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aus Heft 42/2010 Kinder

Das Schicksal, ein paar Straßen weiter

Christoph Cadenbach  Fotos: Andreas Mühe

Nirgends in Deutschland liegen die sozialen Unterschiede so nah beieinander wie in Berlin: Wir haben ein Kind in der Wohlstandsoase Prenzlauer Berg besucht – und eins im Notstandsgebiet Wedding.


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Es sind nur zwei S-Bahnstationen oder fünf Minuten Fahrt oder 1,9 Kilometer von einer Welt in die andere. Nirgends liegen die sozialen Unterschiede so dicht beieinander wie in Berlin. Auf der einen Seite Prenzlauer Berg, auf der anderen der Wedding. Und das war die Idee: das Leben von zwei Kindern zu beschreiben, die gleich alt sind, aber nicht unterschiedlicher aufwachsen könnten.

Biogemüse, Yogastudios, heile Akademikerfamilien – das sind die Bilder, die man vom wohlhabenden Prenzlauer Berg im Kopf hat. Eine Welt, die sich langsam abschafft, wie Thilo Sarrazin sagt, weil die andere, die arme, dumme, nicht integrierte, immer größer wird. Eine Welt wie der Wedding: Döner, RTL II, kaputte Hartz-IV-Familien, das sind die Bilder, die man von diesem Stadtteil im Kopf hat. Auch jugendliche Intensivtäter gehören zu diesem Bild, Kerstin Heisig wies vehement darauf hin, die Berliner Jugendrichterin, die sich vor Kurzem das Leben nahm.
Wir haben zwei Mädchen durch ihren Alltag begleitet: Greta, 9, aus Prenzlauer Berg, und Julie, 9, aus dem Wedding. Zwei Kinder aus zwei Welten in Berlin.

Prenzlauer Berg, 7 Uhr
Gretas Tag beginnt mit dem Blubbern des Wasserkochers. Oft ist sie schon wach, wenn ihre Mutter das Frühstück macht. Greta klettert dann von ihrem Hochbett, steigt über die Holzeisenbahn auf dem Boden und geht hinüber ins Esszimmer. Die Wände weiß, die Dielen geölt, in einer Kanne auf dem Massivholztisch dampft grüner Tee. Die Familie lebt zu fünft auf 170 Quadratmetern, Altbau, drei Balkone.

Greta beißt in einen Toast mit Leberwurst. Sie ist ein zierliches, selbstbewusstes Mädchen, das gern erzählt: vom Flughafen Tempelhof, da fährt sie auf der stillgelegten Startbahn manchmal Inline-Skater, von den Ausflügen ins Technikmuseum oder vom Klettergarten in Strausberg, wo sie sich von einem Baum abgeseilt hat. Mit fünf Tomaten in der Brotbox verlässt sie um halb acht das Haus. Auf ihrem Rucksack klebt noch ein gelber »Atomkraft? – Nein Danke«-Sticker von der Demo, auf der sie am Wochenende mit ihren Eltern war. Unten, auf der Straße: Kinder, in Zweier-, Dreier-, Achtergrüppchen, mal mit, mal ohne Eltern. Pausenhofstimmung. »Der Prenzlauer Berg ist natürlich ein Idyll«, hatte Gretas Vater gesagt. Die Cafés hier, rund um den Helmholtzplatz, haben Kindersitze auf den Toiletten, eins sogar einen Indoor-Sandkasten. An der ersten Straßenkreuzung zeigt ein Schild nach Westen: 1,9 Kilometer bis Wedding.

Die Familie: Elke, die Mutter, 42, arbeitet als Referentin bei den Grünen, Marcus, der Vater, 46, ist im Management der Deutschen Bahn; Greta hat zwei Schwestern: ihre Zwillingsschwester Lina und Emma, 11.

Wedding, 7 Uhr
In Julies Zimmer sind die Puppen und Spiele in braune Kartons verpackt. Julie und ihre Schwester Antonia schlafen auf Matratzen auf dem Boden. »Nur bis wir eine neue Wohnung gefunden haben«, sagt ihre Mutter Selma. Die Familie lebt zu fünft auf 59 Quadratmetern, Neubau, kein Balkon. Das unvermeidliche Chaos ist Selma unangenehm.

Julie ist ein kräftiges, unbekümmertes Mädchen. Ob sie schon gefrühstückt habe? Nein, morgens habe sie keinen Hunger, aber für die Pause zwei Toastbrote mit Käse dabei. Dann rennt sie los, Richtung Schule. Lange Geschichten erzählen, so wie Greta von ihrem Urlaub, mag Julie nicht. Ihr Weg führt durch kleine Straßen mit Altbauten. Es sieht gar nicht anders aus als in Prenzlauer Berg. Viele Kinder. Ein arabischer Supermarkt verkauft Gemüse und Couscous. Nur das »Automaten Casino« und die milchglasverschanzten Männercafés würden nicht in Gretas Welt passen. Die großen Unterschiede fallen einem jedoch erst auf, wenn man merkt, welche Ecken Julie meidet: den Spielplatz in der Maxstraße zum Beispiel, wo die Dealer warten, oder den Utrechter Platz, an dem die Trinker ihre Flaschen in gelben Netto-Tüten vor sich stehen haben. Als Julie klein war, hat ihre Mutter auf die Trinker gezeigt und gesagt: »Wenn du kein Penner werden willst, musst du dich anstrengen.« Für Julie ist die Großstadt eine Schule fürs Leben, für Greta eine Welt voller Möglichkeiten. Julie war noch nie auf einer Demo, noch nie in einem Klettergarten und noch nie auf dem Flughafen Tempelhof.

Die Familie: Selma, die Mutter, 35, ist Türkin, zumindest auf dem Papier, Selma wurde in Schöneberg geboren und berlinert, sie lebt von Hartz IV. Ihr Freund Hussein ist Libanese, vor vier Monaten haben sie einen Sohn, Ali, bekommen. Selmas Töchter Julie, 9, und Antonia, 8, haben einen deutschen Vater, jedoch keinen Kontakt mehr zu ihm, er hat sich nicht um seine Kinder gekümmert.
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Prenzlauer Berg, 8 Uhr
Bevor Greta ihre Klasse betritt, tauscht sie die Straßenschuhe gegen Hausschlappen. Im Klassenzimmer warten bereits eine Lehrerin und eine Erzieherin auf sie. Die Wilhelm-von-Humboldt-Schule ist eine besondere Schule, eine Gemeinschaftsschule: Theaterschwerpunkt, Englisch ab der ersten Klasse, die Schüler können hier, wenn sie es schaffen, bis zum Abitur zusammen lernen. Das Ziel: Schwächere nicht voreilig aussortieren. Es sind jedoch kaum Kinder, die in den Statistiken zu den Schwachen zählen, auf der Wilhelm-von-Humboldt-Schule: Genaue Zahlen will Schulleiterin Gabriela Anders-Neufang nicht nennen, aber in Gretas Klasse hat fast niemand einen Migrationshintergrund, fast niemand lebt von Hartz IV. Die Schule kostet kein Geld, die Bewerberzahlen sind hoch. Wer auf die Schule darf, wird ausgelost. »Für viele Eltern in Prenzlauer Berg ist das Besondere ein Muss«, sagt Gabriela Anders-Neufang.

Sie hat es mit einer anspruchsvollen, manchmal anstrengenden Klientel zu tun. Es gibt zum Beispiel keine Schülerlotsen, weil manche Eltern nicht wollen, dass ihre Kinder morgens im Autosmog stehen. Andere Eltern waren dagegen überrascht, dass ihre Kinder in der Klasse nicht nur Hausschuhe tragen, sondern auch für die Sauberkeit zuständig sein sollen. Eltern beschwerten sich: Zu Hause hätten sie schließlich auch eine Putzfrau, erzählt die Schulleiterin. So besonders sollte die Schule dann doch nicht sein.

Gretas Eltern sind da anders. Sie haben sogar eine Initiative gestartet und dafür gekämpft, dass auch Zweitklässler wie Greta noch aufgenommen werden. Zuvor ging Greta auf eine ganz normale Grundschule. Nach Gretas Wechsel half ihre Mutter beim Renovieren der Klassenräume, sie ist Elternsprecherin, sie hatte auch schon die private Kita, die Greta besuchte, mitgegründet. »Für die Generation unserer Eltern war die Frage, in welchen Kindergarten oder auf welche Schule wir gehen, überhaupt kein Thema«, sagt Gretas Vater Marcus. »Wichtig waren vor allem die Zensuren.« Auf Gretas Schule gibt es Noten erst ab der 8. Klasse. Der Unterricht dauert von acht bis 16 Uhr, nur etwa die Hälfte der Zeit verbringt sie mit Pflichtfächern wie Deutsch oder Mathe, sonst kann sie frei wählen: Fotografie, Akrobatik; am liebsten möchte sie bald wieder Spanisch nehmen. Ihre Mutter hofft, dass Greta auf diese Weise lernt, selbst herauszufinden, was sie will.

Greta bekommt zwei Euro Taschengeld die Woche.
Greta war in den Sommerferien mit einer Kinderfreizeit in Brandenburg, anschließend zwei Wochen mit ihren Eltern in Montpellier (sie hatten ihre Berliner Wohnung mit einer Familie aus Südfrankreich getauscht). Ihre Herbstferien verbringt Greta auf einem Bauernhof im Oderbruch.
Gretas Eltern fahren einen Opel Zafira, Siebensitzer.


Wedding, 12.30 Uhr
Julies Mutter Selma hat sich nie über Schulen informiert. Ihre Tochter geht auf die Erika-Mann-Grundschule, weil sie im Einzugsgebiet wohnt – ein Glück für Julie. Gerade ist Hofpause: Julie rennt den Flur entlang Richtung Tischtennisplatte. Über ihr schlängelt sich ein dreieckiger Spiegel wie der Schwanz eines Drachen an der Decke entlang. Auch die Erika-Mann-Grundschule ist eine besondere Schule: Werkstatt, Gemüsegarten und Ruheräume mit gelben Matten, die wie Drachenhöhlen aussehen. Auch hier wird viel Theater gespielt, »um die Selbstkompetenz der Kinder zu stärken«, sagt Schulleiterin Karin Babbe.

Mit dem forschen Schritt einer Chefin führt sie wenig später durch ihr Reich. Man merkt, wie stolz es sie macht, dass dies hier nicht bloß ein Ort des Lernens, sondern des Lebens ist, ein zweites Zuhause, mit Betreuungszeiten von sechs bis 18 Uhr, zwei Lehrern pro Klasse, Lesepaten. Regelmäßig tagt ein Schülerparlament, in dem die Kinder nach ihren Ideen für die Schule gefragt werden, sprich: Verantwortung übernehmen sollen. Das Geld für Werkstatt, Ruheräume und die zusätzlichen Betreuungsangebote hat Karin Babbe bei der Stadt und privaten Investoren aufgetrieben, und dass es sich für die Kinder lohnt, kann sie belegen: Mehr als 80 Prozent ihrer Schüler haben wie Julie ausländische Eltern oder Großeltern. Mehr als 80 Prozent sind wie Julie »bildungsmittelbefreit«, das heißt, ihre Familien leben von Hartz IV. Und dennoch verlassen rund 75 Prozent der Kinder die Schule mit einer Empfehlung für die Realschule oder das Gymnasium.

Mit übermotivierten Eltern wie ihre Kollegin in Prenzlauer Berg hat Karin Babbe nicht zu kämpfen. Sie ist schon froh, dass die meisten Eltern sagen: Ich weiß zwar nicht genau, was ihr macht, aber ich vertraue euch. Doch manchmal muss Karin Babbe nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern erziehen: »Jetzt schauen Sie sich das mal an«, schimpft sie, als ein Schüler mit Down-Syndrom über den Pausenhof schlurft. Sein Vater, der ihn gerade abgeholt hat, geht zehn Meter voraus, ohne auf seinen Jungen zu achten.

Julies Mutter gehört nicht zu diesen Eltern. Sie kontrolliert das Hausaufgabenheft ihrer Tochter und kommt zu jedem Schulfest. Als sie merkte, was Julie auf der Schule geboten wird, wollte sie unbedingt, dass auch ihre jüngere Tochter, Antonia, auf die Erika-Mann-Grundschule gehen kann. Anders bei der Kita: In der von Julie mussten die meisten Kinder erst einmal Deutsch lernen, darum suchte Selma für Antonia eine andere aus, jene, in der sie als Ein-Euro-Jobberin in der Küche half. Diese Kita war zwar doppelt so teuer, dafür bekam Antonia dort Verkehrserziehung und ging mit den anderen Kindern auch mal in den Zoo.

Selma ist Pragmatikerin. »Ich brauche keine Gymmi-Schüler«, sagt sie. Wichtig sei es, dass ihre Kinder einen Ausbildungsplatz bekommen und sich nicht von einem Mann abhängig machen. Gretas Eltern dagegen sind Idealisten: Sie wünschen sich für Greta keinen konkreten Job, sondern ein selbstbestimmtes Leben und Unabhängigkeit, nicht nur von einem Mann, sondern von den Ansprüchen der eigenen Eltern.

Julie bekommt 3,50 Euro Taschengeld in der Woche.
Julie war noch nie im Urlaub.
Julies Mutter hat kein Auto.

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Christoph Cadenbach

30, war überrascht, was sich die Erika-Mann-Grundschule einfallen hat lassen, um die Schule sauber zu halten: Über den Pissoirs auf den Jungstoiletten hängen gemalte Bilder von Frauengesichtern. Seitdem glänzt der Boden.

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