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Nummer Eins der Woche

Von Nataly Bleuel und Boris Herrmann

Nummer Eins der Woche  60 Kommentare

Nummer Eins der Abhängigkeit: Amazon

Unsere Autorin möchte es den Anonymen Alkoholikern nachmachen und sich öffentlich von ihrer Sucht los sagen. Sie ist 1-Click-Premium-Kundin beim größten Online-Kaufhaus der Welt. Und schämt sich.

Von Nataly Bleuel

Mein Name ist Nataly und ich bin amazon-abhängig. Ich mache fast alle meine Einkäufe vom Schreibtisch aus. In den letzten Wochen waren es: ein Wasserkocher, ein Paar Schuhe, ein Duschvorhang, Schuhcreme, zwei Mal Kinder-Ski-Unterwäsche, doppelseitiges Klebeband, eine Hängematte, fünf Mangas, Lego Evok Attack und das Spiel „Monsterfalle“ zum Kindsgeburtstag, zwei Hoodies, eine Kiste Rotwein, eine Fake-Fell-Decke und eine Werwolf-Maske für den Kinderfasching. Außerdem natürlich sämtliche Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke.

Ausnahme: Bücher. Bücher suche ich bei Amazon, kaufen tu’ ich sie dann bei meiner Buchhändlerin um die Ecke. Außer ich bin gerade im Online-Rausch. Wie meistens.

Ich bin 1-Click-Premium-Kundin und seit einiger Zeit habe ich das Gefühl: Ich bin wie ein Pawlowscher Hund, süchtig nach dem Click. Auf dem Bildschirm vor mir sehe ich eine Ware, ich umfasse die Maus, denke: soll ich, soll ich nicht, und, click, hat ES sie bestellt. Am nächsten Tag bringt der Bote das Produkt nach Hause, quasi portofrei. Schnell und praktisch.

Kürzlich habe ich es zum ersten Mal ausgesprochen: „Ich bin 1-Click-amazon-abhängig“, habe ich gesagt, Freundinnen gegenüber. Es meinem Freund zu beichten, habe ich mich nie getraut. Er ist Konsum-Verweigerer, er hat nur zwei Paar Schuhe und kauft erst neue, wenn die alten Löcher haben. Im Laden natürlich. Von Mensch zu Mensch. Meine Freundinnen aber reagierten, als hätte ich eine Selbstverständlichkeit offenbart: „Na klar”, riefen sie, „wir sind auch auf 1-Click, dauernd!“ Da fühlte ich mich nicht mehr allein in meiner abartigen Sucht. Aber doch nicht wohler: Ich ahnte und wusste ja auch teilweise, was hinter Amazon steckt.

Es ist halt so bequem.

Hätte ich zum Beispiel die Werwolf-Maske im Laden kaufen wollen: Ich hätte mir einen Nachmittag frei nehmen müssen. Wäre in die Stadt gefahren. Hätte im Kaufhaus keine gefunden. Wäre zum nächsten Laden gefahren. Quer durch die Stadt. Voller Leute, Bus, U-Bahn, Massen, Massen an Waren, Massen an Menschen, Massen an überflüssigem Schrott, Geblinke, Gedudel, ich gereizt, ich genervt, ich im nächsten Laden, der Nachmittag hopps, wenn überhaupt, möglicherweise wäre ein weiterer nötig. Denn im nächsten und übernächsten Laden wäre vielleicht auch keine vorrätig gewesen. Die Verkäuferin hätte gesagt: „Clown: ja, Löwe: ja, Darth Vader: ja – aber Werwolf? Hamwa nich! Jiebt et nich. Nich im Fasching. Höchstens Halloween. Kommen Se denn wieda.“

Wir Online-Konsumenten sind es gewohnt, genau das zu bekommen, was wir wollen. Ob wir es wirklich brauchen, ist nur peripher die Frage. Auch nicht, ob wir unsere Bedürfnisse den Gegebenheiten anpassen könnten.

Noch im Laden hätte ich heimlich gegoogelt, nein: „amazont“. Und bei Amazon hätte ich sieben Werwolf-Masken zur Auswahl gesehen. 1-Click. Gebongt. Und fast schon da, wenn ich vom Einkauf nach Hause käme.

Manchmal, in letzter Zeit, und vor allem dann, wenn ich die Kreditkarten-Abrechnungen möglichst unbesehen abheftete, dachte ich: Ich muss da raus! Ich muss mich abmelden! Das ist krank! Ich nehme mir wieder die Zeit. Ich öffne wieder mein Portemonnaie und schau erst mal, ob da überhaupt Geld drin ist. Echtes, gedecktes. Ich gehe in einen Laden. Von Mensch zu Mensch. Oder eben nicht: Weil ich nicht mitmachen will bei dem, was ich da sehe, wie bei Lidl und Aldi. Da begegne ich gestressten und – wie jedermann aufgrund kritischer Recherchen weiß – schlecht bezahlten Arbeitskräften. Menschen, für die ich Mitgefühl habe, weil ich denke: wie schrecklich, hier zu arbeiten!

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Bei Lidl und Aldi kaufe ich aus Prinzip nicht ein. Und wenn ich bei Schlecker einkaufen ging – weil ich mir damals nicht auch noch die Putzmittel im Öko-Laden leisten wollte –, dann tat mir die Frau an der Kasse leid. Deren Gesicht ich kannte und deren Geschichte mit ihrem Ex-Mann und die gequält die Augen verdrehte, als ich sie mal fragte, wie sie den ganzen Tag die Endlos-Schleife Schlecker-TV ertrage. Ich hatte eigentlich Bauchweh bei Schlecker und ich hätte sofort mehr bezahlt, wenn es damit der Verkäuferin bei ihrer Arbeit besser ergangen wäre. Das ist der Grund, weshalb ich im Bio-Laden kaufe: weil Mensch und Ware da in Einklang zu leben versuchen.

Und die ganze Zeit, beim 1-Click-Griff zur Maus, ahnte ich: Bei Amazon wird es ähnlich zugehen wie bei allen Discountern. Nur noch schlimmer. Denn es sieht ja keiner.

Mit Freunden habe ich mal ein Buch selbst verlegt. Amazon wollte 50 Prozent Rabatt dafür, dass wir unser Buch über sie vertreiben durften. Statt 40 Prozent wie der Buchhandel. Der auf der Buchpreisbindung besteht. Wir weigerten uns, anfangs. Und waren quasi nicht existent. Deswegen versuche ich, meine Buchhändlerin nicht sterben zu lassen. Aber alle anderen Einzelhändler und die Leiharbeiterinnen bei Amazon schaltet mein (Unter-)Bewusstsein aus. One Click.

Ich bin den ARD-Reportern, die den Film über die Arbeitsbedingungen bei Amazon gemacht haben, wahnsinnig dankbar. (Auch weil es mal wieder zeigt, wie erhellend Journalismus sein kann.) Aber vor allem: Weil ich jetzt als Konsumentin handeln werde und beim größten Online-Kaufhauses der Welt aussteige. Vielleicht nicht sofort und total, aber allmählich. Ich will mal wieder in einen Laden gehen. Mir die Leute und ihre Arbeit da anschauen. Und mich nach alternativen Online-Händlern umsehen. Weil ich das, was am anderen Ende meiner Maus passiert, nicht mitmachen will. Über soziale Kontrolle würde ich mich freuen.

Foto: dpa

Kommentare

  • Inout

    Leider reicht der Horizont, wie so oft in den Amazon-Bashings der letzten Zeit, nur bis vor die eigene Haustür. Ich fand den letztes in einem Blog gefundenen Kommentar “Wer ohne Sünde ist, der schmeiße das erste iPhone” recht passend.
    Ich gehe eine Wette ein, daß die Autorin, wie viele auch, vermutlich irgendetwas elektronisches, wie z.B. ein iPhone, PC, Flatscreen TV etc. besitzt, daß unter menschenunwürdigen Bedingungen (Foxconn etc.) fabriziert wird. Die Arbeitsbedingungen bei Amazon bzw. den Leiharbeiter-Sklavenhändlern sind dagegen noch Gold. Wo bleibt hier der Konsumverzicht oder Protest ??? Zu uncool?

    Nataly: Wake-up-Call !!

  • Sophie

    Aldi & Lidel sind deutlich besser als z.B. Norma, bei denen bekommt man verhältnismäßig einen guten Lohn & Ausbildung viel andere Auszubildende beneiden Aldi & Lidel Auszubildende!!

  • Gast

    Das ist der nervige Betroffenheitsjournalismus, den das SZ-Magazin pflegt,
    Journalismus-Praktikanten erleben was, sehen was, haben was und duerfen darueber schreiben. Kindergarten!

  • Jörg

    Es ist traurig, daß einige Journalisten (Krawallmachendeschmierfinken)
    sich immer einen rauspicken und versuchen Ihn zu schädigen.
    Ist das gezielt gewollt ? Nehmt Euch doch die komplette Regierung zur
    Brust, da werden die Arbeitsbedingungen durch falsche (keine) Gesetze gemacht. Auch bei den Zeitungsmachern sollte man nachforschen.

  • Life-long learner of Sydney

    Ich stimme mit denen ueberein welche Hartz IV als das Grundproblem sehen. Hartz IV reduziert die Staatshaushaltsausgaben, relativ zu dem vorhergehenden Verhaeltnissen, was wiederrum die Steuersenkungen fuer die Grossverdiener ermoeglicht hat.

    Einige der Kommentare zeigen an, dass es manchen Menschen schwer faellt sich selbst als Arbeitnehmer und als Konsument zu sehen und sich vorzustellen, dass ihre Konsumkraft eines Tages auf Hartz IV reduziert sein koennte.

  • phil

    das sz-mag schafft es immer wieder neue blickwinkel auf bekanntes zu richten, ein sehr gutes Magazin, auch wenn ich diesen beitrag für mich nicht erhellend fand und er sprachlich am unteren ende der sz-journalisten anzusiedeln ist, so hab ich ihn doch gerne gelesen, aus reiner unterhaltungsfreude.

  • Klaus Reichert

    Das Internet hat eindeutig viele Vorteile und deswegen wird auch das Einkäufen darüber immer erfolgreicher. Es wird aber immer wichtiger, “wem” man als Konsument sein Geld gibt. Eine interessante Bewegung hat der Ravensburger Buchhhändler(!) Michael Riethmüller mit http://www.buylocal.de für Einzelhändler ins Leben gerufen. Eine der Thesen ist, dass der In der Stadt beim Einzelhändler ausgegebene EUR mehr Wert erzeugt, als der online ausgegebene.

  • Sacha

    und ich sitze irritiert vor diesem Artikel, der so seicht-selbstreflektorisch daher kommen möchte und mir zutiefst unsympathisch ist.
    Mitleid mit den MitarbeiterInnen in Supermärkten und dem örtlichen Einzelhandel? Welch unangenehme und privilegierte Art von Arroganz.
    Mitleid vor Internetshoppern, die den Bezug zu realem Ladenpersonal (das vielleicht auch mal Dialekt spricht, ja …), zum (bedachten) Auswählen der Einkäufe und vielleicht zu so Manchem mehr weitestgehend verloren haben, ist hingegen angebracht.

  • Eike

    Arbeitsbedingungen bei amazon? Grauenhaft.
    Kaufmännisch beurteilt? Das besteund professionelsteht Unternehmen am Markt.
    Aussteigen? Nein, denn das Konzept als Verbraucher ist Weltklasse!
    Meine Turnschuhe wurden unter schlimmeren Bedingungen hergestellt…
    Protest und Verzicht? Nein. Denn die harte Realität besagt, manchen geht es gut und anderen schlecht – sind schließlich nicht bei Disney

  • Eike

    Ps: komische Formatierung…aber egal