Nummer Eins der Woche 2 Kommentare
Nummer Eins der Popmusik
Über die Stadt Chemnitz als erster Prügelknabe im Staat (und die Chemnitzer Band Kraftklub als neue Nummer 1 der deutschen Album-Charts).
Von Cornelius PollmerZwei Beispiele für Beschreibungen Ostdeutschlands – ein sehr konkretes aus dem Jahr 1824, ein zu allgemeines aus dem November 2011. Ein bisschen länger ist es her, dass Heinrich Heine dem Brocken in dessen hausbergeigenes Gipfelbuch dichtete: “Große Steine, müde Beine, saure Weine, Aussicht keine. Heinrich Heine.” Noch keine drei Monate sind vergangen, seit Thomas Schmid auf der Titelseite der von ihm herausgegebenen Zeitung Die Welt fast unwidersprochen den ganzen Osten als “Dunkeldeutschland” beleidigte – in den flankierenden Anführungszeichnen konnte man noch einen leisen Zweifel an der eigenen Pauschalisierung erkennen, mehr gewiss nicht.
Es ist nicht bekannt, wie viele Leser das Gipfelbuch des Brockens zählt, es geht hier auch nicht um eine Beweisführung, sondern um die seltsame Mischfärbung vieler Berichte und Berichterstattungen über den Osten. Wäre der Osten ein Mensch, der Umgang mit ihm erfüllte zuweilen den Tatbestand des Mobbings. Und der liebste Prügelknabe aus Neufünfland ist eine Stadt in Sachsen, sie heißt Chemnitz.
Chemnitz hatte das Pech, ausgangs der Neunziger von der Sendung Die Wochenshow als Marke und Buzzword für allen Ost-Klamauk eingeführt zu werden (“Captain Chemnitz”). Seitdem bekommt es, unregelmäßig aber verlässlich, immer wieder mal einen kräftigen Tritt. Zuletzt in einer eher unlustigen Satire der taz – auf welche die Stadt leider ebenso verlässlich ein bisschen bieder reagierte. Etwas zuvor äußerte sich Oliver Maria Schmitt, der mit dem Adjektiv lustig zwar nicht falsch, aber unzureichend beschrieben ist. In seinem jedenfalls sehr lustigen Text über Chemnitz in der FAZ stellte Schmitt fest: “Andernorts hadert man noch mit Jugendgewalt oder Gentrifizierung, hier wird schon munter geriatrifiziert.” Der Befund war nicht neu, wohl aber die schöne Idee, sich deswegen in einem Sanitätshaus einen Rollator auszuleihen: “Ich will ihn Probe fahren”!
Es gibt auch junge Menschen in Chemnitz. Fünf von ihnen, Freunde seit Jahren, spielen in der Band Kraftklub. Eines ihrer Lieder heißt “Karl-Marx-Stadt” – so hieß Chemnitz, als es noch die “einzige deutsche Stadt der Welt mit drei O im Namen” war, wie Schmitt kenntnisreich von “Gorlmorksstodt” zu erzählen wusste. In diesem Lied also erzählen Kraftklub von ihrer Heimat, von Chemnitz: “Ich bin nicht mal cool in einer Stadt, die voll mit Nazis ist, Rentnern und Hools…Diskriminiert, nicht motiviert, von der Decke tropft das Wasser, nix funktioniert…bin ein Verlierer, Baby. Original Ostler!”
Diese Woche war auf der Facebook-Seite von Kraftklub zu lesen: “AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARGGGHHHH!!!!!!!!! Wir sind auf Platz Eins!!!! Vielen dank euch allen!!! ♥♥♥”
Dazu sind zwei Dinge zu sagen: Erstens, das stimmt. Zweitens, gemeint sind nicht etwa die Hörercharts von Radio Chemnitz – sondern die bundesweiten Albumcharts.
Was sonst zu Kraftklub zu sagen ist, und wie sie zu Gewinnern wurden, das kann man jetzt fast überall nachlesen. Es geht in diesen Geschichten auch um Tragik und Stolz ihrer Herkunft, und darum, der eigenen Wehleidigkeit fröhlich den Mittelfinger zu zeigen. (Letzteres ist übrigens in Anbetracht der anhaltenden Hipster-Debatte um verweichlichte Hipster-Männer gar keine schlechte Idee.)
An dieser Stelle sollen allein zwei Fragen noch beantwortet werden. Hat der Erfolg von Kraftklub etwas mit Chemnitz zu tun? Ganz bestimmt, und außerdem ist es im Fußball doch auch so, dass die ganze Stadt feiert, wenn der Klub Meister wird. Glückwunsch, Chemnitz.
Es wird, zweitens, jetzt manchmal gefragt, wie viel oder wie wenig Rock’n’Roll die Musik von Kraftklub ist. Die Frage hat ihr Sänger Felix Brummer neulich bei einem Konzert für tape.tv beantwortet. “Wie Rock’n’Roll seid ihr eigentlich noch, macht ihr noch Dinge kaputt?”, fragte der Moderator. Brummer sagte: “Ja, aber nur aus Versehen.”
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