Die Gewissensfrage

Verbrennen? Zum Altpapier? Oder für immer ganz hinten ins Regal? Wie entsorgt man Bücher eigentlich angemessen?

»Unsere Bücherwand ist hoffnungslos überfüllt, deswegen haben wir gerade einige Bücher ausgemistet. Einiges ist auch wirklich sprachlich oder literarisch nicht bedeutsam. Der hiesigen Stadtbibliothek habe ich die Bücher schon angeboten, aber die wollen sie nicht haben, weil sie auch dort die Regale verstopfen würden. Mein Mann hatte nun die Idee, die Bücher in unserem Kamin zu verbrennen. Ich finde, man darf keine Bücher verbrennen, gleichgültig wie trivial sie sind. Aber kann ich sie guten Gewissens zum Altpapier geben?« Andrea P., München

»Bücher verbrennen.« Sofort tauchen unschöne Bilder auf aus dem Jahr 1933 und das Zitat von Heinrich Heine: »Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.« Das will ich jetzt bei Ihrem Mann nicht hoffen, und er scheint ja auch keine verwerflichen Ziele damit zu verfolgen, sondern will schlicht entsorgen und heizen.

Dennoch scheint es Ihnen angenehmer, die Bücher ins Altpapier zu geben, und man fragt sich, warum. Vielleicht wegen des Gefühls, mit dem Papier werde auch das Buch auf irgendeine Art und Weise überleben. Und damit könnte man dem Kern des Problems nahekommen: Bei den Hemmungen, die viele gegenüber dem Vernichten von Büchern verspüren, billigt man ihnen anscheinend ein Leben, eine eigene Persönlichkeit zu. Das mag daran liegen, dass man mit Büchern Freundschaften geschlossen hat, mit ihnen verreist ist – tatsächlich und in der Fantasie –, ihnen vielleicht wertvollste Gedanken entnommen hat. Leider aber auch den größten Unsinn, und das nicht einmal selten. Denn ein Buch ist ein Gefäß, und sein Wert liegt abgesehen von bibliophilen Kostbarkeiten vor allem im Inhalt.

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Aus dieser Erkenntnis kann man zweierlei Schlüsse ziehen. Entweder, dass die geistigen Inhalte der Bücher beim Verbrennen mit den Büchern beschädigt oder vernichtet werden – ein Gedanke, der auch der Bücherverbrennung 1933 zugrunde lag. Oder dass es sich bei einem Buch eben nur um ein Transportmedium handelt, das keinen besonderen Schutz beansprucht, solange es nicht um unwiederbringliche Einzelstücke geht. Das scheint mir bei nüchterner Betrachtung in Ihrem Fall überzeugender.

Allein in Deutschland gibt es jedes Jahr mehr als 90 000 Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt, und es werden knapp eine Milliarde Bücher und ähnliche Druckerzeugnisse produziert. Dürfte man nicht ein paar davon wegwerfen, würde man über kurz oder lang in ihnen ersticken. Deshalb will ich es pragmatisch sehen: Weil Bücher wichtig sind, sollte man zunächst versuchen, sie weiterzugeben. Außer Bibliotheken kommen soziale Projekte in Betracht, Angebote im Internet oder auch eine Kiste mit dem Schild »zum Mitnehmen«. Wenn sie aber wirklich niemand haben will, sind sie am Ende nur Dinge, mit denen man verfahren kann wie mit allen anderen überflüssigen Dingen: Man darf sie entsorgen und – lässt man Umweltschutzaspekte einmal beiseite – auch verbrennen.

Rainer Erlinger empfiehlt:

Heinrich Heine: Almansor, eine Tragödie
Almansor: »Wir hörten daß der furchtbare Ximenes, Inmitten auf dem Markte, zu Granada - Mir starrt die Zung im Munde - den Koran In eines Scheiterhaufens Flamme warf!«
Hassan: Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.«

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Abgeben kann man Bücher auch  in Oxfam Shops.

Lesenswert zum Thema: Max Goldt, Eine Wolke, auf der man keinen Husten bekommt. In: ›Mind-boggling‹ - Evening Post, Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbeck bei Hamburg, 3. Auflage 2008, S. 91-99

Illustration: Marc Herold