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aus Heft 39/2011 Kunst Noch keine Kommentare

Angewandte Theorie der Kunst

Haben Sie in letzter Zeit Bilder gekauft? Dann passen Sie bloß auf, wie Sie die präsentieren – denn das verrät eine Menge über Sie.

Von Tobias Haberl  Fotos: Sorin Morar




Die Petersburger Hängung vereint Kunst mit persönlichen Erinnerungen und Trophäen – die Wand wird zur riesigen Visitenkarte.


Die Petersburger Hängung

Die weiße Wand ist vom Aussterben bedroht, vor allem in den Altbauwohnungen der nicht so günstigen Viertel in Berlin oder München. Dort wohnen Kulturmenschen, die grün wählen, Leitungswasser in Glaskaraffen füllen und einen Saab oder Volvo fahren. In den letzten Jahren haben sie sich Kunst gekauft, Gemälde, Zeichnungen, Collagen, ein paar haben sie billiger bekommen, weil sie den Künstler gelegentlich beim Ausgehen treffen. Und jetzt bedecken diese kleinen und mittelgroßen Bilder ihre Wände, scheinbar gedankenlos arrangiert, Rahmen an Rahmen, kreuz und quer, oft rauf bis zur 3,50 Meter hohen Decke.

Petersburger Hängung nennt sich die enge Reihung von Kunstwerken – der Name geht auf die Eremitage in Sankt Petersburg zurück. Warum aber hat sich dieses System auch in den Wohnzimmern von Feuilletonisten, Grafikern und Werbetextern durchgesetzt? Und was bringt es, wenn man vor lauter Kunst das Bild nicht mehr sieht, geschweige denn betrachten, auskosten oder wertschätzen kann? Schauen wir uns ein paar dieser Wände genauer an: Natürlich geht es – wie fast immer beim Stadtmenschen – um Individualität und Distinktion. Er hebt sich nun mal für sein Leben gern ab, vom Nachbarn, vom Kollegen, auf jeden Fall vom Rest, und tut dies – genau wie beim Musikgeschmack und der Küchenlampe – auf die exakt gleiche Weise wie die, von denen er sich eigentlich unterscheiden will. Im Grunde will er zeigen, wer er ist, und bespielt sein Zuhause nicht anders als sein Facebook-Profil, indem er Bilder, nein, Erinnerungen und Trophäen auf seine Wand lädt: Zwischen den Bildern und Fotografien nämlich tummeln sich häufig Kinderzeichnungen, Zeitungsausrisse, vergilbte Polaroids oder ein altes Schwarz-Weiß-Foto der Großeltern, natürlich im alten Rahmen mit ordentlich Patina dran; der bürgerliche Mittelstand will sich seiner Wurzeln versichern, er sehnt sich nach Identität, Herkunft und Halt.

Selbst beim Chef der einflussreichen Galerie Contemporary Fine Arts, Bruno Brunnet, hängen Kinderkritzeleien neben kaum bezahlbaren Riesenformaten von Georg Baselitz oder Peter Doig an der Wand. Der große Vorteil einer eigenen Wohnung: Von Zeit zu Zeit kommen Gäste, die gar nicht anders können als das Arrangement zu betrachten. Das Ganze funktioniert wie eine riesige Visitenkarte inklusive Lebenslauf: Wo war ich, wen kenne ich, was kann ich mir leisten und wie süß sind eigentlich meine Kinder? Diese Fragen werden binnen Sekunden beantwortet, ohne dass danach gefragt worden ist. Dieses Selbstvermarktungsprinzip ist nicht neu, schließlich hing schon in unserem Kinderzimmer ein Nirvana-Poster neben der Ehrenurkunde von den Bundesjugendspielen.

Es geht um Identität und lückenlose Einordnung, um die Selbstvergewisserung des eigenen Wertes. Wenn ich mein Leben an der Wand sehe, fühle ich mich lebendig. Nicht selten übrigens hängen zwei, drei Bilder leicht schief oder gleich ungerahmt an der Wand. Wer denkt, dass ihr Besitzer nachlässig ist, hat nichts verstanden: Die Petersburger Hängung ist kalkuliertes Understatement. Es geht darum, das Kunstwerk in den Alltag zu integrieren und vom Sockel runter ins pralle Leben zu stoßen – und welches Leben ist schon frei von kleinen Brüchen?
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