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aus Heft 30/2012 Gesellschaft/Leben 3 Kommentare

»Wir sind zusammen allein«

Früher haben die Menschen miteinander gesprochen. Heute tippen, chatten und mailen sie. Deshalb befürchtet die Kulturwissenschaftlerin Sherry Turkle, dass das Gespräch aussterben könnte. Ein Gespräch – genau darüber.

Von Peter Haffner (Interview)  Foto: Linus Bill



Warum miteinander reden, wenn man jederzeit jeden erreichen kann?

SZ-Magazin: Mrs. Turkle, Sie galten lange als großer Freund jeder neuen Technologie
mittlerweile kritisieren Sie die Vereinsamung, die permanentes Starren auf das Smartphone mit sich bringt. Sind Sie zur Konvertitin geworden?
Sherry Turkle: Nein. Technologie begeistert mich immer noch. Aber ich glaube, dass sie uns zu etwas führt, wo wir nicht hinwollen. Beispielsweise Geselligkeit als das zu definieren, was uns ein soziales Netzwerk machen lässt. Mit meinem Buch Alone Together tue ich Buße für meinen Fehler, etwas übersehen zu haben.

Was denn?
Als ich das Internet als einen Ort pries, an dem Leute mit ihrer Identität experimentieren können, dachte ich, man sitzt an seinem Computer, verbringt ein bisschen Zeit damit und lebt dann sein Leben weiter. Ich sah nicht voraus, dass Sie und ich hier zusammensitzen würden, Ihr Telefon vibriert und Sie sagen: »Entschuldigen Sie bitte, ich habe jetzt Besseres zu tun.«

Es leidet also die Wichtigkeit des Gesprächs von Mensch zu Mensch?
Wenn etwas funktioniert hat und nützlich war für Eltern, Lehrer und Kinder, sollten wir es schätzen und fördern. Smartphones, Computer und das Internet sind nicht schlecht. Es geht um den Platz, den wir ihnen in unserem Leben geben.

Aber man hat doch mehr Kontakte denn je dank Internet.
Man zeigt einander seine Fotos, gut. Das ist gesellig, aber wenn man die Geselligkeit von Leuten danach bemisst, wie fleißig sie so etwas tun, vergisst man, dass es sehr viel wichtigere und wertvollere Aspekte von Geselligkeit gibt. Etwa die Fähigkeit, ruhig dazusitzen und jemandem geduldig zuzuhören.

Warum können wir das nicht mehr?

Weil diese kleinen Dinger in unseren Taschen psychologisch so mächtig sind, dass sie nicht nur verändern, was wir tun, sondern auch, wer wir sind. Sie bestimmen, wie wir miteinander und mit uns selber umgehen. Wir gewöhnen uns daran, zusammen allein zu sein.

Was heißt das?
Man will miteinander sein, aber gleichzeitig auch woanders, an Orten, die man nach Belieben besuchen und verlassen kann. Was zählt, ist die Kontrolle darüber, wem und welchen Dingen man sich zuwendet. Wollen wir, dass unsere Kinder soziale Fähigkeiten haben, einander ins Gesicht sehen, sich unterhalten, miteinander verhandeln, sich in einer Gruppe wohlfühlen können? Wenn ja, dann ein bisschen weniger Zeit im Internet, s’il vous plaît.

Was ist denn falsch daran, wenn Jugendliche ihre Kontakte übers Internet pflegen?
Dass sie glauben, sie seien niemand, wenn sie es nicht tun. Die Devise lautet: »Ich teile mich mit, also bin ich.« Die digitale Kommunikation braucht keinen Inhalt, keine Botschaft. Vom »Ich habe ein Gefühl, ich möchte jemanden anrufen« geht es zum »Ich möchte ein Gefühl haben, also schicke ich eine SMS«. Teenager spüren ihr Gefühl nicht, wenn sie das nicht tun. Was einst als pathologisch gegolten hätte, ist heute der Stil einer Generation.

Zu der wir beide nicht gehören. Ist das vielleicht das Problem?
Es betrifft die ältere Generation genauso. Wenn wir nicht in ständigem Kontakt miteinander stehen, spüren wir uns selbst nicht mehr. Was also tun wir? Wir suchen noch mehr Kontakt. Was schließlich in die Isolation führt.

Warum denn das?
Weil man damit die Fähigkeit zum Alleinsein verliert. Erst das Alleinsein ermöglicht, sich selber zu finden und mit anderen eine Bindung einzugehen. Können wir das nicht, wenden wir uns den anderen zu, um uns nicht zu ängstigen, ja um uns überhaupt erst lebendig zu fühlen. Die anderen werden zu einer Art Ersatzteillager für das, was uns fehlt. Einer Generation, die Alleinsein als Vereinsamung erfährt, mangelt es an Autonomie. Diese zu entwickeln ist für Heranwachsende aber lebenswichtig.

Also weg mit dem Smartphone?
Jugendliche geraten in Panik, wenn sie es nicht dabeihaben. Sie sagen Sachen wie: »Ich habe mein iPhone verloren, es fühlt sich an, wie wenn jemand gestorben wäre, ich meinen Kopf verloren hätte.« Oder: »Auch wenn ich es nicht bei mir habe, spüre ich es vibrieren. Ich denke daran, wenn es im Schließfach ist.« Die Technik ist bereits ein Teil von ihnen selbst geworden.

Wie schafft so ein Ding das?

Smartphones befriedigen drei Fantasien: dass wir uns immer sofort an jemanden wenden können, dass wir immer angehört werden und dass wir nie allein sind. Die Möglichkeit, nie allein sein zu müssen, verändert unsere Psyche. In dem Augenblick, in dem man allein ist, beginnt man sich zu ängstigen und greift nach dem Handy. Alleinsein ist zu einem Problem geworden, das behoben werden muss.
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Kommentare

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  • Christian Eckardt (0) Zitat: "Ich kriege fünfhundert Mails pro Tag. Vor dem Zubettgehen erledige ich sie."
    Sagen wir mal, pro Mail eine Minute, dann wären das ca. 8 Stunden, bei einer halben Minute immer noch 4 Stunden, und das jeden Tag? Klingt für mich wie ein Alptraum und entspricht eher dem SMS- und Mailverhalten der Jugendlichen, die hier beschrieben werden...
  • Martin Kaleta (0) Diese Diskussion um die Gefahren des Internets/Computerspiele/Smartphones etc. und die Warnungen der Technikforscher/Intellektueller/Kulturforscher/Sozialwissenschaftler u.a. ist doch wirklich zu lästig. All das kann immer wieder auf eine einzige Floskel reduziert werden: Alles kann bei falscher Benutzung ungesund oder gefährlich werden - Feuer, Wassr, Dampf, Elektrizität - was man damit alles anstellen kann?
  • Katharina Rosch (0) Für mich heißen die Stichwörter: "Prioritäten setzen" und "Medienkompetenz". Wichtig ist doch, dass ich entscheide, wann ich welches Medium für was einsetze. Nur weil ein Telefon klingelt, muss ich nicht rangehen, weil mir gerade jemand was twittert oder eine SMS schickt, muss ich auch nicht reagieren. Es ist und bleibt meine Entscheidung!
    Wenn mir gegenüber ein liebenswerter oder interessanter Mensch sitzt, würde ich ganz sicher nur in besonderen Fällen ans Smartphone gehen ? beispielsweise um einen Blick in den Kalender zu werfen, wann wir uns wieder sprechen können. ;-)