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aus Heft 05/2011 Tiere/Pflanzen

Können diese Augen lieben?

Gabriela Herpell  Foto: Hubertus Hamm

Er ist treu. Er wartet morgens am Bett. Er folgt auf Schritt und Tritt. Liebt mich mein Hund? Unsere Autorin hat versucht, es herauszufinden.


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Ich liebe meinen Hund, ist ja eigentlich klar – und doch ein bisschen erstaunlich: Man legt 350 Euro auf den Tisch, sucht sich ein Hundebaby aus, nimmt es mit nach Haus – und nach ein paar Tagen liebt man es. Mit der Zeit vertieft sich das Gefühl, auch wenn der Hund irgendwann nicht mehr so süß aussieht und riecht wie als Welpe. Und nun, nach sieben Jahren, denke ich manchmal mit Schrecken, dass vielleicht schon die Hälfte der Zeit mit Ringo abgelaufen ist.

Aber liebt mein Hund mich auch? Und wenn ja, was ändert das? Ich könnte ihn doch auch lieben, ohne dass er meine Gefühle erwidert. Viele Verhaltensforscher und auch sonst viele Menschen bezweifeln, dass derart komplexe tierische Gefühle existieren. Und die, die zugeben, dass sie existieren, halten sie zumindest für unbedeutender als die menschlichen und führen das Verhalten nicht menschlicher Lebewesen auf umweltbedingte und soziale Einflüsse zurück. Sie schütteln den Kopf und sagen: »Mach dir nichts vor. Er himmelt dich nur an, weil du es bist, die ihm zu fressen gibt.« Oder: »Du bist der Rudelführer, mehr nicht.«

Ich glaube nicht, dass das stimmt. Es geht schon damit los, dass mein Hund, ein Jack Russell, meinen Schlaf bewacht. Wenn ich am Morgen die Augen aufschlage, liegt er auf seiner Decke und beobachtet mich schon. Dann stehe ich auf und er kommt an, sucht Nähe, schmiegt seinen Kopf in meine Hand, gräbt ihn in meine Armbeuge. Er trottet hinter mir her, wenn ich in die Küche gehe. Ich schalte das Radio an und fülle Wasser in den Kocher. Er sitzt still da, seine Augen folgen jeder Bewegung. Wenn ich mich an den Küchentisch setze, rollt er sich darunter zusammen, legt eine Tatze auf meinen Fuß und brummt leise.

Wenn das nicht Liebe ist, dann weiß ich es auch nicht. Liebe ist doch vor allem der Wunsch nach Nähe zu einem bestimmten Wesen, für das man sorgt und das man beschützt, falls es nötig ist. Es gibt Menschen, von denen ich glaube, dass sie mich lieben. Aber sie zeigen es viel weniger deutlich als der Hund. Natürlich weiß ich nicht, was genau der Hund fühlt. Aber weiß ich denn, was genau die Menschen empfinden, von denen ich glaube, dass sie mich lieben?
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Während des Tages lässt das Zärtlichkeitsbedürfnis des Hundes nach. Doch steht er jedes Mal auf und folgt mir, wenn ich einen Raum verlasse. Manchmal sieht es so aus, als würde er tief schlafen, aber beim leisesten Geräusch aus meiner Richtung klappen seine Augen auf und er wirkt hellwach. Wenn ich zur Haustür gehe, guckt er mich an und stellt die Ohren nach vorn. Ich werde doch nicht ohne ihn gehen? Wenn ich nach der Leine greife, freut er sich wie verrückt und springt hoch in die Luft. Wenn ich sage: »Du passt aufs Haus auf«, lässt er Ohren und Kopf hängen.

Jetzt sagen die Skeptiker, der Hund möchte halt raus, herumrasen und zu all den schönen Hündinnen an der Isar. Ich sage: Ja, aber am liebsten in meiner Gesellschaft. Wenn ich eine Reisetasche packe, kann den Hund zum Ausführen und zu den schönen Hündinnen abholen, wer will, er wird nicht mitgehen. Er wird sich vielleicht zu ein paar Schritten überreden lassen, wenn man ihn mit Leckerbissen lockt, doch dann wird er einen Haken schlagen und zurücklaufen, nach Hause. Oder er wird mitten auf der Straße stehen bleiben, eine Pfote heben und den Kopf rückwärts drehen, mit flehendem Blick. Wieder zu Hause wird er sich so vor die Wohnungstür legen, dass man nicht an ihm vorbei herauskann.

Warum sollte er das alles tun, wenn nicht aus Liebe? Einer Liebe übrigens, die nicht nachlässt wie die Verliebtheit zwischen zwei Menschen. Der Hund freut sich auch nach Jahren noch jedes Mal sehr, wenn ich nach Hause komme. Man sieht das nicht nur daran, dass er wild mit dem Schwanz wedelt, sondern auch an seinen Augen. Sie können ganz blank sein vor Freude. Und sie werden matt, wenn er merkt, dass er allein bleiben muss. Er geht sogar lieber mit in die Stadt, schleppt sich samstags von Zara zu Muji und über den Viktualienmarkt, als allein zu Hause zu bleiben. Manche Leute unterstellen, dass ich mir das so hinbiege, weil es mir so passt. Aber ich weiß, dass es stimmt. Ich kenne ihn, meinen Hund.

Das ist natürlich alles nur Feldforschung. Doch kürzlich wurde auch in biochemischen Forschungslabors bewiesen, dass Hunde sich sehr gern in der Nähe ihres Herrchens aufhalten. Der südafrikanische Forscher Johannes Odendaal und seine amerikanische Kollegin Rebecca Johnson untersuchten Paare aus Mensch und Hund. Wenn sie sich nur zwanzig Minuten lang still in demselben Raum befanden, stieg bei beiden der Glückshormonspiegel an, während der Stresshormonspiegel sank: Es wurden vermehrt Oxytocine, Prolactine, Endorphine und Phenylethylamine ausgeschüttet, dafür weniger Cortisole. Wenn Hund und Mensch sich dann gegenseitig auch noch Zuwendung schenkten, stieg der Spiegel der Stimmungsaufheller abermals an. Nicht nur beim Menschen, was längst bekannt ist, sondern eben auch beim Hund.

Endorphine kennt man vom Sport: Sie beglücken einen, wenn man sich ordentlich bewegt hat. Phenylethylamine sorgen für die Art Euphorie, wie man sie beim Schokoladeessen empfinden kann. Prolactin löst Fürsorge aus: Es tritt vermehrt bei werdenden Müttern und sogar auch bei werdenden Vätern auf. Das sogenannte Treuehormon Oxytocin schließlich kommt besonders stark bei Müttern während des Stillens vor, aber auch bei frisch Verliebten, die sich tief in die Augen sehen oder sich berühren. Es sorgt für ein starkes momentanes Glücksempfinden durch die erlebte Bindung.
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Gabriela Herpell

ist ein Hundemensch. Deshalb gefällt ihr dieser Vergleich so gut: Der Hund denkt, der Mensch gibt mir zu fressen und zu trinken, er muss Gott sein. Die Katze denkt, der Mensch gibt mir zu fressen und zu trinken, ich muss Gott sein.

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