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aus Heft 30/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Ein Atheist will den Religionsunterricht abschaffen. Ist das moralisch vertretbar, wenn die Entscheidung bedeuten würde, seiner eigenen Mutter den Job als Religionslehrerin zu nehmen?

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»Meine Mutter ist katholische Religionslehrerin, ich bin bekennender Atheist. Ist es moralisch vertretbar, wenn ich mich dafür einsetze, den Religionsunterricht an Schulen abzuschaffen - was bedeuten würde, dass Mutter keinen Job mehr hätte?« Joachim F., Düsseldorf



Mehr interessieren würde mich fast, warum ausgerechnet Sie als Sohn einer katholischen Religionslehrerin bekennender Atheist sind. Aber der Beruf der Mutter kann nicht nur entscheidend für das individuelle Wohlergehen sein, man denke nur an das bekannte Sprichwort »Lehrers Kinder, Pfarrers Vieh – gedeihen selten oder nie«; auch die Philosophie wurde davon beeinflusst. So wird Sokrates’ Methode, anderen durch Fragen zur Erkenntnis zu verhelfen, Mäeutik genannt, nach dem griechischen maieutikê für Hebammenkunst, weil Sokrates’ Mutter Phainarete Hebamme war und er meinte, so, wie seine Mutter fremde Kinder zur Welt bringe, würde er seinen Gesprächspartnern lediglich bei der »Entbindung« ihrer vorhandenen Gedanken beistehen.

Ganz entsprechend kollidieren in Ihrem Fall nicht nur individuelle Interessen – Ihre und die Ihrer Mutter –, sondern auch ethische Theorien. Versucht man im Rahmen der Kant’schen Pflichtethik Maximen zu formulieren, so stünde für Ihr Bestreben, als bekennender Atheist den Religionsunterricht abzuschaffen: »Ich will die Gesellschaft so gestalten, dass sie für alle gut ist.« Auf der anderen Seite stünde: »Ich will die Gesellschaft so gestalten, dass meine Mutter Ihren Job behält.« Welche dieser beiden Maximen allgemeines Gesetz werden könnte, liegt auf der Hand: Die Gesellschaft rein nach dem Wohl der eigenen Familie ausrichten zu wollen, kann nicht richtig sein.
Betrachtet man das Ganze jedoch entsprechend der Care-Ethik, die auf den Pflichten aus persönlichen Näheverhältnissen beruht – exemplarisch dafür steht das Mutter-Kind-Verhältnis – und Näherstehende bevorzugt, wäre wohl dem Wohlergehen der Mutter Vorrang zu gewähren.

Wie löst man das hier? Ich schätze die Care-Ethik in Bereichen, in denen es um den persönlichen Umgang geht, würde jedoch bei gesamtgesellschaftlichen Entscheidungen die neutrale Kant’sche Ethik bevorzugen.


Literatur:


Sokrates erläutert seine Technik im von Platon aufgezeichneten Dialog Theaitetos 148d ff.




Der Dialog findet sich zum Beispiel in der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher in Band 3 der von Ursula Wolf herausgegebenen gesammelten Werke Platons, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1994


Siehe auch das Stichwort „maieutikê (Hebammenkunst)“ in dem sehr empfehlenswerten Wörterbuch der antiken Philosophie, herausgegeben von Christiph Horn und Christof Rapp, Verlag C.H. Beck, 2. Auflage München 2008


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