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aus Heft 51/2013 Internet

Gefällt mir nicht mehr

Meike Büttner  Illustration: Leonhard Rothmoser

Was lernt man, wenn man sich bei Facebook abmelden will? Vor allem eins: Facebook versucht das zu verhindern.

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Ich will hier raus: »Account löschen Facebook« ist eine häufige Google-Suchanfrage - vor allem sonntags.

Ich poste keine Fotos von Katzen. Ich poste keine Fotos von meinem Abendessen. Ich poste keine Lebensweisheiten. Ich leiste doch einen guten Beitrag. Ich verhelfe klugen Gedanken zu mehr Reichweite. Ich teile Online-Petitionen und lade Freunde zu Demonstrationen ein.

So nutze ich Facebook. Zumindest habe ich mir das jetzt sieben Jahre so eingeredet. Die Wahrheit ist das natürlich nicht.

Ich habe fast tausend Facebook-Freunde, und jeder einzelne von ihnen kann mich jederzeit mit irgendeiner beliebigen Statusaktualisierung aus der Reserve locken. Nichts kommt dagegen an. Und wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich in den letzten sieben Jahren vielleicht vierzigmal einen Aufruf zu einer Demo geteilt – aber etwa tausendmal so oft witzige Bildchen, an die ich mich heute nicht mal mehr erinnere. Ich bin abhängig von einem Apparat, der mich von allem ablenkt, was mir langfristig wichtig ist: vom Rausgehen, Bücherlesen, Arbeiten, von meiner Tochter.

Ich entscheide mich für einen kalten Entzug und mache mir erst einmal einen Kaffee. Ohne Substitution werde ich das hier nicht durchziehen, denke ich, und koche vorsichtshalber gleich eine Kanne Espresso. Die Arbeit kann beginnen. Da ich viele aktive Jahre hinter mir habe, gibt es einiges an Material über mich. Facebook weiß, welche Fernsehserien ich mag, welche Bands, welche Cafés, wo ich wann Urlaub gemacht habe und vieles mehr. Diese Angaben möchte ich löschen, bevor ich mein Profil lösche, damit sie nicht als Datensatz mit meinem Namen verknüpft irgendwo bestehen bleiben. Zuerst entferne ich meine »Gefällt mir«-Angaben. Als ich die vierte Band »entliken« will, wird Facebook misstrauisch.

»Bitte bestätige deine Identität«, bittet Facebook und loggt mich aus. Ich soll erneut meinen Namen und mein Passwort eingeben. Das tue ich. Aber Facebook hat noch ein paar mehr Algorithmen auf Lager für eine verdächtige Userin wie mich. »Bitte bestätige mit einem Fotocheck, dass du Meike bist«, verlangt Facebook nun. Es wird spannend. Facebook zeigt mir diverse Fotos, in denen Facebook-Freunde von mir markiert sind, und ich soll unter den Fotos angeben, wer von meinen Freunden auf den Fotos zu sehen ist. Puh. Die meisten meiner Facebook-Freunde kenne ich natürlich gar nicht. Und selbst wenn: Viele von ihnen haben irgendein Bild als Profilfoto hochgeladen. Ich war nicht sicher, ob ich diesen Test bestehen würde. Erstaunlicherweise bestehe ich ihn ohne Fehler. Das Foto von einem Jutebeutel erkenne ich als Profilfoto von Freundin Eva, die Abbildung einer Milchschnitte als Profilbild von meinem Ex-Kollegen Rüdiger. Irre, was so ein Gehirn für einen Mist aufnimmt.

Ich darf weitermachen. Als ich damit fertig bin, beginne ich meine Fotos zu löschen. Nach dem vielleicht zehnten Bild zeigt Facebook sich erneut von seiner autoritären Seite. »Bitte bestätige deine Telefonnummer«, werde ich nun aufgefordert, und mir bricht der Schweiß aus. Jahrelang hatte ich Facebook keine Telefonnummer gegeben. Irgendwann hatte es damit begonnen, mich nach dem Anmelden immer wieder dazu aufzufordern. Später konnte ich mich nicht mehr einloggen, ohne eine Nummer anzugeben. Ich habe daraufhin einfach eine Fantasienummer eingegeben, und Facebook bat mich nun schon seit zwei Jahren immer wieder, diese Nummer zu bestätigen. Nun sollte mein Ausstieg also an diesem Unwillen scheitern, meine Telefonnummer herzugeben? So schnell wollte ich nicht aufgeben. Man kann die alte Nummer durch eine neue ersetzen, kriege ich raus. Ich krame eine alte Prepaid-Karte aus einer Schublade, gebe diese Nummer bei Facebook ein, erwarte die SMS und bestätige die Telefonnummer auf Facebook. Ich darf weiter löschen.

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Meike Büttner musste nach ihrem Facebook-Austritt einige analoge Hilfsmittel wieder hervorkramen: ihr Adressbuch, den Geburtstagskalender, die vielen Fotoalben. Und den Neunzigerjahre-Vorläufer von Facebook hat sie auch wiedergefunden: Ihr altes »Meine Freunde«-Buch. Damals in der Grundschule hatte sich ihre ganze Klasse dort eingetragen, mit Namen, Geburtsdatum, Adresse, Hobbys und sogar ein Foto eingeklebt. Das erste Profil.

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