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aus Heft 44/2012 Musik

Der Unfassbare

Seite 3: Das System Barenboim

Tobias Haberl  Fotos: Jonas Unger


DAS SYSTEM BARENBOIM – ORGANISIERTES CHAOS

»Im Grunde bin ich ein unorganisierter Mensch«, sagt Daniel Barenboim. Es ist eine Lüge – aber nur eine halbe: Ja, dieser Mann funktioniert nur, weil es um ihn herum Dutzende Menschen gibt, die sich so mit ihm identifizieren, dass sie ihm ihr halbes Leben opfern. Es gibt ein System Barenboim, ein Netzwerk aus ständig an- und abrufbereiten Mitarbeitern, Referenten und Agenten, die jeden Tag mehrmals miteinander telefonieren, Termine koordinieren, Flüge buchen, umbuchen, stornieren und mit Journalisten, Sponsoren, Künstlern, Politikern hin- und hermailen. Er reagiert auf Impulse, sein Stab organisiert das Chaos, das dabei entsteht. »Sie können sich nicht vorstellen, was bei mir jeden Tag reinkommt«, sagt seine Staatsopern-Referentin: Schirmherrschaften, Interviewanfragen, Charity-Einladungen, von Hand geschriebene Briefe, in denen Künstler um Termine und Empfehlungsschreiben bitten; neulich fragte einer, ob Maestro nicht seine Miete übernehmen könne. »Und Preise«, sagt sie, »wie viele Preise er kriegen soll.« Er lehnt fast alle ab. Keine Zeit. Gerade erst hat er den Klassik ECHO für sein Lebenswerk bekommen. Am Festakt im Konzerthaus nahm er nicht teil, lieber dirigierte er ein paar hundert Meter weiter Die Walküre.

Daniel Barenboim hat keine E-Mail-Adresse, dafür einen Chauffeur, einen Vorstand für seine Stiftung, eine Sekretärin in Mailand (Scala), eine Referentin in Berlin (Staatsoper) und eine zweite, die wenig anderes tut, als zwischen Daniel Barenboim, Anna Netrebko und Rolando Villazón hin- und herzufliegen. Sie kümmert sich um alle drei und noch ein paar andere. Im Gegensatz zu Barenboim merkt man ihr den Stress an. »Manchmal komme ich auf 120 Stunden in der Woche«, sagt sie. Sei aber ein Klacks im Vergleich zur Belohnung: Zeit mit solchen Ausnahmemenschen verbringen zu dürfen.

Trotzdem kann Barenboim sein Wahnsinnsprogramm nur abspulen, weil er bis zur Schmerzgrenze diszipliniert und effizient ist. In fast jedem Artikel über ihn steht: Barenboim macht alles gleichzeitig. Das Gegenteil ist richtig: Sein Leben ist eine Aneinanderreihung von Beschäftigungen, die er nacheinander, nie nebeneinander, in gespenstischer Konzentration ausführt: Wenn er raucht, raucht er. Wenn er schläft, schläft er, egal wann, egal wo; er hat das trainiert, Einschlafen, Aufwachen, alles auf Knopfdruck, er braucht seine acht Stunden. Wenn er spricht, wählt er jedes Wort bewusst. Wenn er isst, nimmt er sich Zeit, er kaut auffallend langsam und lange. Wenn er spazieren geht, geht er spazieren, nie würde er zwischendurch auf sein Handy schauen. Egal, was er tut, er vertieft sich darin, lässt sich nicht unterbrechen, bringt es zu Ende und wendet sich der nächsten Sache zu. Mühelos geht er in die Konzentration hinein und wieder heraus. Es kommt einem vor, als spaziere er durch ein Leben ohne Widerstände und Ängste. Wäre er nicht Musiker, Daniel Barenboim müsste Zeitmanagement-Seminare geben.

Es macht fast ein bisschen Angst, ihn zwei Stunden vor einem Auftritt, im Sommeranzug, den weißen Hut auf dem Kopf, durch eine Fußgängerzone flanieren zu sehen, oder dabei zu sein, wie er 20 Minuten vor Konzertbeginn mit seiner Agentin Termine für 2013 durchgeht, während draußen 2000 Menschen warten, die viel Geld für diesen Abend bezahlt haben. Das Signal ist der Espresso. Wenn der runtergestürzt ist, beginnt in seinem Kopf etwas Neues. Dann schaltet er um in den Konzertmodus. Er steht dann ruckartig auf und geht ohne ein weiteres Wort auf die Bühne, mit schnellen, kurzen Schritten, verneigt sich, setzt sich an den Flügel, spielt Schubert und lässt das Andantino der A-Dur-Sonate – als hätte er sich stundenlang in seine Tragik eingefühlt – mit einem tiefen Sinn für Verzweiflung ausklingen, absterben, erlöschen.


MÜNCHEN, 10. JULI 2012

Rauch, überall Tabakrauch. Barenboim sitzt in seiner Garderobe im Münchner Gasteig. Sie haben ihm eine Obstschale hingestellt, Himbeeren, Blaubeeren, Kiwis, Bananen. Er aber raucht lieber, heute eine kurze, dicke aus Kuba, mehr Zeit ist nicht.

»Sie rauchen Zigarre? Das ist schlecht« – eine Frau stürzt ins Zimmer, »das ist sehr schlecht. Denn eigentlich darf man hier nicht rauchen.« Der Rauchmelder. »Wenn der losgeht, muss das ganze Haus evakuiert werden.« Daniel Barenboim spricht seinen Satz zu Ende, dreht sich um: »Oh, das tut mir leid«, sagt er, »aber ich habe nirgendwo ein Verbotsschild gesehen«, nimmt noch einen Zug, bläst den Rauch in die Luft, lächelt. Man kann dabei zusehen, wie die Frau an Elan verliert. Sie kommt nicht an gegen diese Autorität. »Na gut«, gibt sie sich geschlagen. Ob er denn wenigstens das Fenster öffnen könne? »Aber natürlich.« Macht er gern. Er sagt es so, dass man ihn danach nicht arrogant, sondern charmant findet.

Daniel Barenboim ist ein Menschenfänger. Und er kriegt, was er will: die höchsten Honorare, die besten Solisten, gottgleiche Verehrung. Verloren hat er eigentlich nur zweimal: Als ihm 1989 als Direktor der Pariser Bastille-Oper gekündigt wurde. Der Spiegel veröffentlichte damals seine Forderungen: 1,5 Millionen Mark Grundgehalt, entspricht bei 25 Pflichtdirigaten im Jahr 60 000 Mark Gage pro Abend. Und 2002, als er Chef der Berliner Philharmoniker werden wollte. Die Musiker haben sich damals gegen ihn entschieden. Er hat es längst vergessen. Kränkung überwunden. Er würde bestreiten, dass es je eine gegeben hat.

Im Restaurant schaut er nicht in die Karte, sondern bittet den Ober, ihm etwas zu empfehlen. Er sagt dann: Nein. Nein. Nein. Nein. Und irgendwann ja. Einmal, während seines Bruckner-Zyklus in Wien, muss er um 23 Uhr noch ein Interview nachbearbeiten. Er sitzt also draußen bei seinem Wiener Stammitaliener und kann nichts mehr lesen. Zu dunkel. Er könnte reingehen, aber es dauert keine Minute, da bringt der Kellner eine kleine Lampe und klemmt sie ihm an den Tisch. Er ist dankbar für so viel Aufmerksamkeit, aber er findet auch, dass er sie verdient hat.

»Es gibt keinen anschaulicheren Ausdruck für Macht als die Tätigkeit des Dirigenten«, heißt es in Masse und Macht von Elias Canetti. Der Dirigent steht allein und erhöht, alle anderen sitzen. Kommt er, klatschen alle. Geht er, klatschen auch alle. Und – ganz wichtig – die Menge sieht ihn nur von hinten. Er führt sie an. Für die Zeitspanne einer Aufführung ist er der Herrscher der Welt.

In Berlin gibt es Restaurants, die machen die Musik aus, wenn Barenboim zur Tür hereinkommt. Musik in Fahrstühlen, Flughäfen, Restaurants empfindet er als »physische Penetration«. Er hört ja nicht mal zu Hause welche. In seinem Musikzimmer stehen fast alle CDs, die er jemals aufgenommen hat, sicher 350. Fast alle sind noch eingeschweißt. Einmal hat er vor einem Konzert mit dem Pianisten Lang Lang den kompletten Flügel wie ein IKEA-Regal auseinandergebaut, um dem verdutzten Chinesen die Mechanik seines Instruments zu erläutern. Man spiele einfach besser, wenn man so ein Ding richtig verstanden hat.

Das Gleiche bei Interviews oder Fototerminen: Letzte Frage heißt letzte Frage. Noch ein Bild heißt ganz sicher kein zweites. Er ist nicht diplomatisch, aber auch nie unhöflich, nur bestimmt. Und er muss ja auch so sein. Manchmal abweisend. Meistens distanziert. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als jeden Tag Menschen vor den Kopf zu stoßen. »Die ersten 30 Jahre«, sagt er, »verbringt man damit, berühmt zu werden, den Rest der Zeit versucht man es zu verbergen.«

Daniel Barenboim erinnert ein bisschen an Uli Hoeneß. Menschen, die er mag, gibt er alles, den anderen gar nichts. Um seine Divan-Mitglieder kümmert er sich rührend wie ein Vater. Er kann unglaublich großherzig sein und sehr böse werden. Sein Führungsstil ist autoritär, nicht moderierend. Und er ist nie kumpelhaft, wenn schon, dann ist er ein Freund. Sagen auch Kollegen. Der Dirigent Kent Nagano zum Beispiel: »Vor meinem ersten Konzert in Tel Aviv war ich unsicher, also bat ich ihn um Rat und eine Einschätzung. Wissen Sie, wann er mich anrief? In der Pause seines Soloauftritts in der New Yorker Carnegie Hall.« Als im Mai der Jahrhundertbariton Dietrich Fischer-Dieskau im Alter von 86 starb, schrieb er, obwohl er für Konzerte in Wien war, einen Nachruf für die FAZ. Er vergisst so was nicht. Die gemeinsame Zeit. Die vielen Konzerte.

Daniel Barenboim interessiert sich nur für zwei Arten von Musikern: die besten und die, die es werden könnten. Die anderen nimmt er nicht mal wahr. Es müssen schon hundertzehn Prozent sein. Deswegen ist er auch kein Komponist geworden. Er hat es versucht und wieder gelassen: »Meine Sachen waren nicht originell«, sagt er, »ich war nicht begabt.« Intelligenz und Ehrgeiz können sich auch als Verzicht tarnen.


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Tobias Haberl und dem Fotografen Jonas Unger blieb gar nichts anderes übrig, als Daniel Barenboim ständig hinterherzureisen, mit dem Flugzeug, mit der Bahn, mit dem Auto - manchmal haben sie ihn auch zu Fuß begleitet. Am Ende haben sie nachgerechnet: Haberl hat für seine Recherchen 8201 Kilometer zurückgelegt, Unger, der in Paris lebt, kommt immerhin auf knapp 7000 Kilometer.

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