bedeckt München 20°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 26/2014 Internet

Im Netz der Gewalt

Frederik Obermaier 

Was sind das für Menschen, die mit der Terrororganisation ISIS gerade den Irak brutal überrollen? Ein Institut in London erforscht die Dschihadisten seit Jahren - und findet das verstörendste Material ausgerechnet in aller Öffentlichkeit: auf Facebook und Twitter.

Wirkt wie ein Abenteuerurlaub - und soll es auch: Diese Bilder aus Syrien haben Dschihadisten im Internet veröffentlicht, um weitere Kämpfer anzuwerben.
Bildergalerie: 1 2 weiter


Anzeige
Mitten in London, nicht weit vom Piccadilly Circus, weht die Flagge von Al-Qaida. Sie steht auf dem Schreibtisch von Shiraz Maher und erinnert ihn daran, warum er sich jeden Tag durch Twitterkonten klickt, durch Instagram-Fotoalben und Facebookseiten: Maher jagt Terroristen im Internet. Und kämpft dabei auch mit seiner eigenen Vergangenheit.

Maher, 32 Jahre alt, sieht aus wie eine Mischung aus Nerd und Islam-Prediger. Untersetzt, dunkler Vollbart, verschmierte Brille. Er sitzt in seinem schwülen Büro zwischen Bücherstapeln und Computerbildschirmen. Sein Arbeitsplatz: eines der weltweit wichtigsten Zentren für Radikalisierungs-Studien am King’s College. Seine Aufgabe: herausfinden, wie brave Jungs zu Dschihadisten werden.

Denn junge Männer, die in den »Heiligen Krieg« ziehen, sind momentan dabei, die Welt in Schockstarre zu versetzen. Kämpfer der Gruppe »Islamischer Staat im Irak und in Syrien« – kurz: Isis – sind vor einigen Tagen aus Syrien in den Irak eingefallen. Sie haben Dutzende Menschen massakriert, offenbar auch Kinder. Und das war erst der Anfang: Bei ihrem Vormarsch haben die Dschihadisten auch Unmengen Geld und Waffen erbeutet. Isis ist nun die reichste Terrorgruppe der Welt – und der Reichtum wächst fast täglich. Die Islamisten-Miliz nimmt immer noch fast täglich eine Stadt ein. Und alle Welt fragt sich: Wo kommen die Hunderte Kämpfer auf einmal her?

Einer der Isis-Männer heißt Mustafa K., er ist ein ehemaliger Berufsschüler aus Nordrhein-Westfalen. Der Terrorforscher Maher beobachtet ihn schon seit Monaten. Auf Facebook hat Mustafa K. Bilder gepostet, es ist wie das Tagebuch eines Jungen, der langsam dem bürgerlichen Leben entgleitet. Eines seiner Fotos, aufgenommen im Juni 2012, zeigt ihn mit Helm und Schutzbrille bei der Arbeit. »Richtige Malocha«, steht daneben. Ein paar Klicks weiter: ein Kündigungsschreiben. »Ende gut alles gut«, ist der Kommentar dazu. Fünf Monate später ein neues Foto auf Facebook: Es zeigt Mustafa K., wie er in Syrien mit mehreren abgeschlagenen Schädeln posiert und in die Kamera grinst. Er ist jetzt »Abu Asiya al-Turki«, der Islamist. Elf Freunden gefällt das.

Solche Bilder sind der wichtigste Rohstoff der Forschungsarbeit von Shiraz Maher. Er versucht, Muster zu erkennen und Schlüsse abzuleiten: Was muss passieren, dass ein junger Mann in den Krieg zieht? Wer beeinflusst ihn? Muss immer ein radikaler Imam im Spiel sein, oder reicht es, genügend Propagandavideos zu schauen, damit aus einem Berufsschüler ein Islamist wird?

Es ist eine Arbeit, für die man viel Geduld braucht und ein robustes Gemüt. Maher starrt auf seinen Bildschirm: Ein Bild von mehreren Leichen ist zu sehen. Wo früher Köpfe waren, stecken Glasflaschen in blutigem Fleisch. »Heftig«, sagt Maher. Dann klickt er weiter. Die Brutalität, mit der die Isis-Kämpfer heute im Irak vorgehen, hat Maher aufziehen sehen. So haben die Radikalen bereits im syrischen Bürgerkrieg Angst und Schrecken verbreitet.

Ein Kollege hat Maher den Spitznamen Precog gegeben. So hat der amerikanische Science-Fiction-Autor Philip K. Dick Menschen genannt, die Verbrechen vorhersagen und für eine Behörde namens Precrime arbeiten. Ihr Auftrag: Leute aufspüren und verhaften, die in Zukunft Straftaten begehen werden. Steven Spielberg hat daraus 2002 einen Film gemacht: Minority Report.

Das Institut, für das Maher arbeitet, heißt International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence, kurz ICSR. Neun Männer und Frauen, etwas schäbige Büros in einem langen Flur, abgetrennt durch hüfthohe Sichtschutzwände. Zu Mahers Kollegen gehört Joseph Carter, ein ehemaliger US-Soldat, der jetzt die Leute aufspürt, die ihm damals im Irak nach dem Leben trachteten. Mahers Chef heißt Peter Neumann, ein Professor aus Deutschland.

Finanziert wird die Forschung von privaten Spendern, Stiftungen, der EU und der kanadischen Regierung. Normale Wissenschaftsförderung sei das, betonen die Menschen, die hier arbeiten. Die Geldgeber bekommen angeblich keinen besseren Zugriff auf die Daten und Ergebnisse als die Öffentlichkeit – auch wenn vor allem Regierungen sich das wünschen. Denn das Wissen des ICSR ist viel wert. Wenn ein Land vorhersagen kann, wer ein Terrorist wird, können Anschläge verhindert werden. »Aber so einfach ist es nicht«, sagt Maher: Ihre Forschung stehe erst am Anfang. Facebook und Twitter ermöglichen Einblicke in die Welt der Dschihadisten, von denen Forscher früher nur träumen konnten. »Die Generation, die heute in Syrien und im Irak kämpft, ist mit sozialen Medien aufgewachsen. Sie sind es gewohnt, ihre Erlebnisse aus dem Alltag im Internet auszubreiten«, erklärt Peter Neumann, »man muss nur wissen, wo.« Und man muss es schaffen, dass die Dschihadisten einem vertrauen.

Maher fällt es leicht, sich im Internet als Islamist auszugeben. Er ist nach dem 11. September 2001 selbst Mitglied von Hizb ut-Tahrir geworden, einer Organisation, die in Deutschland verboten ist. »Ich hatte das Gefühl, wir Muslime müssen uns gegen die Aggression der Amerikaner wehren.« Über seine Zeit als Islamist redet Maher ungern, er druckst dann herum und flüchtet sich in Phrasen. Angeblich, so erzählen es Kollegen, verkehrt die Mutter seiner Tochter noch immer im Umfeld der Gruppe, und Maher wurde bedroht, weil er ausgestiegen ist. Maher selbst lässt so viel durchblicken: Die Terroranschläge vor neun Jahren in London hätten ihm die Augen geöffnet. Damals sprengten sich vier Selbstmordattentäter in die Luft. Mehr als 50 Menschen starben.

Weil Maher früher selbst ein Islamist war, kann er sich sehr gut in Menschen hineinversetzen, die an der Schwelle zum Dschihad stehen. Und er spricht ihre Sprache. Maher weiß zum Beispiel, dass er die Islamisten am besten mit »Akhi!« – Bruder – anredet und in Unterhaltungen möglichst oft »Inschallah« – so Gott will – einstreuen sollte.

Wenn ihn Journalisten bei der Arbeit besuchen, spricht und tippt er gleichzeitig. Gelegentlich unterbricht er das Gespräch und ruft Joseph, dem Ex-Soldaten, zu: »Got one!« – ich hab wieder einen, wenn ihm ein neuer Name auffällt, der sich über Postings mit bekannten Dschihadisten anfreundet. Dann erzählt Maher weiter. »Die Dschihadisten wollen gesehen werden, sie wollen andere ermutigen, ihnen zu folgen.« Der Vorteil für den Forscher: Erkenntnisse über den Alltag der Gotteskrieger sind so einfach zu bekommen wie nie. Die Kunst besteht nun darin, die Daten nicht mehr nur zu sammeln, sondern auch zu verstehen. Und das können Computer nicht so gut wie Menschen.

Maher ist in Saudi-Arabien aufgewachsen, seine Eltern kommen aus Pakistan, er war noch nie in Syrien. Trotzdem kennt sich Maher in Syrien gut aus: Er weiß durch seine Studien im Internet, welche Routen die Kämpfer bei ihrer Einreise benutzen. Und dass eine Kalaschnikow auf dem Schwarzmarkt ab 1000 Dollar zu haben ist.

Das ICSR überwacht die Aktivitäten der Islamisten in sozialen Netzwerken mit einer Software namens »Torch«, Taschenlampe. Vertrieben wird diese Software von der amerikanischen Firma Palantir, zu deren Mitgründern die CIA gehört. Noch heute ist die CIA einer der Hauptabnehmer von Palantir-Produkten. »Torch« verknüpft Daten und Profile in gigantische Muster, die aussehen wie das Organigramm eines Konzerns: Wer hat mit wem Kontakt? Wer redet mit wem? Und worüber? So wird sichtbar, wenn sich jemand plötzlich immer öfter mit bekannten Islamisten austauscht. Daraus ziehen Maher und seine Kollegen ihre Schlüsse.
Anzeige

Seite 1 2

Frederik Obermaier, SZ-Redakteur im Ressort Investigative Recherche, entdeckte in Shiraz Mahers Islamistendatei auch einen Rapper aus Berlin. Der sang früher von Sex, Drogen und Gangsta-Leben. Heute schwärmt er vom Dschihad - und hat das Rappen aufgegeben.

  • Internet

    Wer im Netz lacht, lacht am besten

    Wer im Internet seine Belustigung ausdrücken will, orientiert sich neuerdings wieder am analogen Leben: »Haha« ist dabei, »LOL« zu verdrängen. Aber: noch nicht überall.

    Von Sophie Servaes
  • Anzeige
    Internet

    Langweilando

    Zalando, Gymondo, Lieferando: Nirgends sind Namenshypes so ausgeprägt wie bei Internetfirmen. Warum folgt die Namensgebung solchen Trendwellen? Und: Ist das nun einfallslos oder clever? Eine Markennamen-Expertin klärt auf.

    Interview: Danijela Pilic
  • Internet

    Unerhört

    Erstaunlich viele Twitter-Nutzer senden Botschaften, obwohl ihnen niemand folgt. Warum?

    Von Dorothea Wagner