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Nummer Eins der Woche

Von Nataly Bleuel und Boris Herrmann

Nummer Eins der Woche  4 Kommentare

Die Nummer Eins der iPhone-Spiele: Touch Me

Ein kleines Spiel, so puristisch, dass man darüber beinahe zum Philosophen wird.

Von Max Scharnigg

Schon klar, Computerspiele brauchen keine opulente Ausstattung, um erfolgreich zu sein, da muss man sich nur prägende Klassiker wie Pong, Tetris oder Moorhuhn samt ihrer vielen Nachfolger und Klone vor Augen halten. Trotzdem ist man bestürzt, wie schlicht der aktuelle Spitzenreiter des App-Stores aus der Kategorie “Meistgeladene Spiele” auf dem eigenen Smartphone auftaucht: Ein schmaler Balken auf dem “Touch Me” steht.
Sonst nichts.

Farblich ist dieser packende Spielaufbau in einem aufpeitschenden Weiß-Grau gehalten. Keine bunten Kleckse, keine Sterne, keine Monster, nicht mal ein Soundbett von der Plastik-Drehleier ist zu hören. Das ganze Spiel macht etwa so viel her wie ein Türschild im Kreisverwaltungsreferat, kostet allerdings noch weniger, nämlich nix. Was aber bis auf die Nummer Eins der umkämpften App-Charts klettert, bei dem darf getrost irgendein Sucht-Potential vermutet werden.

Nun, im Falle von “Touch Me” besteht es darin, den Balken zu touchen, auf dem “Touch me” steht. Komplizierter wird es nicht. Der Balken springt im Sekundentakt auf dem kleinen Bildschirm hoch und runter, und wo immer er auftaucht, muss der Spieler schnell den Touchscreen drücken. Dann hat er einen Punkt und es gibt ein Mini-Geräusch. Drückt er daneben oder hat zu dicke Finger, ist das Spiel vorbei. Gelegentlich steht auch mal ganz grundlos “Don’t Touch Me” auf dem Balken, dann muss man mit maximaler Willenskraft den eigenen Zeigefinger zurückhalten, der vom hektischen Touchen nach wenigen Spielminuten wie automatisiert über die Spielfläche fetzt. Endlos geht das so: springender Balken, Touch Me, Mini-Geräusch, 342 Punkte und dann wieder von vorne. Computerspieler sehen bei ihrer Tätigkeit selten elegant aus, aber dieses stundenlange Hineintippen in den ewigen Touchscreen, gepaart mit angstvoll fliegendem Blick und angestrengtem Lippenschürzen, wirkt auf Umsitzende in der S-Bahn bald wie eine Fortsetzung der Sisyphossage – präsentiert von Steve Jobs.

Natürlich ist das nicht das erste Spiel, bei dem man nichts anders zu tun hat, als die eigene Auge-Fingerspitzen-Koordination zu fordern, aber dass hier keine Zielscheiben, keine Luftballons oder Moorhühner angetippt werden, dass nicht mal der Versuch einer Kulisse gemacht wird, das ist schon, äh, erwähnenswert modern. Denn dieser fehlende Zierrat macht auf puristische und gnadenlose Art klar, um was es nun mal geht: Zeit vernichten. Andere Spiele versuchen mit aufwändigen Prologen, die Spieler von der Dringlichkeit, ja sogar Wahrhaftigkeit, ihres Einsatzes zu überzeugen, damit die wiederum so eine Art Ausrede für verdaddelte Nächte haben. (“Schatz, ich musste doch meine Muttererde-Crew vor der Rache der Dunkelmächte schützen. Die hatten neue Zauberer!”) Und selbst beim supersimplen Tetris gab es immer noch Unwägbarkeit (Welcher Stein kommt als nächstes?) und persönliche Taktik (Ich baue auf den erlösenden Balken) zu vereinen. “Touch Me” hingegen ist nur ewige Fortsetzung mit immergleichen, minimalistischen Mitteln. Jeder Fingertipp eine halbe Sekunde Lebenszeit, die man rumgekriegt hat. Als Belohnung einen Punkt! Man könnte auch auf die Armlehne trommeln, Bäume zählen oder die Uhr beim Ticken beobachten. Aber gibt’s dafür einen Highscore? Eben.

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Kommentare

  • erich

    fast hätte ich einen Kommentar geschrieben, … aber dann fiel mir ein, dass das genauso sinnfrei ist wie das Spiel, darum habe ich es bleiben lassen … äh?! verdammt! wieder reingefallen! 60 Sekunden Lebenszeit vernichtet!

  • felix

    andererseits gibts aber auch genuegend spiele mit mega grafik und extrem aufwaendigem design die weniger vom spieler verlangen als dieses hier.

  • Ähem…

    sorry fürs Nörgeln – aber: im Titel sollte es vielleicht doch lieber heißen: “[...] zum Philosophen wird.”

    Gruß,
    Kuchen.

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