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aus Heft 43/2012 Reise Noch keine Kommentare

Sumpf ist Trumpf

Kein Supermarkt, keine Dusche, keine Menschen - unser Autor wollte einmal im Leben dahin, wo nichts mehr an die Zivilisation erinnert. Es wurden sieben Lektionen in Demut.

Von Christoph Cadenbach  Illustration: Daniel Egnéus



TAG 1: ÜBERLEBEN


Es gibt zwei Typen von Urlaubern: Die einen wollen sich erholen, die anderen packen sich 23 Kilogramm in den Wanderrucksack.

Jan und ich gehen noch einmal die Liste durch: Zelt, Kompass, Desinfektionsspray, 2,5 Kilo Reis, biologisch abbaubares Shampoo, zwei Angeln, zwei Klappmesser, drei Päckchen Tabak und so weiter. Wir fühlen uns gut ausgerüstet und schwitzen leicht, weil die schwarzen Thermo-Unterhemden, die wir tragen, tatsächlich sehr warm halten. Vor uns führt ein Trampelpfad in einen lichten Kiefernwald hinein, der Boden ist von Blaubeerbüschen überwuchert, der Himmel über uns leuchtet hellblau wie ein Wick-Bonbon. Es ist Mitte August, 22 Grad, kein Windhauch, alles sieht recht friedlich aus.

Die Frau vom Informationszentrum des Nationalparks hatte uns vorhin noch gewarnt: Mehr Braunbären als sonst würden durch die lappischen Wälder streifen und seit 20 Jahren sei dies das schlimmste Mückenjahr – »es ist die Hölle da draußen«; Jan und ich wuchten unsere Rucksäcke auf die Schultern und laufen in unseren frisch eingefetteten Lederstiefeln los. 120 Kilometer liegen vor uns, sieben Tage haben wir dafür Zeit.

Was die meisten Leute über Lappland, den nördlichsten Teil von Finnland, wissen: Sehr wenig Menschen leben hier (2,1 pro Quadratkilometer), dafür umso mehr Rentiere (insgesamt etwa 200 000). Im Winter sieht man das Nordlicht, im Sommer sehr viele Mücken. Es gibt so eine Art Ureinwohner, die Samen. Und der Weihnachtsmann kommt von hier. Jan und ich haben uns Lappland immer als die große Wildnis vorgestellt, eine Art europäisches Alaska, das wir aus Western-Filmen kannten. Jan ist mein ältester Freund, als Kinder sind wir gemeinsam mit unseren Eltern in den Sommerferien nach Schweden gefahren: angeln, Pilze sammeln, im Wald rumlaufen. In den rotweißen Ferienhäusern hingen oft Landkarten von Skandinavien an der Wand. Dort, wo wir waren, in Südschweden, waren noch Straßen und Städte eingezeichnet, der Norden oben, Lappland, war ein großer grüner Fleck. Dort musste es noch sehr viel aufregender sein. Dort wollten wir irgendwann unbedingt mal hin.

Jan und ich sind jetzt beide 32. Wir leben in Berlin, wo wir selbst nachts um fünf an jeder Ecke noch Döner oder Gummibärchen kaufen können. Auch von diesem Überfluss wollen wir sieben Tage Urlaub nehmen. Uns in Flüssen waschen. Keine Menschen treffen. Etwas Unberührtes entdecken.

Der Trampelpfad führt uns einen ersten Berg hinauf. Die Kiefern werden kleiner und verschwinden dann ganz, statt mit Blaubeeren ist der Boden des Pallas-Yllästunturi-Nationalparks nun mit federndem Moos überzogen.

Was wir über Lappland wissen: dass die Baumgrenze hier oben im Norden schon bei etwa 400 Höhenmetern liegt; dass es im August Schnee geben kann; dass einen nicht nur Stechmücken nerven, sondern auch sogenannte Mäkärät, Kriebelmücken. Rundliche, fruchtfliegenartige Biester, die einem ein kleines Stück Haut abbeißen, um das Blut, das sich in der Wunde sammelt, dann aufzusaugen. Wir haben uns extra das rote Anti-Mäkärät-Spray von Off! gekauft, den härtesten Stoff, den wir in Finnland finden konnten. Aber noch lassen uns die Insekten in Ruhe.

Nach einer Stunde treffen wir ein Seniorenpärchen, was mir ein bisschen schlechte Laune macht, weil wir ja eigentlich keinem Menschen begegnen wollten und weil ich Angst habe, dass der Wanderweg, den wir uns herausgesucht haben, zu einfach, zu wenig anstrengend ist. Ich neige dazu, aus allem einen Wettkampf zu machen. Jan weiß das und auch, wie oft ich mich selbst überschätze. Er meint nachsichtig: »Die hängen wir schon ab.«

Nach vier Stunden finden wir den ersten Pilz fürs Abendessen. Weißer Stiel, rotbraune Kappe, ein Birkenpilz. Die heißen so, weil sie in der Nähe von Birken wachsen. Jans Vater Helmut hat uns damals in Schweden beigebracht: Pilze mit Lamellen unter dem Hut stehen lassen, Pilze mit einer Art Schwamm unter dem Hut mitnehmen. Die sind entweder lecker (wie der Steinpilz und der Birkenpilz) oder schmecken scheußlich (wie der Gallenröhrling), aber sterben kann man davon nicht.

Nach sechs Stunden bauen wir am Ufer eines Flusses unser Zelt auf. Das Wasser rauscht über die Steine im Flussbett direkt in unsere Trinkflaschen hinein. Kalt und klar und rein. Wir haben alles, was wir brauchen, und entscheiden uns, erst einmal angeln zu gehen. Die Bilanz nach zwei Stunden: kein Fisch, aber Jan, der seine Hosenbeine hochgekrempelt hatte, zählt 86 Mückenstiche allein an der linken Wade.

TAG 2: GEGEN MÜCKEN WEHREN

Es soll Finnen geben, die Anfang Juni, wenn die Mücken gerade geschlüpft sind, mit nacktem Oberkörper in den Wald spazieren, um sich stechen zu lassen, 300, 400 Mal. Dann seien sie immun gegen das Jucken und hätten für den Rest des Sommers Ruhe.

Ich wickle mir zum Frühstück einen Schal ums Gesicht, dass nur noch Augen und Mund frei sind, weil ich das Summen am Ohr nicht mehr ertragen kann. Der sicherste Trick gegen die Viecher: in Bewegung bleiben, aber sobald wir eine Pause machen, um auf die Karte zu schauen, zu essen, zu pinkeln oder wie an diesem herrlich sonnigen Morgen Instant-Kaffee in heißem Wasser aufzulösen, haben sie uns. Die Stechmücken, die sich eigentlich von Nektar ernähren, und Blut nur brauchen, um ihre Eier zu produzieren, kommen mit ihrem Rüssel problemlos durch unsere Thermounterhemden; die Mäkärä, die vom Kohlendioxid im menschlichen Atem angelockt werden, schwirren uns so nah vorm Gesicht, dass wir jeden Tag ein paar verschlucken.

Feuer hilft ein wenig, die Hitze, der Rauch. Aber Feuer bedeutet auch: Holz sammeln (und trockenes finden), Steine sammeln (um damit einen Kreis zu legen, als Brandschutz). Für kurze Pausen eignet sich das nicht, also zünden wir uns eine Zigarette nach der nächsten an. Das rote Off-Spray wirkt zwar, aber wir bekommen auch ungesund aussehende Flecken davon.

Am zweiten Abend spitzt sich die Situation zu: Der Platz für die Nacht liegt in einem Sumpfgebiet, die Mäkärät fliegen uns in die Ohren und die Hosenbeine hoch. Fürs Abendessen verschanzen wir uns in einer kleinen Blockhütte, die für Wanderer offen steht. Wir haben keinen Bach gefunden, um fließendes, sauberes Trinkwasser zu schöpfen, sondern nur einen kleinen, braunen See, also feuern wir den Hüttenofen an, um das Wasser darauf abzukochen. Nach kurzer Zeit hat es in der Hütte 60 Grad. Draußen die Mücken, drinnen Sauna. Wir ziehen uns bis auf die Boxershorts aus und legen uns auf den Boden, wo es am kältesten ist, weil die heiße Luft nach oben steigt.
 
Ein paar Dutzend Mäkärät sind uns in die Hütte gefolgt, aber auch ihnen macht die Hitze zu schaffen. Sie sammeln sich am Fenster und ertrinken im Kondenswasser, das sich an der Scheibe gebildet hat.

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