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bedeckt München
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aus Heft 23/2006 Das Prinzip

Sprachpfleger

Tobias Kniebe 
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Schon das Wort »Sprachpfleger« ist ein seltsames, irgendwie absurdes Wort. Dennoch gibt es Menschen, die sich freiwillig selbst so nennen. Oder, um genauer zu sein: Eigentlich sind es ausschließlich Männer. Der richtige Umgang mit der Sprache lässt ihnen keine Ruhe, weder beruflich noch privat. Hört der Sprachpfleger in der Kaffeebar die Bestellung »zwei Espresso«, hebt er ansatzlos zu einem längeren Vortrag über die Mehrzahlbildung im Italienischen an. Entdeckt er auf dem Markt eine Tafel mit der Aufschrift »mittwoch’s frische Austern«, freut er sich wie ein Kind und zückt sofort das Notizbuch. Und sollte es tatsächlich eine Frau geben, die ihm eines Tages ihre Liebe gesteht (»wegen dir würde ich in München bleiben«), dann wird sie sofort darüber belehrt werden, dass es eigentlich »deinetwegen« heißen müsste. Aus der Beziehung wird so natürlich nichts – dafür hat aber der Genitiv einen kleinen Sieg davongetragen. Sprachpfleger haben niemals Sex, sind verbittert, neigen zu verstärkter Nasen- und Ohrenhaarbildung und verkehren nur mit Menschen, die sich an beamtenhaften Wortkonstruktionen wie »ob des erlittenen Verlustes« oder »zulasten des Gemeinwesens« berauschen können. So war das bisher, zumindest in unserer Vorstellung. Seit etwa drei Jahren aber tritt unter dem Namen Bastian Sick ein neuer Typ des Sprachpflegers auf. Er distanziert sich von »pädagogischem Eifer« und »grimmiger Erbsenzählerei«, er will »Spaß an der Sprache« und verkündet ohne Unterlass eine zentrale Botschaft: »Syntax und Grammatik sind nicht langweilig und nervtötend, sondern können witzig und unterhaltsam sein.« Dieser moderne Sprachpfleger gibt seinen Büchern ironische Titel (Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod), er hat inzwischen einen festen Platz in den Bestsellerlisten – und als er, wie im März geschehen, zur »Größten Deutschstunde der Welt« in die Kölnarena lud, folgten mehr als 15000 Adepten seinem Ruf zurück auf die Schulbank. Mit Spaß hat das dennoch wenig zu tun. Unter einem dünnen Firnis von Kalauern (»Willkommen im Todestal des Genitivs«) driftet »Deutschlands bekanntester Sprachpfleger« (Spiegel) schnell wieder ins Esoterische und Tabellarische ab: Da verhandelt er den nicht vorhandenen Unterschied zwischen Imperfekt und Präteritum, »unregelmäßige Befehlsformen« oder »problematische Fremdwörter in Einzahl und Mehrzahl«, und ganz schnell geht es um Lehrbuch-Kauderwelsch wie das »weggefallene Endungs-e bei Verben in der ersten Person Singular«. Schon wahr, in seinen ersten Texten müht sich Sick noch mit ungelenken Erzählungen ab, in die er seine stilistischen Einsichten einbettet, aber zunehmend direkte Lesernachfragen drängen ihn immer mehr in die Rolle eines Dr. Sommer der deutschen Grammatik. »Das Bedürfnis nach Aufklärung und Klarstellung ist immens«, sagt er und nennt Deutschland ein »Jammertal, durch das orientierungslose Wanderer zwischen alter und neuer Orthographie verwirrt umhergeistern«. Seine Symbiose aus Bildungshuberei und Spaßkultur trifft dabei einen besonders empfindlichen Nerv: All die Regeln und Spitzfindigkeiten, die unser Verhältnis zur Sprache von jeher belasten, sollen jetzt auf einmal richtig gute Laune machen. Glauben muss man das alles nicht und das neue ironische Sprachpflegertum ist keinesfalls besser als das knochentrockene alte. Es geht immer noch um das Beherrschen der Sprache und nicht um die Liebe zu ihr, es geht immer noch um die Noten und nicht um die Musik. Denn in Wahrheit gibt es vielleicht nur eine goldene Regel für Stil: Wenn Sie mal wieder an einem Verb hängen bleiben, bei dem Sie nicht sicher sind, ob es ein Genitivobjekt hat, oder wenn Sie eine besonders gestelzte Präposition verwenden möchten, bei der Sie sich über den Einsatz des Dativs im Unklaren sind – streichen Sie einfach den ganzen Satz. Richtig oder falsch ist oft die völlig falsche Fragestellung. Denn gutes Deutsch, das sieht auf jeden Fall einfacher, klarer und sinnlicher aus.
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