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Nummer Eins der Woche

Von Nataly Bleuel und Boris Herrmann

Nummer Eins der Woche  1 Kommentar

Klick! Mich! An!

Welche Themen interessieren die Deutschen am meisten? Die TU Darmstadt hat es herausgefunden. Hier die - etwas überraschenden - drei Artikel, die im Jahr 2012 am häufigsten von Lesern empfohlen wurden.

Von Boris Herrmann

Mal angenommen, es wäre Sinn und Zweck dieser Kolumne, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen, dann läge in dieser Woche nichts anderes als die Versuchung nahe, das Thema Sexismus um eine gewagte These weiterzudrehen. Es soll in dieser Kolumne aber nicht um billige Effekthascherei gehen, sondern um die Wahrheit. Und die Wahrheit ist offenbar: Die Deutschen interessieren sich vor allem für Konzeptkunst. Und zwar massenhaft. Es gibt im Grunde nur zwei Themen, für die sich die Deutschen noch brennender interessieren: Rechtsprechung und ungeschützter Sex. Dazu später mehr. Zunächst müssen wir notgedrungen noch ein wenig bei der Kunst verweilen. Das sind wir der Wahrheit schuldig.

Die TU Darmstadt war so fleißig, die Online-Artikel der wichtigsten deutschen Nachrichten-Seiten nach ihrem Teilungsgrad in sozialen Netzwerken zu sortieren. Sie untersuchte: Was wurde im Jahr 2012 wie oft bei Facebook geliked und geteilt, was wie oft bei Twitter retweeted? Diese Art der Qualitätskontrolle will darstellen, was die Leute wirklich interessiert.

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Platz 3: die fliegende Katze (Foto: Reuters)

Und man muss schon sagen, wenn sich die Darmstädter Forscher nicht verzählt haben, dann förderten sie Erstaunliches zutage. Auf Rang Drei der meistgeteilten Artikel des vergangenen Jahres liegt ein Text über den niederländischen Künstler Bart Jansen, der für die St. Art Gallery in Amsterdam einen sogenannten Quadrocopter entwickelte. 37000 Leser haben eine diesbezügliche Kunstkritik auf Spiegel Online ihren Facebook-Freunden empfohlen. Das stellt allemal ein Achtungserfolg dar für die um Klicks ringende Feuilletonisten-Branche.
Ein Quadrocopter gehört zur Familie der Multicopter, er ist der komplexere Bruder des Helicopters, da er von vier Rotoren betrieben wird. Jansen hat für sein Modell gewissermaßen einen alten Freund wiederverwertet, weshalb die Kollegen von Spiegel online die zugegebenermaßen nicht sehr feuilletonistische Überschrift wählten: “Mann baut Hubschrauber aus toter Katze”. Nach Angaben des Künstlers hörte das Tier, bevor es von einem Auto überrollt wurde, auf den klangvollen Namen “Orville Wright”. Der gute alte Flugzeugpionier aber hätte wahrscheinlich nur müde gelächelt, wenn er dem Amsterdamer Jungfernflug des nach ihm benannten “Orvillecopters” beigewohnt hätte. Obgleich sich an jeder Pfote ein Propeller drehte, hob Jansens Modelflugkätzchen lediglich ein paar Zentimeter vom Boden ab.

Platz 2: Bordo oder Porto oder Bordeaux? Foto: dpa

Die Protagonistin der zweitbeliebtesten Nachricht des Jahres 2012 war überhaupt nicht in der Luft. Dabei hatte sie 294 Euro für ihr Flugticket nach Bordeaux ausgegeben. Später behauptete die Dame mit sächsischer Sprachfärbung jedoch, sie habe überhaupt nie die Absicht gehabt, Bordeaux zu besuchen. Sie habe ihrem Reisebüro vielmehr aufgetragen, einen Flug nach Porto zu buchen. 42000 Facebook-Nutzer sowie 1136 Twitterer nahmen Anteil an der Berichterstattung über den daraus resultierenden Rechtsstreit vor dem Amtsgericht Bad Cannstatt. Leider gibt der ebenfalls auf Spiegel Online erschienene Artikel keinen Aufschluss darüber, weshalb die Klägerin ihr schönes Heimatland Sachsen überhaupt so dringend in Richtung Bordugal verlassen wollte. Nach SZ-Informationen soll sie damals ausgesagt haben: “Ich gonnde dähn Dialägd nich mähr erdraachn!”

Apropos Spiegel Online: Neuerdings mehren sich die Anzeichen, dass es auch den Focus noch gibt. In der gedruckten Ausgabe der Münchner Illustrierten hat neulich unter anderem die Skifahrerin Maria Höfl-Riesch erläutert, weshalb sie gegen die Frauenquote ist. Wenn man sie richtig verstanden hat, zeigt gerade das Beispiel der Frauenabfahrt, dass es auch ohne Frauen-Quote geht. Focus Online hatte bereits einige Monate zuvor ein beeindruckendes Lebenszeichen abgegeben – mit dem meistgeteilten Artikel des Jahres 2012 (79000 empfahlen das).

Platz 1: Hat diese Frau eventuell eine lockere Einstellung zum Thema Liebe? Foto: dpa

Der erläuterte so anschaulich wie klischeefrei, weshalb Menschen mit Tätowierungen und Piercings zu Alkoholmissbrauch und ungeschütztem Sex neigen. Der Verfasser berief sich auf eine Studie der Universität Bretagne-Süd. Demnach hat der offenbar sehr umtriebige Psychologie-Professor Nicolas Guéguen an vier Samstagabenden 1260 Frauen und 1710 Männer beim Verlassen bretonischer Vergnügungslokale befragt, ob sie tätowiert oder gepierct seien. Anschließend ließ er sie in ein Röhrchen blasen. Nach der vierten feuchtfröhlichen Nacht verkündete Guéguen: “Das ist das erste Mal, dass wir in Frankreich einen Zusammenhang zwischen Tattoos, Piercings und Alkoholkonsum herstellen konnten!” Wie oft in der Geschichte der Grande Nation zuvor schon versucht wurde, diesen Zusammenhang herzustellen, sagte Guéguen allerdings nicht. Ebenfalls im Ungewissen blieb, wie er mithilfe seines Röhrchens herausfand, dass Menschen mit sieben oder mehr Piercings zur Risikogruppe der Kondom-Verweigerer zu rechnen sind.

 

Früher, als sich nur Piraten, Schwerverbrecher und Heavy-Metal-Schlagzeuger ihre Lieblingsmotive in die Haut ritzen ließen, hätten solche Nachrichten die Menschen wohl kaum in Wallungen versetzt. Inzwischen soll aber selbst im kunstinteressierten Deutschland jeder vierte Normalsterbliche unter 35 tätowiert sein. Alles potenzielle Komasäufer und Geschlechtskranke, wenn man Guéguen glaubt.

 

Bleibt die Frage, weshalb ausgerechnet der Focus mit diesem Thema durchstartete wie Orville Wright? Ein Bericht zur Guéguen-Studie in der Online-Ausgabe des Metal Hammer wurde lediglich von 227 Lesern weiterempfohlen. Deutlich mehr Widerhall fand dort eine Untersuchung, die zu dem Ergebnis kam: “Alkohol schmeckt besser bei lauter Musik.”

Kommentare

  • Anna

    Und was zeigt uns nun diese Aufstellung? Die irrelevantesten Themen bekommen den meisten Zuspruch.