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aus Heft 45/2013 Reise 2 Kommentare

Eine Reise ins Licht

Ein Traum, ein Ziel, ein verrückter Plan: Eine Gruppe Pflegebedürftiger lässt den Heim-Alltag in Berlin hinter sich und macht Urlaub auf Mallorca. Und auch wenn sich nicht alle daran erinnern werden - jeder Moment ist es wert.

Von Ulrike Schuster   Fotos: Armin Smailovic


Cornel Schulz steht im Supermarkt, er will Windeln kaufen. Die Verkäuferin lächelt, freut sich sichtlich über den jungen Mann im besten Vateralter. Sie bringt ihn in die Baby-Abteilung. Nein, er suche Windeln für Erwachsene. Ach so. Ein Missverständnis. Aber wer kennt schon das spanische Wort für »Inkontinenzprodukt«?

Schulz ist Pflegehelfer im »Seniorendomizil an der Panke« in Berlin-Wedding. Auf dem Weg zur Arbeit hatte er wochenlang die Inselradio-App gehört. Seitdem Flug und Finca gebucht waren, hatte ihm sein Handy täglich gesagt, wie viele Tage noch zu zählen sind. Der Countdown ist vorbei. Er ist auf der Insel, für die letzten zehn Tage im September. Mit ihm: fünf weitere Pfleger und sieben Pflegebedürftige. Im Gepäck: fünf Rollstühle, vier Rollatoren, zwei Gehstöcke, personalisierte Medikamentenboxen, Blutdruck- und -zuckermessgerät, Fieberthermometer, Mittel gegen Verstopfung, Durchfall, Schmerzen; Feuchttücher, Verbände, Kreuzworträtsel, Mensch ärgere Dich nicht, Sonnenmilch, Insektenschutz.

Tag eins nach der Ankunft. »Guten Morgen, Herr Schack. Na, gut geschlafen?«, fragt Berkan Olguner, der Pflege-Azubi. »Nöööö«, raunzt der 68-Jährige. Er räuspert sich heftig, macht große Augen, dreht den Kopf zu Olguner. Sein Körper bleibt regungslos liegen. Der schmächtige Mann mit den tiefen Lachfalten um Mund und Augen wartet auf Hilfe. Olguner holt Reinigungsschaum, Einmal-Waschlappen und ein Inkontinenzprodukt (IKP) aus dem Bad. Über die Matratze ist eine blaue Plastikfolie gespannt – gegen das Bettnässen. Nach eineinhalb Litern gibt das IKP – im Volksmund Windel genannt – auf. Olguner richtet Schack auf, schiebt sein Gesäß zur Bettkante. Nur das linke Bein setzt am Boden auf. Das rechte ist so lang wie ein 30-Zentimeter-Lineal. Wo er den Rest verloren hat, weiß er nicht mehr. »Lange her, in der Jugend«, sagt er. Schack ist sicher, dass es irgendwo aufbewahrt wird, tiefgefroren. Irgendwann wolle er es sich zurückholen und an das übrige Bein kleben.

»Bereit?«, fragt Olguner. Er brummt nur; »das Schack-Ja«, nennt es der Pfleger. Herr Schack ist keiner, der viele Worte macht. Das Sprechen strengt ihn an. Auf Mallorca allerdings spreche er so viel wie im ganzen Jahr nicht, sagt Olguner. Herr Schack kreuzt seine Arme hinter Olguners Nacken, der packt ihn und wuchtet ihn in den Rollstuhl. Im Bad nennt Olguner dem 68-Jährigen jedes Gesichtsteil, an das Wasser soll. Olguner wartet. Er will aktivierend pflegen, also so wenig wie möglich eingreifen. »Das gibt Selbstbewusstsein.« Das Nasenhaare-kurz-Schneiden und Fingernägelstutzen übernimmt Olguner. Dann fragt er: »Wen sehen Sie denn da im Spiegel?« – »Herrn Schack«, spuckt Herr Schack seinem Spiegelbild laut entgegen und gluckst heiser. So, als wollte er sagen: »Demenz, du Arschloch. Noch hast du nicht gewonnen.«



Video: Unser Fotograf Armin Smailovic zeigt in einem Film seine Eindrücke von der Reise


Kein tick, tock im Sekundentakt


Dreißig Minuten dauert es, bis die Morgenwäsche beendet ist. Im Heim haben die beiden rund 20 Minuten. Da gibt es nicht nur Bernd Schack, da liegen 17 weitere Menschen auf Station. Mit seinem Kollegen hat Olguner drei Stunden Zeit für sie. Nicht viel. Seine Schicht startet um sechs Uhr, um 14.30 Uhr hat er Feierabend. Auf Mallorca ist er 18 Stunden im Dienst, muss neben der Pflege noch einkaufen, kochen und die Wäsche erledigen. Nachts ist er in Bereitschaft. Ein 24-Stunden-Job, von denen acht bezahlt werden.

Und trotzdem macht er all das gern. Er hört hier kein tick, tock im Sekundentakt, muss nicht jede Befindlichkeit dokumentieren, nicht jede Selbstverständlichkeit der Verordnungen abhaken, nicht jedes Tun und Unterlassen protokollieren. Den Computer, der sonst viel zu viel seiner Arbeitszeit absaugt, gibt es hier nicht. Im Urlaub hat die Bürokratie mal Pause. »Das ist so viel gechillter«, sagt Olguner, »einfach nur volle Aufmerksamkeit für den Menschen.«

Olguner, 21 Jahre alt, in Berlin geboren, mit türkischen Wurzeln, ist immer gut gelaunt, nie um einen flotten Spruch verlegen. Mit 15 fliegt er von der Hauptschule, wöchentliche Verweise, Prügeleien, »halt viel Scheiß gebaut«. Er will Altenpfleger werden. »Sie?«, lachte die Dame in der Arbeitsagentur süffisant, »Sie Macho ziehen das doch niemals durch.« Seine Freunde machten Scherze. »Da war ich der Arschabwischer. Der Dumme, der für das bisschen Geld jeden Morgen aufsteht«, sagt Olguner. Im Heim ist er einer von acht männlichen Pflegern. Mit ihnen arbeiten 42 Pflegerinnen.

Olguner schiebt Herrn Schack ins Freie. Es ist 9.30 Uhr, der Himmel wolkenlos, 28 Grad. Auf der großen Sonnenterrasse warten schon die Kollegen. Sie blicken auf Feigen- und Olivenbäume, Kakteen und Palmen. Fast 15 000 Quadratmeter Grundstück sind es, die sie umgeben, davon 420 Quadratmeter Wohnfläche in der behindertengerechten Finca »Es Turo«.

Was zählt, ist der Moment

Auf die Idee mit dem Urlaub kam die Heimleiterin Clarissa Meier durch eine alte Frau im Rollstuhl. Meier erzählte der Bewohnerin, dass sie die nächsten Wochen mit ihrem Mann im Urlaub auf Mallorca sein werde. »Mallorca… , Frau Meier!«, rief die alte Dame entzückt. »Das würde ich so gerne noch einmal sehen, bevor ich sterbe.« Zehn Jahre ist das her. Zehnmal war sie seitdem mit ihren Heimbewohnern im Nordosten der Insel, in Can Picafort. Trotz Pflegestufe, trotz Demenz, Inkontinenz und schwieriger Vergangenheit. Oder gerade deswegen.

Manchmal würden sich Angehörige trauen und fragen, ob sich das mit den Dementen überhaupt lohne. Ob die den Sangría nicht schon beim Trinken vergessen hätten, ob da mallorquinische Palmen nicht gleich Berliner Linden seien, Naturstein-Finca nicht gleich Plattenbau-Heim. Dann antwortet Meier: »Es geht doch um den Moment.« Im Urlaub sehe sie viel öfter ein Lächeln, einen neugierigen Blick, mehr Appetit, höre mehr Worte als im Heim. »Und überhaupt«, sagt sie, »können Sonnenstrahlen auf der Haut, Zeit und Zuwendung schlecht tun?«

Weiches für die Zahnlosen

10 Uhr: Die Pfannkuchen kommen auf den Tisch. Zwei hohe Türme à 30 Stück bringt Pflegerin Herrmann mit. »Das ist ja wie Weihnachten«, sagt Rüdiger Schettling. Jeder greift das, was vor ihm steht, und muss nicht bedient werden. »Ist doch nicht schön, das ständige Betteln um Hilfe«, sagt Frau Schulz. Helmut de Fries, 73, pikst mit zittriger Hand und breitem Grinsen einen Pfannkuchen auf. Er ist zum ersten Mal in seinem Leben im Ausland, zum ersten Mal geflogen. »Bin ich froh, dass ich nicht verhungere. Schön weich«, sagt er und beißt herzhaft in die Pfannkuchen-Rolle mit Nutella. Die untere Zahnprothese ist ihm am ersten Urlaubstag aus dem Mund gefallen. Beim kräftigen Husten. Sie brach in der Mitte durch.

Auch der Pfleger Schulz isst Toastbrot ungetoastet, Baguettebrötchen ohne Rand, Pizza ohne Kruste. Er hat nur noch einige wenige Vorderzähne im Ober- und Unterkiefer. Dringend bräuchte er Backenzahn-Prothesen. Sein Zahnarzt rechnete aus: rund 3000 Euro. Das sind fast drei Brutto-Monatsgehälter eines Pflegehelfers. Unbezahlbar. Also muss das Zahnfleisch zermalmen. Schulz ist 31 Jahre alt.

Anneliese Schulz, 74, amüsiert das. Auch sie habe große Zahnlücken, aber »in meinem Alter steckt mir niemand mehr die Zunge in den Hals«. Als ihr Mann mit 46 Jahren die Diagnose Blutkrebs bekam, erhängte er sich. Für ihre Kinder machte sie weiter. Tagsüber kümmerte sie sich um sie, nachts arbeitete sie Schicht, bis vier Uhr morgens, in einer Fabrik. »Man will den Kindern ja was bieten«, sagt sie, »wenigstens ein bisschen was.« Eines Nachts schlief sie am Fließband ein, nur für wenige Sekunden. Die Stanze schnitt Zeige- und Mittelfinger der linken Hand mit aus.

Frau Schulz trägt ihre Haare kurz, gescheitelt und weiß, viel Schmuck und dezent Lippenstift. Nach drei Hüftoperationen kann die korpulente Frau kaum noch laufen. Im Heim ist sie seit einem halben Jahr. Weil der ambulante Pflegedienst ihr die Getränke dorthin stellte, wo sie nicht ran kam, dehydrierte sie, musste ins Krankenhaus. Wie bei Herrn de Fries war es ihr erster Flug und ihr erstes Mal raus aus Deutschland. Denn »Österreich zählt nicht, oder?« Dieses Jahr haben ihre vier Söhne die Reise bezahlt. Weil sie immer alles für sie getan habe.

Tausend Euro – das kosten zehn Tage Malle pro Urlauber. Für die meisten der 93 Heimbewohner im Berliner Pflegeheim sehr viel Geld, unbezahlbar viel. Für sie ist allein schon die Eigenleistung für den Heimplatz – zwischen 1500 und 2100 Euro im Monat – nicht aus Rente oder Vermögen zu bezahlen. Nur für neun Bewohner kam die Reise finanziell überhaupt infrage. Drei Teilnehmer fielen aus. So sind es am Ende sechs und ein Gast von draußen.
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Kommentare

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  • Vanessa Atalanta (0) Warum habe ich plötzlich einen nie gedrehten grandiosen Fellini-Film in Erinnerung?
  • Deborah Vici (0) einmal Gesundheit für alle bitte...