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aus Heft 09/2013 Tiere/Pflanzen

Stadtfeind Nummer 1

Rainer Stadler  Illustrationen: Dirk Schmidt

Ob Paris, New York oder München - überall auf der Welt werden Tauben bekämpft und gejagt. Trotzdem breiten sich die »Ratten der Lüfte« immer weiter aus. Experten sagen, der Krieg sei längst nicht mehr zu gewinnen. Aber ein paar letzte Überraschungen könnte es in diesem aussichtslosen Kampf noch geben.


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Mitte Januar bekam Gudrun Stürmer wieder 13 Opfer dieses dreckigen Krieges angeliefert: Blasrohrpfeile in Bauch, Rücken, Kiefer und Schädeldecke, offensichtlich hatte der Schütze aus nächster Nähe gefeuert. Einer der Verletzten war nicht mehr zu retten, bei den anderen konnte der Arzt die Pfeile entfernen und mit Antibiotika verhindern, dass sich die Wunden entzündeten. Zwei Wochen später befinden sich noch drei der attackierten Tauben in Stürmers Obhut, sie sind geschwächt und fressen kaum. Die Rentnerin ist immer noch fassungslos, obwohl sie schon viel gesehen hat: Tauben mit Imbissgabel im Rücken, Tauben mit Büroklammern im Auge, Tauben ohne Skalp. Warum der Hass? »Wenn man den Leuten diese Frage stellt, heißt es meist nur: Die scheißen alles voll. Schon bizarr, da wird ein Tier wegen seines Stoffwechsels dämonisiert.«

Die Rentnerin betreut mit ihrem Mann und einigen Helfern im Südosten Frankfurts etwa 500 Tauben, verteilt auf zwölf Käfige. Sie sind ihr zugeflogen, verirrte Brieftauben, oder wurden von aufmerksamen Menschen vorbeigebracht. Manche hat Stürmer selbst auf der Straße aufgelesen, über eine Hotline kann sie jeder anrufen, der ein verletztes Tier in der Umgebung findet. Von 2500 Tieren, die Jahr für Jahr bei ihr landen, ist die Hälfte so übel zugerichtet oder ausgezehrt, dass sie der Tierarzt einschläfern muss.

Gudrun Stürmer ist eigentlich Katzenliebhaberin, aber vor gut zwanzig Jahren hatte sie ein Schlüsselerlebnis: Während eines Spaziergangs entdeckte sie eine Taube, die auf der Straße kauerte, ihr Flügel blutete. Sie brachte den Vogel zum Tierarzt, der den Flügel schiente. Nach drei Wochen war die Verletzung geheilt, aber fliegen konnte der Vogel nicht. Wohin mit ihm? Über Wochen irrte Stürmer von einem Tierheim zum nächsten, niemand wollte den Vogel. Schließlich fand sich doch ein Taubenfreund, aber der Gedanke ging ihr nicht mehr aus dem Kopf: Was fehlte in der Stadt, war eine Zuflucht für die Opfer des Straßenkampfes, ein Sanatorium für Tauben. 2006 setzte sie den Plan in die Wirklichkeit um. Sie hat lange genug in einer Werbeagentur gearbeitet, um zu wissen, dass es prestigeträchtiger wäre, für Pandabären in China oder Sattelrobben in Kanada zu kämpfen. Selbst Tierschützer belächeln ihr Engagement, die meisten Stadtbewohner sehen die Vögel ohnehin als Ungeziefer, das es mit allen Mitteln auszurotten gilt.

Der Taubenhass ist keineswegs nur ein deutsches Phänomen. Weltweit nehmen Städte die Befindlichkeiten ihrer Bürger zum Anlass, generalstabsmäßig gegen den Vogel vorzugehen: London, Peking und Santiago de Chile haben den Krieg gegen die Taube ausgerufen. In Barcelona werden die Tiere mit Netzen gefangen und getötet, in Montevideo wurden Wanderfalken angesiedelt, um die Tauben zu jagen, in Los Angeles wurde versucht, die Gebärfreude der Weibchen mit Kontrazeptiva zu stoppen. »Alles aussichtslos«, sagt Daniel Haag-Wackernagel, ein Biologe an der Universität Basel, der den Problemvogel seit dreißig Jahren erforscht: »Der Krieg gegen die Taube ist nicht zu gewinnen.«


DER FEIND

Über Jahrtausende betrachtete der Mensch Tauben als enge Verbündete. Die Ägypter nutzten sie, um Nachrichten zu versenden, ebenso der Kaiser von China, Feldherren wie Hannibal, Julius Cäsar und Dschingis Khan. Eine Taube überbrachte die Botschaft von der Niederlage Napoleons in Waterloo. Fast eine Million Tauben wurden in den beiden Weltkriegen eingesetzt und retteten das Leben von Tausenden Soldaten, indem sie wichtige Botschaften zu Kommandostützpunkten überbrachten. Auch beim Feldzug gegen Saddam Hussein begleiteten Tauben US-Soldaten, als lebendige Frühwarnsysteme für Giftgasangriffe.

Tauben sind heimattreue Tiere mit einem erstaunlichen Orientierungsvermögen. Selbst wenn sie Hunderte Kilometer von zu Hause entfernt ausgesetzt werden, suchen und finden sie so gut wie immer wieder ihren Weg zurück, was natürlich auch dem Ego des Besitzers schmeichelt. Sie fliegen mit Tempo hundert und schneller, über Stunden, ohne Pause oder Zwischenmahlzeit – die idealen Boten. Einige Wirtschaftsunternehmen verdanken Tauben ihren Aufstieg: Die Nachrichtenagentur Reuters etwa nutzte in ihren Anfangsjahren die Vögel, um Nachrichten und Börsenkurse zwischen Brüssel und Aachen auszutauschen. Weil es auf der Strecke noch keine elektronischen Übertragungswege gab, wurden die für Geschäftsleute und Spekulanten so wertvollen Informationen zuvor per Bahn transportiert. Die Tauben beschleunigten den Nach-richtenfluss um mehrere Stunden.

Die Tiere verfügen über außerordentliche visuelle Fähigkeiten, das Sehzentrum nimmt im Gehirn der Taube überdurchschnittlich viel Platz ein. Es gab Versuche, auch dieses Talent kommerziell zu nutzen, Tauben wurden zum Beispiel probeweise zur Qualitätskontrolle bei der Herstellung von Tabletten eingesetzt. Die Tiere saßen hinter einer Glasscheibe und sollten bei jeder Pille, die ihnen als makellos erschien, mit dem Schnabel auf einen Sensor picken. Bei deformierten, falsch eingefärbten oder sonst wie von der Norm abweichenden Exemplaren sollten sie nicht reagieren. Nach einer Woche Training entschieden die Vögel zu 99 Prozent richtig. In einem ähnlich gelagerten Experiment nahm die US-Küstenwache Tauben auf Hubschrauberflügen mit, um im Meer nach Überlebenden von Schiffsunglücken zu spähen. Wieder erledigten sie ihre Aufgabe zuverlässiger als der Mensch. Doch letztlich überwogen die Bedenken, den Vögeln so viel Verantwortung zu übertragen.

Wie kein anderes Tier hat der Mensch die Taube mit Symbolkraft überfrachtet. Weil sie das ganze Jahr über Eier legt, steht sie für Fruchtbarkeit, ebenso für die wahre Liebe. »Haben sich Männchen und Weibchen einmal gepaart, bleiben sie ein Leben lang zusammen«, notierte 1955 der Schriftsteller John Updike, der damals noch als Journalist arbeitete. Was allerdings nur die halbe Wahrheit ist: Das Taubenmännchen lässt kaum eine Gelegenheit zum Seitensprung aus, weshalb der Vogel auch als Sinnbild der Lasterhaftigkeit gilt. Die Friedensbewegung malte das Tier, das keine nennenswerten Waffen zur Selbstverteidigung besitzt, auf ihre Transparente. Und natürlich spielt die Taube im Christentum eine zentrale Rolle, nicht nur als Verkörperung des Heiligen Geists: Nach der großen Sintflut waren es Tauben, die Noah von seiner Arche losschickte, um nach Land zu spähen. Ein modernes Familienbild hat der Vogel überdies, das Ausbrüten und Füttern des Nachwuchses übernehmen Männchen und Weibchen zu gleichen Teilen.

Wie konnte ein Tier, das so lange mit dem Menschen zusammenlebt und von ihm verehrt wurde, bei den Städtern so in Ungnade fallen?
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Besonders beeindruckend fand Rainer Stadler die Taubenexperimente des US-Psychologen B. F. Skinner. Er lehrte die Tiere sogar, Pingpong zu spielen:Pigeon Ping Pong Immer noch nicht versöhnt mit den Tauben? Dann werfen Sie doch einen Blick auf unsere aktuelle Kochkolumne.

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