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aus Heft 38/2013 Gesellschaft/Leben

Schlecht aufgelegt

Kerstin Greiner 

DJs sind die neuen Melancholiker des Pop - auf Pressefotos sehen sie aus, als wäre gerade ihr Haustier gestorben.

Abby Lee Tee
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Ja, wem ist denn da eine Laus über die Leber gelaufen? Für den Tumblr-Blog »Producers and DJs looking depressed« kann jeder Fotos von DJs und Produzenten elektronischer Musik einreichen, vorausgesetzt, es handelt sich um ein Pressefoto - und die Menschen darauf sehen sehr traurig aus. Ist ja auch nicht einfach, das Leben als DJ, und überhaupt: Popstar-Posen passen nicht mehr in diese unsere schwierige Welt. Fast hundert Fotos sind schon beisammen.


Musiker möchte man heute nicht mehr sein. Ist ja schwierig geworden, mit Musik Geld zu verdienen, weil sie raubkopiert und im Internet getauscht wird. Eine gewisse schlechte Laune in der Musikbranche ist also verständlich. Bislang schienen nur DJs und die Produzenten elektronischer Musik (meistens sind beide beides) davon ausgenommen. Lange galten sie als Gewinner der Digitalisierung: Immerhin produzierten sie ihre Musik ja digital, schnell, ohne großen instrumentalen Aufwand, außerdem große Mengen davon. Viele lebten gut damit, das Ganze auf Plattentellern zusammenzumischen.

War der DJ in der Disco-Ära der Siebziger- und im Rap/HipHop der Achtzigerjahre noch so was wie ein Mythos der Popkultur, wurde er mit dem Techno der Neunziger zum Popstar. Und so inszenierte er sich auch: gut gelaunt mit bunten Haaren, mal salutierend mit Krone, mal mit glitzernden Schuhen, großer Sonnenbrille, Gewinnerlächeln. Doch was ist das auf den Bildern dieser Seite? Wer guckt denn da so traurig aus der Wäsche? Betrachtet man Autogrammkarten und Pressefotos von DJs, sieht man Menschen, die dreinschauen, als hätte gerade jemand ihr Studio kurz und klein geschlagen. Jedes davon ein offizielles Pressefoto - aber ohne glamouröse Inszenierung, ohne Styling, ohne Popstar-Pose: Wir sehen in sich gekehrte Denker wie Chez Damier, Matthew Herbert, Trentemøller. Trifft den DJ nun auch die harte Wirklichkeit der Musikindustrie und muss er das auch öffentlich zeigen?

Armer DJ: Auch sein Berufsbild hat sich in den letzten Jahren verändert. Ein DJ muss heute nicht mehr Platten auf dem Teller synchronisieren - das machen Computerprogramme für ihn. Nicht mal Platten kaufen muss er noch: Jeder Youngster mit MacBook und gefüllter Festplatte kann als DJ arbeiten - und weil das so viele tun, sausten vielerorts die DJ-Gagen in den Keller.

Was sagen uns diese Fotos also über den Zustand der DJ-Kultur? Plötzlich ist der arme DJ ganz blass um die Nase, weil er aus seinem mit Computern vollgestellten Kämmerlein selten rauskommt - und wenn, dann nur, um für ein Taschengeld in dunklen Clubs zu arbeiten? Die Zeiten sind hart geworden. Großspurige Popstar-Posen passen einfach nicht mehr in diese Zeit, in der alles Askese ist, zumindest in der Yoga/Ingwer/Grüner Tee-Welt der Großstädte. Und dem Kommerz der verbliebenen Rumssassa-DJs - etwa der Millionenverdiener David Guetta - setzen diese DJs ein neues In-sich-gekehrt-Sein entgegen. Wir blicken in das nachdenkliche Gesicht einer Gegenkultur.  Aber auch die will eben inszeniert sein, sagt Diana Weis, Dozentin für Ästhetik an der Universität Hamburg, die gerade das Buch Cool aussehen: Mode & Jugendkulturen herausgegeben hat: »Der banale Akt des Plattenauflegens findet in diesen Fotos eine bedeutungsvolle Verbrämung, verbunden mit einer gewissen esoterischen Haltung, ein bisschen Schamanismus, Leiden, Askese - es sind fast autistische Darstellungen.« Die Fotos zeugten von einem neuen Pietismus, einer Verweigerung der Spaßökonomie in der DJ-Kultur, sagt sie. Der DJ will jetzt als Intellektueller gewertet werden, als Künstler. In der Inszenierung jener Bilder spiegle sich eine neue Arbeitsethik des DJs - oder anders ausgedrückt: Der DJ möchte endlich (oder endlich wieder) ernst genommen werden.

Fotos: Andreea Săsăran, Kenneth Locke, Tim Saccenti, Olivia Villaggi
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