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aus Heft 38/2012 Gesellschaft/Leben

Der Freund, der mich zum Weinen brachte

Wolfgang Luef  Foto: Attila Hartwig

»Warum bin ich so fröhlich?«, singt die Zeichentrickente Alfred J. Kwak oft. Dabei ist die Kinderserie vor allem: sehr traurig. Hier erklärt ihr Schöpfer seinem größten Fan, warum das so sein muss.


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Es beginnt mit einer toten Ente: Ein Mann überfährt sie auf seinem Heimweg mit dem Auto. Er hat sie nicht gesehen, nur plötzlich diesen Schlag gehört. Er hält an, steigt aus, versucht, mit bloßen Händen ein Loch am Straßenrand zu buddeln, um sie zu begraben. Doch es ist Frühling in Holland, der Boden noch hart vom Frost. Er steigt wieder in sein Auto und fährt nach Hause. Am Abend erzählt er seinen Kindern eine Gutenachtgeschichte, wie jeden Tag. Diesmal geht es um eine junge Ente, deren Eltern von einem Auto totgefahren werden. Aus dieser Geschichte ist 20 Jahre später eine TV-Serie geworden, Millionen Kinder kennen den Namen der Ente: Alfred J. Kwak. Ich war eins von diesen Kindern. Alfred war eine Art Freund für mich.

Ich habe früher viel ferngesehen, vor allem seit meine Eltern 1990 eine Satellitenschüssel an unserem Haus in den österreichischen Voralpen installierten. Damals war ich sieben. Ich schloss Freundschaft mit Bugs Bunny, Daffy Duck, der Biene Maja. Doch an die Ente Alfred mit dem niedlichen holländischen Akzent erinnere ich mich am besten. Noch viel später habe ich einen niederländischen Tonfall automatisch mit Alfred verbunden. Als ich zum ersten Mal Linda de Mol im Fernsehen sah, fragte ich meine Mutter, warum die Frau wie eine Ente spricht.

Mein Held ist also eine Ente. Eine gezeichnete Ente. Sie zu treffen ist natürlich schwierig, also treffe ich den Mann, der sie einst als Gutenachtgeschichte für seine Kinder erfunden hat: Herman van Veen. Das Erste, was mir an ihm auffällt, ist sein Akzent. Er spricht wie Alfred. Das macht ihn sofort sympathisch.

Eigentlich ist Herman van Veen seit mehr als 40 Jahren Liedermacher, Clown, Autor und Kabarettist. Ich treffe ihn in einem Schlosshotel in der Provence. Nicht weit entfernt stellt er gerade seine neuesten Gemälde in einer kleinen Galerie aus – mit über 60 hat er auch noch zu malen begonnen. Alfred J. Kwak ist aber bis heute das erfolgreichste seiner Projekte: 52 TV-Folgen über einen jungen Erpel, der allein die Welt entdeckt.

Ich frage van Veen, wie ihm das alles eingefallen ist. »Das ist ein bisschen traurig«, sagt er und erzählt mir von der toten Ente am Straßenrand, das sei irgendwann in den Siebzigern gewesen. Ich finde, diese Geschichte passt genau zu der Serie. Da wurde nicht bloß gelacht, sondern viel geweint, gehadert und gezittert. Und genau das mochte ich. Ich erinnere mich an die schulfreien Tage, wenn meine Eltern in der Arbeit waren: Vormittags liefen manchmal sogar zwei Folgen Alfred hintereinander. Ich saß allein auf der gelben Couch im Wohnzimmer, in meine Bettdecke gehüllt, und sah Alfred zu: wie er unschuldig im Kerker des Königs eingesperrt ist und vor Hunger leise weint; wie er in der Schule wegen seiner Herkunft gemobbt wird; wie er sich prügelt und verliert; wie er von einem Flaschengeist an den Schultern gepackt und in die Luft gerissen wird. Alfred J. Kwak hat mich traurig gemacht. Doch am Ende, im Abspann, kam immer dieses Lied, gesungen von Alfreds Stimme: Warum Bin Ich So Fröhlich? So düster es in seiner Welt auch war, ich wusste immer, am Ende wird er singen.

Hin und wieder habe ich Alfred zusammen mit einem Schulfreund gesehen – bei mir zu Hause, denn seine Eltern hatten ihm die Serie verboten. In der Welt von Alfred ging es um Themen, die im Kinderfernsehen nichts verloren hatten: Tod, Rassismus, Umweltzerstörung, Terrorismus. Ist das wirklich etwas für Kinder? Als ich sieben war, habe ich mir diese Frage nicht gestellt. Jetzt stelle ich sie Herman van Veen.

Van Veen: Ich habe oft gehört, dass Eltern die Serie zu direkt war, zu explizit. Gewisse Tatsachen hält man gern von Kindern fern. Meine große Schattenfigur, der Gegenspieler von Alfred J. Kwak, ist Kra, die Krähe. Sein Vater ist Alkoholiker, seine Mutter ist gar keine Krähe, sondern eine Amsel, aber das versucht er vor allen anderen zu verbergen.

Und es endet auch böse mit ihm: Er wird zum Faschisten, der mit seiner »Nationalen Krähenpartei« den König stürzen will. Für ihn habe ich mir manchmal ein Happy End gewünscht.
Das wäre doch unfair. Gibt es denn ein Happy End im Leben? Kennen Sie eine Geschichte mit Happy End? Es gibt ein End. Das genügt.

Auch in Kindergeschichten?
Natürlich, Alfred J. Kwak nimmt die Kinder ernst. So wie ich meine eigenen Kinder ernst nehme, wenn ich ihnen etwas erzähle. Ich war zum Beispiel eine Zeit lang gefesselt vom Thema Leukämie. Meine Stiftung hat damals Geld gesammelt, um ein Kinderkrankenhaus mit speziellen, keimfreien Räumen auszustatten. Zu der Zeit war ich andauernd unterwegs, habe meine eigenen Kinder wenig gesehen. Irgendwann haben sie mich gefragt: »Was ist Leukämie?« Dann habe ich ihnen eine Geschichte erzählt: Man hat da kleine Monster im Blut, rote und weiße, die einander auffressen. Daraus sind am Ende drei Folgen Alfred J. Kwak geworden.

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