Was ist Ihr guter Rat an sich selbst, Malu Dreyer?

Welche Entscheidungen bereuen Sie? Und wie wurden Sie die, die Sie heute sind? Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz über ihren Lebensweg, ihr Gerechtigkeitsempfinden und eine Eigenschaft, mit der sie ihren Mann zur Verzweiflung bringt.

Alles auf Rot: Malu Dreyer als Abiturientin 1980…

Foto: privat

Das nachfolgende Interview ist in der Ausgabe STIL LEBEN 2/2021, am 1.12.2021 erschienen.

SZ-MAGAZIN: Frau Dreyer, wenn Sie an die junge Malu mit 17, 18 denken: Was war sie für ein Mensch? Mutig, zögerlich, neugierig, bedacht?
Malu Dreyer: Ich war als Teenager ziemlich lebenslustig, offen für Neues, neugierig auf die Welt. Mit 16 ging ich für ein Jahr als Austauschschülerin nach Kalifornien. Heute ist das gang und gäbe, für die damalige Zeit war es eher was Besonderes. Ein aufregendes Jahr, das mich sehr geprägt hat.

Inwiefern?
Ich war jung und sehr weit weg von zu Hause. Wir sprechen hier von einer Zeit, in der es nur Festnetztelefon und Post gab! Heute kaum mehr vorstellbar. Telefonate nach Übersee kosteten damals ein kleines Vermögen. Ich habe eine neue, faszinierende Welt kennengelernt, aber auch die vielen ungelösten gesellschaftlichen Probleme,
Rassismus, die extremen Konflikte zwischen Arm und Reich.

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In welchem Alter wuchs Ihr Interesse an Politik?
Das fing schon früher an. Ich habe mich für das Thema Gerechtigkeit interessiert, zum Beispiel für die Frage, warum damals eine fundierte Ausbildung für Mädchen als nicht so wichtig galt, da sie ja ohnehin irgendwann heiraten. Zum Glück waren meine Eltern nicht dieser Ansicht, meine Mutter ging ganz selbstverständlich einem Beruf nach, und es war völlig klar, dass meine Schwester und ich genauso wie mein Bruder eine gute Ausbildung erhalten sollten.

… und als Ministerpräsidentin heute. Marie-Luise »Malu« Dreyer, 60, ist seit 2013 Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. In den Jahren 2018 und 2019 war sie stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD. Sie ist mit Klaus Jensen verheiratet, dem ehemaligen SPD-Oberbürgermeister von Trier.

Foto: Jens Gyramat/VISUM

Sie haben erst Theologie studiert, sind dann zu Jura gewechselt. Gab es später Momente, in denen Sie dies bedauerten?
Nein. Eine Quelle meines Gerechtigkeitsempfindens ist die Bergpredigt, daher die Wahl des Theologiestudiums zu Beginn. Ich bin zu Jura gewechselt, weil ich die Chance sah, etwa als Jugendrichterin ganz praktisch für Gerechtigkeit sorgen zu können.

Haben Sie auch mal über andere Berufe nachgedacht?
Ich wollte früher Ärztin werden, da hätte ich sehr intensiv mit Menschen arbeiten und ihnen unmittelbar helfen können. Dafür habe ich extra ein gutes Abitur und das Große Latinum gemacht. Aber das Gerechtigkeitsthema hat mich nicht losgelassen.

Wenn Sie heute mit der jungen Malu
von damals reden könnten: Welchen Rat würden Sie ihr geben?

Ich würde immer dazu raten, sich von den eigenen Neigungen und Talenten leiten zu lassen, denn was einem Spaß macht, kann man in der Regel auch besser, und es geht einem leichter von der Hand. Ich würde aber auch allen Berufsanfängern raten: Man sollte sich immer trauen, die Ausbildung oder den Beruf zu wechseln, wenn man merkt, dass man nicht auf dem richtigen Weg ist.

Es gibt manchmal Entscheidungen im Leben, mit denen man noch ewig hadert, mal mehr, mal weniger. Gibt es für Sie
einen Punkt, sei es politisch oder privat, bei dem Sie immer mal wieder sagen, ach, hätte ich doch …?

Klingt vielleicht komisch, aber für die großen Lebensentscheidungen ist das nicht der Fall. Eher schon für die Frage, welche Auswahl man bei einem Möbelstück, einer Wandfarbe oder einem Bodenbelag trifft.  Da denke ich mir manchmal, hätten wir vielleicht doch besser das andere genommen. Und ganz schlecht entscheiden kann ich mich im Restaurant, damit bringe ich meinen Mann immer wieder zur Verzweiflung.

Man kann in der Gegenwart nie wissen, wie man sie aus der Zukunft betrachten wird. Für die Maßnahmen zum Wiederaufbau der Häuser in den überschwemmten Gebieten hat Ihre Landesregierung viel Kritik erfahren. Wie gehen Sie mit
so etwas um? Gibt es da auch mal die
innere Frage, hoffentlich werden wir das später nicht bereuen?
Die Flutkatastrophe hat unser Land mit einer unvorstellbaren Wucht getroffen, die Auswirkungen werden uns noch sehr lange Zeit beschäftigen. Etwas Vergleichbares hat es in unserem Land seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit dem Thema zu tun und gemeinsam mit anderen Menschen Entscheidungen zu treffen habe. Diese Entscheidungen sind oft von immenser Tragweite. Der Spagat zwischen einem schnellen und gleichzeitig nachhaltigen Wiederaufbau ist für alle Beteiligten sehr herausfordernd.

Als Ministerpräsidentin sind Sie rund um die Uhr beschäftigt. Wenn die Frau Dreyer von heute der Malu von damals sagen könnte, sieh zu, dass du dir im Leben immer ein bisschen Zeit nimmst für … – was wäre das?
Ich gehe sehr gern ins Kino oder in Konzerte, das leidet naturgemäß unter dem sehr vollen Terminkalender. Auch die Zeit mit Familie und Freunden ist leider knapp bemessen. Umso wichtiger ist es mir, vor allem am Wochenende Zeit mit meinem Mann in Trier zu verbringen, das ist für mich absolut kostbar.