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aus Heft 23/2012 Fußball

»Ich tauche in den Muskel«

Interview: Dirk Schönlebe und Werner Bartens 

Entweder kann dieser Mann zaubern - oder er ist einfach der beste Mannschaftsarzt der Welt. Hier erklärt der Orthopäde Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt die Geheimnisse seines Erfolgs (und ja: Ein bisschen magisch klingen die manchmal wirklich).


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SZ-Magazin: Herr Müller-Wohlfahrt, in den kommenden drei Wochen werden Sie wieder auf das Spielfeld sprinten, wenn ein Nationalspieler am Boden liegt. Wie schnell schaffen Sie es von der Trainerbank zur Eckfahne gegenüber?

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt: Keine Ahnung. Aber die 100 Meter konnte ich mal in 11,0 laufen.

Dann knien Sie dort ein paar Sekunden, und kurz darauf spielt der Spieler weiter - oder er wird ausgewechselt. Meist ist ein Muskel betroffen. Was machen Sie in der kurzen Zeit?
Ich lege einen oder zwei Finger an und spüre die Muskelspannung. Dann gleite ich auf dem Muskel von oben nach unten und wieder zurück, dann quer. Ganz langsam. Der Spieler zeigt mir, wenn es irgendwo mehr schmerzt. Dann habe ich das Zentrum eingekreist, jetzt kommt die Phase der höchsten Konzentration: Ich tauche quasi in den Muskel ein, finde mich in der Anatomie zurecht und kann ertasten, ob es Unregelmäßigkeiten gibt.

Sie »tauchen« in den Muskel?
Ich kenne die anatomischen Gegebenheiten der Muskulatur. Ich habe Tausende Male ertastet, wie sich ein unverletzter Muskel anfühlt. Diese Eindrücke habe ich gespeichert. Ich habe ungefähr 35 000 Muskelverletzungen diagnostiziert und im Gedächtnis abgelegt. Diese Speicherbilder, sogenannte Engramme, kann ich jederzeit abrufen.

Obwohl der Spieler sich gerade vor Schmerzen krümmt und 70 000 Zuschauer pfeifen?
Das höre ich überhaupt nicht.

Sportreporter sagen: eine Zerrung. Oder: ein Riss. Oder: ein Bündelriss. Oder: Der Muskel hat zugemacht. Er ist verhärtet. Gibt es das überhaupt alles?

Ja, das entspricht unserer Klassifikation.

In den paar Sekunden können Sie das ertasten? Ohne Ultraschall, ohne Kernspin?
Mit dem ersten Anlegen der Finger weiß ich: Die Muskelspannung ist in Ordnung. Oder: Sie ist nicht mehr im Normbereich. Die Muskeloberfläche ist von einer Faszie umgeben, einer spiegelglatten, feinen Membran. Die gleite ich ab. Spüre ich eine Unterbrechung, handelt es sich, je nach Größe, um einen Faserriss oder sogar einen Bündelriss. Spüre ich keine Unterbrechung, aber eine deutlich erhöhte, schmerzende Grundspannung, sprechen wir von einer Verhärtung. Dann besteht die Gefahr, dass der Muskel sich bei weiterer Belastung verletzt. Wenn aber - und das übersteigt vielleicht das Verständnis eines Laien -, wenn sich aber an dem Muskel ein feiner Saum Flüssigkeit befindet, dann fühlt sich das »seifig« an oder auch wie ein ein, zwei Millimeter dickes Polster zwischen Faszie und Muskeln. Ich sehe also eine leichte Verquellung und weiß: Die Nervenversorgung des Muskels ist gestört. Dadurch ist die gesunde Grundspannung nicht mehr gegeben.

Sie sehen?
Ja, ich sehe mit den Fingern - so erkläre ich es manchmal den Patienten. Das ist, als ob Sie ein Anatomiebuch aufschlagen - ich »sehe« die Muskeln einzeln und übereinander, nebeneinander. Ich muss ja auch wissen: Um welchen Muskel handelt es sich, welche Funktion hat er? Ist er besonders verletzungsanfällig? Oder ist es ein Muskel, der nicht so sehr gefordert wird? In die Beurteilung gehen auch andere Informationen ein. Zum Beispiel: Wie ist der Spieler gefallen, welche Situation hat zu der Verletzung geführt?

Wir dachten, Sie schalten während des Spiels ab, bis Sie gerufen werden.
Ich muss aufmerksamer Beobachter des Spiels sein, und ich kenne die Bewegungen eines Spielers. Wenn ich sehe, wie ein Spieler fällt, weiß ich schon in etwa, ob die Verletzung ernst ist. Udo Lattek hat mal gesagt: Doktor, du läufst ja schon, wenn die Verletzung noch gar nicht passiert ist! Sie werden sich wundern, dass ich manchmal sitzen bleibe, obwohl ein Spieler scheinbar schwer strauchelt. Aber mein Physiotherapeut Fredi Binder und ich wissen meist, da ist nichts passiert. Nichts Ernstes, der steht gleich wieder auf.

Denken Sie auch: Nicht schon wieder Robben? Oder: Ah, der Lahm, sicher nichts Ernstes?
Nein. Eher: Was ist passiert? Was könnte es sein? Aber sicherlich nicht personenbezogen.

Kommt es vor, dass ein Spieler sagt: Es geht schon wieder. Aber Sie wissen: Der muss raus?
Es gab Situationen, in denen ich den Spieler gegen seinen Willen aus dem Spiel nehmen musste. Aber das ist die Ausnahme. Ein Außenstehender merkt das nicht, aber ich kann energisch werden auf dem Spielfeld und sagen: Du kommst jetzt raus! Dann gebe ich das Zeichen zum Wechseln. Der Trainer weiß: So, da geht nichts mehr!

Sind Ihre Finger versichert?

Nein! Die Finger zeigen schon Abnutzungserscheinungen. Sie leisten Schwerstarbeit, und man sieht es ihnen an. Manchmal muss ich mit großem Druck tiefere Muskelschichten ertasten.

Dieses »Sehen« mit den Fingern - konnten Sie das schon immer?
Ich mag es nicht gern hören, dass gesagt wird: Du bist da begnadet. Ich weiß nicht, woher ich diese Fähigkeit habe. Ich meine, ich habe sie mir erworben. Durch tägliches Üben, Üben, Üben. Wie ein Pianist oder ein Violinist. Durch unendliches Üben habe ich ein bestimmtes Niveau erreicht.

Wie haben Sie geübt?
Ich untersuche jeden Patienten, ob er Rückenschmerzen hat oder Knieschmerzen, nur durch Betasten. Und speichere Gewebeeindrücke von Haut, Unterhaut, Faszie, Muskel, Gelenkkapsel, Bändern.

Da würden die meisten ärztlichen Kollegen sagen: Untersuchen und betasten - das mache ich doch auch!
Ich nehme mir sehr viel Zeit und untersuche mit höchster Konzentration, Millimeter für Millimeter. Meine Patienten sagen oft, dass sie so gründlich noch nicht untersucht worden sind.

Es gibt kein Müller-Wohlfahrt-Geheimnis?
Nein. Sie haben auch Fähigkeiten, die Ihnen nicht bewusst sind. Das lernen Sie. Ein Weinkenner spürt Weingut und Jahrgang. Wodurch? Durch konzentriertes Hinschmecken. Ich bin der Meinung, dass man vieles durch ausdauerndes Üben erlernen kann.

Dann kann jeder lernen, was Sie können?
Es gehören Intuition und Hingabe dazu. Sie müssen Freude daran haben. Und es muss für Sie eine Herausforderung sein, jeden Tag. Ich bilde mir ein, wenn ich 14 Tage Urlaub mache, muss ich mich am ersten Arbeitstag viel mehr konzentrieren, um das Tastempfinden wiederzuerlangen.

Foto: dpa
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Dirk Schönlebe und Werner Bartens

haben leider keine prominenten Sportler im Wartezimmer gesehen. Dafür aber im Büro von Müller-Wohlfahrt die handsignierten goldenen Schuhe von Usain Bolt und auf einem Wandbildschirm die Bayern-Tore der letzten Saison in Endlosschleife.

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