Süddeutsche Zeitung Magazin

Märchen | Heft 51/2010

Der Mann, der die Tiere mehr liebte als die Menschen

Sein ganzes Haus war voller Vögel, Hunde und Katzen, kein Mensch kannte ihn wirklich, niemand wusste um sein Geheimnis. Bis die Nachbarn die Wahrheit wissen wollten.

Von Michael Krüger



Es war einmal ein Mann, der liebte die Tiere mehr als die Menschen. Vor seinem Haus saß die Krähe im Nussbaum, und im hinteren Garten, wo es schattig war auch im Sommer, lag das Lamm bei den Wölfen. Der Mann trug an den Wochenenden, wenn wir ihn sehen konnten, eine große graue Schürze mit vielen Taschen, in denen kleine Tiere verschwanden wie in einem Haus. Kam man in die Nähe des Mannes, hörte man es fiepen und rascheln, als sei sein Inneres ein Lager für die Tiere, die es sich dort gemütlich machten. Aus seinem Hemdkragen krochen Weinbergschnecken, und wenn der Mann lange stillstand, um zum Beispiel den Vögeln ein neues Häuschen zu befestigen, liefen die Ameisen durch ein Hosenbein in den Mann hinein, durch das andere wieder hinaus. Wir fragten uns natürlich, was die Ameisen dort auf der nackten Haut des Mannes zu suchen hatten, erhielten aber keine Antwort.

Der Mann war Gerichtsvollzieher und musste unter der Woche seinen schwierigen Beruf ausüben. Er nahm den Menschen, die er aufzusuchen hatte, alles weg, was ihr Leben lebenswert machte, den Toaster und die Waschmaschine, den tragbaren Farbfernseher und sogar die Musikkassetten, auf denen angesehene Künstler Lieder sangen. Und natürlich nahm er ihnen auch die Hamster und Wühlmäuse, die Hunde und Katzen ab, weil deren Unterhalt das Geld kostete, das die armen Menschen zur Tilgung ihrer Schulden bei der Tierhandlung einzahlen sollten. Und weil die kleinen Tiere keinen Platz in einem städtischen Tierheim fanden, durfte der Gerichtsvollzieher die Hasen und die Igel mit nach Hause nehmen, auch eine Schlange und ein Axolotlpärchen, die ein blinder Seemann in seiner Badewanne gehalten hatte.

Waren die Menschen, denen der Gerichtsvollzieher alles gepfändet hatte, nicht mehr in der Lage, ihr Leben sorgfältig zu führen, lud er sie ein, sich bei ihm nützlich zu machen. So sah man an den Wochenenden eine Schar schwächlicher, linkischer Männer und Frauen sich seinem Haus nähern. Unsere Grüße wurden von den notdürftig ernährten Gestalten nicht erwidert, stumm griffen sie über das Gartentor und öffneten die Tür, als wären sie dort zu Hause. Von unserem Balkon aus sah ich manchmal einen spindeldürren Mann im Garten des Gerichtsvollziehers, der mit einem Löffelchen Löcher für die Erdhörnchen grub, andere konnte man dabei beobachten, wie sie den Tierkot wegschafften, den sie manchmal nicht wie befohlen in die städtischen Anlagen brachten, sondern, wenn sie sich unbeobachtet fühlten, in den nächstbesten Garten kippten. Aber da jeder in unserer Straße sich mit dem Gerichtsvollzieher gut stellen wollte, wurden solche Eskapaden schnell und unkompliziert beigelegt.

Eines Sonntagabends hatten sich die Anwohner unserer Straße wie üblich vor dem Haus des Mannes versammelt, der die Tiere mehr liebte als die Menschen. Wir warteten auf die Gehilfen, die nun das Haus wieder verlassen würden. Manche plauderten unbefangen, um sich von der Last des Wartens zu befreien, andere bissen die Zähne zusammen und schauten so finster vor sich hin, dass den Kindern in ihrer Nähe kalt ums Herz wurde. Ich staunte, wie viele Menschen es in unserer Nachbarschaft gab, und da einige Anwohner sich um diese Jahreszeit, es war Sommer und selbst am Abend noch sehr warm, im Ausland befanden oder in den Restaurants am Stadtrand, wären wir noch mehr gewesen, wenn wirklich alle auf den Auszug der Helfer des Mannes, der die Tiere mehr liebte als die Menschen, gewartet hätten. Denn das hatte auf dem Zettel gestanden, der morgens an alle Haushalte unserer Straße verteilt worden war: Alle waren aufgefordert, sich zur Stunde des Sonnenuntergangs vor dem Haus des Gerichtsvollziehers zu versammeln, um ein für allemal hinter dessen Geheimnis zu kommen.

Als nichts geschah, keiner sich sehen ließ und schon ein Murren hörbar wurde, weil einige die Sportschau versäumten, wurde eine Gruppe gewählt, die gewaltsam das Haus betreten sollte. Der Lehrer war dabei, der vor lauter Griechisch und Latein ein entstelltes Gesicht hatte, und der Busfahrer, der schon unter den Amtshandlungen des Gerichtsvollziehers gelitten hatte, auch eine Frau war darunter, der man die Entschlossenheit, die es für das Eindringen brauchte, nicht ansah. Wir, die anderen, warteten lange. Einige stimmten ein Lied an, um die Angst zu vertreiben, aber es gab keine Melodie, auf die man sich einigen konnte.

Es muss kurz vor Mitternacht gewesen sein, als die Abgesandten das Haus wieder verließen. Sie kamen im Gänsemarsch auf uns zu, die Köpfe ließen sie hängen, und eine große Stille war um sie. Die Frau hatte die große graue Schürze des Gerichtsvollziehers umgebunden, auf der die weißen Spuren der Schnecken im Licht der Straßenlaterne leuchteten. Wenn man die wenigen Worte, die jetzt gestammelt wurden, einen Bericht nennen darf, so bestand seine Botschaft darin, dass das Haus leer war. Bis auf einige Nester in der Küche, die noch warm gewesen waren, und einen Abdruck in der Matratze, der von einem Wurf Katzen zeugen mochte, hatte man nichts gefunden, was auf etwas Lebendiges hätte schließen können. Und auch der Mann, der die Tiere mehr liebte als die Menschen, war nicht gesehen worden.

Lust auf mehr? Hier gehts zu Thomas Gsellas »Der verfluchte Hinterseer«, hier zu Karen Duves »Bruder Lustig«.

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/35177