizzapraktikum habe ich von Pizzaiolo Ivan gelernt: Tomate ohne Basilikum, ist wie Muschi ohne Haare. Ich verkneif’s mir. Wer weiß, zu welchen Komplikationen das in diesem anständigen Umfeld führen würde?

Kellnern kann er: Tellertaxi Witzigmann – oder besser gesagt “Tellermaxi”.

19 Uhr. Das Essen steht auf dem Tisch, um den unsere kleine Eröffnungstruppe sitzt. Zwei Frauen, sechs Männer. In anderen Kreisen nennt man so was “Sausage Party”. Auf dem großen Fernseher an der Wand läuft ein altes Musikvideo der Grupa Mi, einer ex-jugoslawischen Band, die in den 1970ern unter anderem Songs von Chicago gecovert hat.

Grupa Mi: Tad sam sretan. Original von Chicago: You make me smile.

Warum langt denn keiner zu? Ich will mir einen Schöpfer Gulasch nehmen, da beginnt Mama Jasna leise zu reden. Hände werden gefaltet, Häupter gesenkt – da verstehe ich: Sie spricht ein Tischgebet. Glück und Erfolg möge der Herrgott Sebastians Restaurant bescheren. “Und ein paar gscheide Küchenmesser wären auch nicht schlecht, lieber Gott”, sage ich – in Gedanken.

Nachdem sich alle bekreuzigt haben, wird endlich gegessen. Das Gulasch schmeckt trotz weniger Zutaten hervorragend. Mit Mama Jasna in der Küche kann Sebastians Lokal nur ein Knaller werden. Do vi?enja, Konobar Nar! Ich komme wieder.

Stay hungry!

Kommentare

  • alex wasowski

    lieber max, wie immer eine vor ironie und humor strotzende kolumne.
    ganz gross!!
    hatte grad 2 wochen reha in (f)bad-gögging und da soviel skurriles erlebt, dass ich angefangen hab eine art tagebuch zu schreiben. dazu jede menge schlimmer fotos…hast du tipps, auf welchem weg ich sowas ohne zu grossen aufwand bloggen, veröffentlichen kann? facebook mal ausgeschlossen….viele grüsse
    alex “the brain”

  • Ludwig Bergner

    Tellermaxi for President!

  • Valentina

    bin jedes Jahr in der Nähe (Metkovic) … werde mal in Ljubuski vorbeifahren und mir das Restaurant ansehen und ausprobieren :-)

  • Max Witzigmann

    @alex:
    lieber alex, ich bin ja leider so ein technikmonkey und habe das unverschämte glück, dass mir die flotten boys vom sz magazin dieses blog programmiert haben. grundsätzlich scheint mir die blog-software von wordpress.com nicht verkehrt. das müsstest du relativ schnell raus haben. und dass du deine reha-erlebnisse aufschreiben willst, finde ich super. raus mit dem ganzen käse! es befreit. herzlichen gruß_max

  • Jochen

    Da lese ich seit Januar gierig jede neue “Küchenzeilen”-Geschichte aus dem Hause Witzigmann, aber heute konnte ich meinen Augen nicht trauen.
    Bei Jasna habe ich im Juni am Tisch gesessen und zusammen mit Ihrer Familie gefüllte Paprika, Kartoffelpüree und Krautsalat gegessen……..eben bodenständige kroatische Hausmannskost. Und heute schon sehe ich Ihr Konterfei in der Süddeutschen. Kleine Welt !!!
    Sollte die “Konobar Nar” nicht laufen, liegt’s garantiert nicht an Jasnas Essen.

    P.S.: Es gibt ein Sprichwort über die Gegend um Grude welches sagt:
    “Dort gibt es nur Steine, Schlangen und Kroaten!”
    Die Küchenzeilen-Geschichte zeigt aber, dass es noch viel anderes zu entdecken gibt………allem voran das leckere (leichte) und unverfälschte Essen.

  • Leser

    Das verkniffene “Tomate ohne Basilikum, ist wie” usw. hätte vielleicht wirklich zu “Komplikationen” geführt. Aber nicht, weil Bosnien-Herzegowina ein “katholisches Land” wäre. Wer das so sieht, hat dort nichts gesehen.

  • Max Witzigmann

    @leser:
    so war es auch nicht gemeint, werter “leser” – und schon gar nicht politisch. einen friedlichen abend wünscht ihnen_max w.

  • detlef1206

    Immer wieder sehr erbaulich !

  • Isabela

    Mostar – es kommt darauf an auf welcher Seite man sich bewegt. Die Stadt ist sichtbar durchaus noch vom Krieg gezeichnet. Doch viel schwerwiegender sind die unsichtbaren Wunden. Die unsichtbaren Mauern, die sich durch diese Stadt ziehen und sie teilen. Elektrizitaet, Wasser, Krankenhaeuser, Abfallentsorgung – die Teilung ist omnipraesent. Fuer den passierenden Besucher nicht unbedingt auf den ersten Blick ersichtlich.

    Das Unverantwortlichste in meinen Augen ist die Bildungstrennung. Drei Bildungssysteme, drei Geschichten, drei Sprachen in einem Land der Groesse Niedersachsens. Die jungen Menschen erlernen eine beschraenkte Wahrnehmung gepraegt von Intoleranz und Feindbildern.

  • wolfi – zum wolf

    Tellermaxi ist absolut unschlagbar!!!!!

  • Deauville

    Mal wieder: wundervoll beobachtet, kenntnisreich beschrieben, shmoov formuliert. Bonustrack: dieser Text erzählt mehr über das Dilemma auf dem Balkan, als all die wohlmeinenden Leitartikel zusammen, die im Mutterblatt abgedruckt wurden. Ich bin beeindruckt. Mehr davon!

  • peter haegerter

    Also so was von uebersinnig und heuchlerisch habe ich schon lange nichts gelesen, mir scheint dieser Sebastian ein rassist der notgezwungen im Balkan lebt, wenn da unten alles so furchtbar ist, warum geht er nicht nach Deutschland anstatt die Menschen dort unten zu bestechen und zu misbrauchen.