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Das Musikblog von Johannes Waechter

SZ-Diskothek  5 Kommentare

Wie Jerry Lee Lewis St. Pauli verwüstete

Er raste durch die Stücke, als sei ihm der Teufel auf den Fersen: Ausgerechnet in Hamburg nahm Jerry Lee Lewis 1964 ein Album auf, das bis heute zu den wildesten Live-Mitschnitten der Musikgeschichte gehört. Nun wird dieses beängstigende Dokument als LP wiederveröffentlicht.

Von Johannes Waechter

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Ein exzessives Leben hat seine Spuren hinterlassen: Jerry Lee Lewis im Jahr 2008 – 44 Jahre nachdem er den Hamburger Star-Club in Grund und Boden gerockt hatte.

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In der Rockmusik ist es nicht nur legitim, sondern sogar erwünscht, sich wie ein Verrückter aufzuführen. Typen wie Iggy Pop, Johnny Rotten, GG Allin, Ozzy Osbourne oder Pete Doherty haben in den vergangenen Jahrzehnten versucht, sich dabei gegenseitig zu übertrumpfen, und gelten inzwischen als die wilden Männer des Rock. Doch wie so oft ist der Blick in die Vergangenheit lehrreich. Und der besagt, dass all die genannten Jerry Lee Lewis nicht das Wasser reichen können, der bereits 1964 das tobendste Live-Album der Pop-Geschichte aufnahm. Nun wird dieses Testament des Wahnsinns in einer wunderschönen Vinyl-Editon wiederveröffentlicht.

Jerry Lee Lewis? War da nicht etwas mit seiner Cousine? In der Tat: 1958 hatte der Südstaaten-Rocker seine 13-jährige Cousine geheiratet, was seine Karriere zum Stillstand brachte. Bei den Medien war er untendurch, nur wenige Fans hielten noch zu ihm. Zum Trost schluckte er Pillen und soff Whisky wie ein Loch. Und wenn er mal ein Konzert spielte, konnte es sein, dass der ganze Frust aus ihm herausbrach.

Im April 1964 trat Lewis zwei Wochen lang im Hamburger Star-Club auf, wo man ihn weiterhin als König des Rock’n'Roll verehrte. Horst Fascher, inzwischen als früher Freund der Beatles legendär, war damals beim Star-Club für die Künstlerbetreuung zuständig. In seinen sehr lesenswerten Memoiren Let The Good Times Roll (Eichborn-Verlag) beschreibt er, wie Jerry Lee Lewis sich damals auf der Bühne präsentierte: “… sobald sich der Vorhang öffnete, ließ Jerry die Bestie aus dem Käfig. Die ersten paar Takte saß er noch relativ verhalten am Klavier. Dann kickte er seinen Hocker mit der Hacke nach hinten und begann, sein Piano mit Handkantenschlägen zu traktieren (…) Und sobald der Killer den Laden im Griff hatte, setzte er noch einen drauf, sprang aufs Klavier und dirigierte die entfesselte Menge zu ‘Breathless’ in Ekstase.”

Das Album Live At The Star-Club Hamburg belegt Faschers blumige Schilderung. Jerry Lee Lewis, damals 28, prügelt aufs Klavier ein und rockt sich wie ein Verrückter durch die Nummern; Hank Williams’ “Your Cheatin’ Heart” ist die einzige Atempause in einem manischen Set. Zusätzlich angetrieben wird Lewis von den Nashville Teens (“Tobacco Road”), einer englischen Beatgruppe, die als seine Backing Band fungiert und dabei bestrebt ist, sich von diesem wilden Mann keineswegs an die Wand spielen zu lassen. So entwickelt sich ein Wettstreit, der die rohe Energie vorweg nimmt, welche später Genres wie Garagenpunk und Hardcore verbreiteten. Auch heute klingt diese Aufnahme noch absolut atemberaubend.

Die LP wurde damals vom deutschen Plattenpapst Siggi Loch produziert und erschien zuerst bei Star-Club Records, einem Unterlabel von Philipps; Originale kosten heute über 200 Euro. Die Bear-Family-Wiederveröffentlichung greift nun den Look der späteren Zweitveröffentlichung auf und ergänzt diesen um ein faszinierendes Gimmick: Wenn man das Cover aufklappt, faltet sich ein großer Plan von St. Pauli auf. Ein würdiger Rahmen für eine LP, über die Q schrieb: “This might be the most exciting performance ever recorded.”

Foto: AP

Kommentare

  • Streugut vom 11.02.2010 | Hey Tube

    [...] Wie Jerry Lee Lewis St. Pauli verwüstete Ein exzessives Leben hat seine Spuren hinterlassen… [...]

  • Juliane

    Jerry Lee Lewis war ein Rock’n Roll GOTT!!!
    Ich hätte das alles soooo gerne miterlebt, solche Musik (v.a.Klavier) genies gibt es heute gar nicht mehr !

  • Johannes Waechter

    @ Juliane
    Du sprichst mir aus der Seele!

  • Thomas

    @ Juliane
    …wieso war? Er ist es!

    Die ‘guten alten Zeiten’ im StarClub sind ja leider vorbei und die Idee von Bear Family, das von Kritikern als bestes Live-Album aller Zeiten betitelte, als Vinyl Re-Issue wieder aufzulegen nicht schlecht, aber es wäre bestimmt sehr wünschenswert gewesen, daß dort mehr Fakten und Bilder aus der Zeit zu finden wären. Dieses fehlt jedoch leider. Somit hat Bear Family nur halbe Arbeit geleistet (wenn überhaupt) und wieder einmal die Chance vertan, zu beweisen, daß sie ernsthaft daran interessiert sind Sammlerstücke zu produzieren. Die Neuauflage ist halbherzig gemacht und bekommt den faden Beigeschmack, daß wieder einmal guter alter Stoff nur zum Kohle machen verwurstet wird.
    Schade für dieses großartige Album, die Fans und Bear Family.
    http://jerryleelewis.org/cgi-bin/weblog_basic/index.php?p=583