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aus Heft 47/2013 Sport 1 Kommentar

Sprung ins Ungewisse

Wingsuit-Fliegen ist der spektakulärste Sport der Welt - und der gefährlichste. 22 Athleten sind allein dieses Jahr ums Leben gekommen. Jetzt wird das Spiel mit der Todesgefahr zum Millionen-Geschäft, trotz allem. Oder gerade deshalb?

Von Christoph Cadenbach 



Es ist ein sonniger, windstiller Tag, als Victor Kovats zu einem Sprung ansetzt, der ihn weltberühmt machen wird:

Er steht am Rand einer Plattform, die an einer etwa 700 Meter hohen Felsklippe angebracht ist. Rund ein Dutzend Fotografen und Kameramänner haben ihre Objektive auf ihn gerichtet. Kovats beugt leicht die Knie und stößt sich dann mit beiden Beinen von der Plattform ab. Als sein Körper in die Tiefe rauscht, breitet er seine Arme wie Flügel aus.

Er trägt einen sogenannten Wingsuit, einen Anzug aus Nylongewebe, mit dem er wie ein Flughörnchen durch die Luft gleiten kann. Es ist eine junge Sportart, die sich aus dem Fallschirmspringen entwickelt hat. Kovats, ein Ungar, zählt weltweit zu den besten Athleten, die in der Szene Piloten genannt werden. Mehr als 700 Sprünge hat er bereits gemacht. Auf Facebook nennt er sich Vick Fearless – der Furchtlose.

Die ersten Sekunden wirkt alles normal. Auf den Videoaufnahmen, die der chinesische Staatsender CCTV veröffentlicht hat, kann man Kovats in seinem orangefarbenen Wingsuit gut erkennen, wie er über die grün bewachsenen Berghänge des Tianmen-Nationalparks in der Provinz Hunan hinwegfliegt. Die Wälder und die schroffen Felsen, die abrupt wie Wolkenkratzer in den Himmel schießen, sollen James Cameron für seinen Film Avatar inspiriert haben. Es ist ein spektakulärer Ort für einen spektakulären Wettbewerb: die World Wingsuit League, eine Weltmeisterschaft im Wingsuit-Fliegen. Es geht darum, wer der Schnellste ist auf einem dreidimensionalen Parcours um die Berge herum, wie ein Skirennen durch die Luft. Deswegen ist Kovats hier, gemeinsam mit 15 anderen Piloten. An diesem 8. Oktober 2013 ist der erste Trainingstag.

Plötzlich kommt Kovats ins Schlingern, verliert an Höhe. Eigentlich müsste er jetzt seinen Fallschirm öffnen, doch nichts passiert. Er stürzt ab. Erst Stunden später bergen Rettungskräfte seine Leiche.

Das Video von seinem letzten Sprung geht in den Tagen darauf um die Welt. CNN berichtet, die Washington Post, selbst der New Zealand Herald. Auf Spiegel Online fordert ein Autor: »Schützt die Extremsportler vor sich selbst!«

Obwohl es weltweit vermutlich nicht mehr als 1000 bis 2000 Menschen gibt, die schon einmal mit einem Wingsuit geflogen sind (so schätzt es ein Hersteller der Flügelanzüge), hat der Sport in den vergangenen drei Jahren enorme Aufmerksamkeit bekommen. Auf Youtube erreichen Filme von waghalsigen Flügen bis zu 25 Millionen Klicks. Die Videos – meist mit einer Kamera am Helm der Piloten aufgenommen – wirken wie hyperreale Computerspiele. Red Bull sponsert bereits einige Athleten.

In diesen drei Jahren sind aber auch mindestens 46 Menschen dabei ums Leben gekommen, davon 22 in diesem Jahr, der schlimmste Sommer in der Geschichte des Sports. Das Blinc Magazine, eine Szene-Website, hat die Opfer aufgelistet. Das Wingsuit-Fliegen gilt damit als gefährlichster Sport der Welt. Im New York Times Magazine war im Frühjahr eine Geschichte mit dem Titel überschrieben: »Es ist eher Selbstmord als ein Sport.«

Die Frage ist, warum es Leute trotzdem riskieren. Und ob es einen Zusammenhang gibt zwischen den Toten und dem Medienspektakel, das aus dem Wingsuit-Fliegen gemacht wird. Was passiert, wenn Werbe- und Entertainmentindustrie auf einen Sport treffen, der beinahe jeden Fehler mit dem Tod bestraft?

Zwei Monate vor Victor Kovats’ letztem Sprung, auf einer Bergwiese in den Schweizer Alpen: Ein paar Wanderer sind stehen geblieben und schauen mit zusammengekniffenen Augen nach oben, zur Bergspitze, dem Hinterrugg. 2300 Meter hoch, die letzten 500 fast senkrecht – eine imposante, bedrohliche Wand aus Stein. Doch noch bevor man die Piloten sieht, hört man sie.

Das Geräusch klingt wie ein Düsenjet. Es ist ein Fauchen, das anschwillt und plötzlich über einen hinwegdonnert. Die Wanderer ducken sich reflexhaft ins Gras; die Wingsuit-Piloten fliegen an dieser Stelle nur knapp zwei Meter über ihre Köpfe hinweg, etwa auf Höhe der Tannenwipfel rechts und links der Wiese. Um einen Eindruck von der physischen Intensität so eines Fluges zu bekommen, müsse man nur einmal bei 200 Kilometern pro Stunde den Arm aus dem Autofenster halten, sagt Iiro Seppänen. Wegen ihm sind die Wingsuit-Piloten heute hier.

Seppänen, ein blonder, gut gelaunter Finne, hat mit einem Geschäftspartner die World Wingsuit League gegründet und an diesem Augustwochenende zu einem Qualifikationswettbewerb in die Schweiz eingeladen. Es geht darum, wer bei der Weltmeisterschaft in China dabei sein wird.

Am Abend sitzt er im Biergarten des »Hotel Churfisten« in Walenstadt, mit Blick auf den Hinterrugg, und spricht über den Traum vom Fliegen. »Den hat doch jedes Kind.«

Seppänen hat in den Neunzigerjahren mit dem Fallschirmspringen begonnen und dann schnell das Base-Jumping für sich entdeckt, die extremere Sportart, bei der man nicht aus dem Flugzeug, sondern von Hochhäusern oder Sendemasten springt. Eine Genehmigung hatte er für seine Aktionen damals selten; unter den Fallschirmspringern waren die Base-Jumper die Punks. Als 1999 einer seiner Bekannten dann den Wingsuit entwickelte, gehörte er zu den Ersten, die diese neue Technik ausprobierten.

Sein letzter Sprung ist fünf Jahre her, weil er sich bei der Landung damals den Knöchel verletzt hat. Am Tisch im Biergarten zieht er sein Hosenbein ein Stück nach oben und zeigt auf den geschundenen Körperteil: Der Knöchel ist noch immer dick und rund wie eine Apfelsine. »Trotzdem möchte ich mir von niemanden vorschreiben lassen, was ich tun darf oder nicht.«

Seppänen ist 38, wirkt aber noch immer wie ein Jugendlicher, der gerade sein erstes Skateboard geschenkt bekommen hat. Wenn er sich freut, schiebt er die Augenbrauen nach oben und strahlt übers ganze Gesicht. Wenn er sich ärgert, verschränkt er seine tätowierten Arme vor seinem Oberkörper, als müsste er einen Angriff abwehren.

»Auch auf den Mount Everest zu steigen war gefährlich oder auf den Mond zu fliegen, und trotzdem haben es die Menschen riskiert«, sagt er. Und dass er es persönlich zum Beispiel verrückt finde, »fünfzig Jahre in ein Büro zu gehen und dann zu sterben«. Er ist es gewöhnt, seinen Sport zu verteidigen, das merkt man schnell. Die negative Presse regt ihn auf.

In China gibt es die nicht. Dort hätten im vergangenen Jahr bei der Premiere der Weltmeisterschaft die größten TV-Sender live übertragen und mehr als hundert Millionen Menschen zugeschaut, erzählt er. Beinahe jeder zehnte Chinese. »Dabei kannten die den Sport überhaupt nicht. Es gibt auch keinen chinesischen Wingsuit- Piloten.« Dass sie den Wettbewerb trotzdem dort ausgetragen haben, lag an seinem Geschäftspartner. Er stammt aus China und hatte die richtigen Kontakte zu Sponsoren und Regierung.

Dieses Jahr wollen sie alles noch größer und professioneller gestalten. Schon für die Qualifikation haben sie ein chinesisches Kamerateam in die Schweiz eingeladen, und auch Seppänen dreht mit den Piloten kurze Interviews, in denen sie von ihrem Weg in den Sport, aber auch von ihrem Privatleben erzählen, ihren Kindern zum Beispiel. »Wir müssen den Zuschauern die Möglichkeit geben, sich mit den Athleten zu identifizieren«, sagt er. »Wir brauchen Helden und Gegner.«

Seppänen kennt die Gesetze des Showgeschäfts, seine Biografie klingt selbst wie ein Drehbuch: Er stammt aus einer Akademikerfamilie, sein Vater ist ein bekannter Wirtschaftswissenschaftler, dennoch entschied sich Seppänen schon als Jugendlicher, dass er lieber mit einem Zirkus herumreisen und Zaubertricks vorführen wollte, als einen normalen Berufsweg zu gehen. Irgendwann entdeckte ihn jemand vom Fernsehen und er bekam seine eigene Show. Noch heute nennt man ihn in seiner Heimat den finnischen David Copperfield.
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Kommentare

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  • Georg Schmidt (0) Sport, was man alles so Sport nennt-man könnte es sicher auf ein Stelldichein mit dem Tod nennen-aber mein Mitleid hält sich diesmal in Grenzen !