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aus Heft 24/2010 Musik

Der Beat, das Glück, der Tod

Christoph Cadenbach  Foto: Niko Tabalowski

In der Welt der Clubnächte und Technoparties ist das Erwachsenwerden nicht vorgesehen. Der Berliner DJ Gianni Vitiello machte einfach weiter, solang er konnte. Bis er eines Tages tot in seiner Wohnung lag. Warum musste er sterben?


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Als um acht Uhr am Sonntagmorgen plötzlich die Musik ausgeht, weiß ich, dass etwas passiert sein muss. Die Leute um mich herum hören auf zu tanzen, gucken sich verdutzt an, manche lachen, andere rufen: »Mach die Mucke wieder an.« Es muss etwas geschehen sein. Technopartys wie diese dauern in Berlin oft bis in den Abend. Ich gehe zur Bar, will ein Bier bestellen, der Barmann winkt ab: »Schweigeminute für einen guten Freund.«

Schon sechs Stunden zuvor, in der Schlange vor der »Münze«, einem Club am Alexanderplatz, hatte jemand erzählt, dass Gianni Vitiello gestorben sei, einer der DJs, die hier auflegen sollten. Ich hatte das nicht geglaubt, die Party wäre sonst bestimmt abgesagt worden. Und auch im Club schien alles ganz normal: viele strahlende Gesichter; Menschen, die sich überschwänglich umarmten, als hätten sie sich Monate nicht gesehen; wieder Schlangen, diesmal vor den Klos. Giannis Name stand sogar auf der DJ-Liste, die neben der Bar hing, »da hätten sie ihn ja nicht draufgeschrieben, wenn er tot wäre«, hatte ich zu einem Freund noch gesagt.
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Viele Leute kamen, um gerade Gianni zu sehen, auch in dieser Nacht, denn bei ihm, das wussten alle, ging es ab. Gianni war keiner dieser DJs, die scheinbar unbeteiligt eine Zigarette rauchen oder nur auf ihren Laptop starren. Er war einer, der mitgefeiert hat, der keine Grenze zwischen sich und dem Publikum zog. Das hat mich jedes Mal, wenn ich ihn auflegen sah, wieder beeindruckt. Es kam mir so kompromisslos vor: Ich zum Beispiel frage mich immer öfter, ob ich mir eine durchfeierte Nacht leisten kann, wenn ich am Montagmorgen wieder im Büro sitzen muss. Bei Gianni hatte ich das Gefühl, er stellte sich solche Fragen nie. In ihm sah ich die Jugend, die niemals aufhört, ein unkonventionelles Leben.

»Woran ist er gestorben?«, frage ich den Barmann, als die Musik wieder läuft.
»Weiß ich nicht«, sagt er und gibt mir mein Bier.

Als ich es ausgetrunken habe, hole ich meine Jacke an der Garderobe ab. Neben mir warten noch immer Leute, die ihre Jacken gerade abgeben wollen. Draußen ist es grau: ein kalter Berliner Morgen. Scheiße, wenn einer mit 36 Jahren stirbt, denke ich. Man hat da sofort solche Schicksale im Kopf: Kurt Cobain oder Jim Morrison. Gianni war natürlich bei Weitem nicht so berühmt, aber bekannt, in Berlin. Sehr sogar, nur Massenmedien haben nicht über ihn berichtet. Er war also: Underground.

In den Clubs, in denen er gespielt hat, dem »Ritter Butzke« oder dem »Golden Gate« zum Beispiel, gibt es keine »Smirnoff«-Night, kein Rauchverbot, keine Kleiderordnung, keine Putzfrauen, die ständig die Toiletten reinigen, sondern Pisspfützen und Türsteher, die auch mal einen Witz machen, und Exzess; all das gehört zum Image der Clubs wie das Gefühl, dass es den Veranstaltern nicht nur ums Geldverdienen geht. Die Partys wirken authentisch, wie Gianni, den ich vor fünf Jahren das erste Mal auf dem Karneval der Kulturen gesehen habe, einem Straßenumzug in Kreuzberg. Hinter seinem Wagen liefen die meisten Menschen her – zweitausend, die tanzten und sprangen wie bei einem Rockkonzert. Und Gianni hüpfte auf der Ladefläche des Transporters hinter seinen Plattenspielern mit: ein großer Kerl, die Arme tätowiert, das Haar verschwitzt. Am eindringlichsten ist mir sein Lachen in Erinnerung: Es wirkte extrem mitreißend, fordernd, echt.

Ob er so glücklich war, wie es in diesen Momenten ausgesehen hat? Von Musikern wie ihm bekommt man ja immer nur einen Aggregatzustand mit: das Feiergesicht, und nicht das, was darunter liegt. Ich schreibe eine E-Mail an Andreas, der mit Gianni die letzten sechs Jahre zusammen war. Ich möchte wissen, wie Gianni gelebt hat – auch abseits der Partys.

(Auf der nächsten Seite lesen Sie, wie das Leben des erfolgreichen DJs außerhalb der Clubs aussah und mit welchen Sorgen er zu kämpfen hatte.)

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