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aus Heft 04/2015 Wissen

Alles muss raus

Lorenz Wagner 

Die gewaltigen Mengen von Plastikmüll in den Weltmeeren sind eines der großen Umweltprobleme der Menschheit. Die Fachwelt hat aufgegeben. Ein junger Niederländer nimmt das nicht hin - und wagt, unterstützt von Tausenden, das angeblich Unmögliche.


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Da lag er nun, auf diesem elenden Kutter, irgendwo im Atlantik, die Wellen schlugen, die Welt tanzte, hoch, runter, hoch, Boyans Gesicht war weiß wie der Bauch eines Wales, und tastete er sich zur Reling, schlugen ihm Regen, Gischt und seine Haare ins Gesicht, dieser Sturm, seit drei Tagen ging es so, seit sie abgelegt hatten, das durfte nicht wahr sein.

Endlich war er doch, wo er zwei Jahre lang hingewollt hatte: auf großer Expedition, unterwegs von den Bermudas zu den Jungferninseln, und so viel gab es zu tun, sehr wichtige Messungen, und teuer war das Abenteuer auch, aber er, der sich mit Sonnenbrille und großer Vorfreude an Bord geschwungen hatte, lag nun da und sah seine Ziele scheitern. Vielleicht hatte er sich doch zu viel eingebildet, Boyan Slat, der Junge aus den Niederlanden, mit 17 Jahren ausgezogen, die Welt zu retten, zumindest das Meer, die Fische und Vögel.

Jede Sekunde werfen die Menschen neunzig Kilo Plastik in die Meere, Tüten, Kanister, Flaschen, fünf Trillionen Teile, das ergab die erste Studie, die alles Plastik erfasst hat und vor einigen Wochen für Aufsehen sorgte. Mehr Plastik als Plankton schwimmt in den Meeren, ein großer Teil sammelt sich in fünf riesigen Wirbeln, der größte, im Nordpazifik, erstreckt sich zurückhaltend geschätzt über 700 000 Quadratkilometer. Das sind Deutschland, Österreich und die Schweiz bedeckt mit Plastik. Plus Niederlande, Belgien und England.

Das Leid für die Millionen Fische und Vögel, die daran verenden, ist nicht zu messen. Der wirtschaftliche Schaden liegt bei 13 Milliarden Dollar im Jahr, sagen die Vereinten Nationen. Es ist eines der großen Probleme der Menschheit.

Die Wissenschaft hatte bisher keine Lösung. Zu teuer und schwierig schien es, den Müll aus dem Wasser zu fischen. Der Mensch könne nur verhindern, dass noch mehr hineinkommt, sagen die Experten. Das war das Ziel der Forschung und Gelder: Lindern statt heilen. Warum Geld und Kraft in etwas stecken, was nicht zu ändern ist? Das nennt man Vernunft. Aber dieser Junge, Boyan Slat, wollte nicht vernünftig sein.

Es war nicht mal so, dass Slat das Meer besonders liebte. Er mochte es nicht mehr als jeder andere, der ab und zu in Urlaub fährt: Schwimmen, am Strand gammeln, das war’s, was er mit dem Meer verband, er ist ein Geek, er liebt Technik, seinen Rechner und Raketenbau. Damit hatte er es als Junge ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft, aus leeren Flaschen hatte er 213 Raketen gebaut und zeitgleich gezündet.

Vor drei Jahren nun war Boyan Slat in einem solchen Urlaub, mit Kumpel und Mama auf Lesbos, er surfte und tauchte und ärgerte sich: keine Fische da unten, nur Plastik. Nach den Ferien kam er in die Oberstufe, in einem Kurs sollte er sich ein Projekt suchen, achtzig Stunden Arbeit an einem Thema, das ihn bewegt. Er wählte den Plastikmüll und vertiefte sich in die Meeresfachwelt. Ihm missfiel, was er bei den Universitäten und Umweltorganisationen las. »Egal, wo ich schaute, jeder sagte: Es ist unmöglich, das sauber zu bekommen. Aber ich halte das für dumm. Es gibt nichts Frustrierenderes, als zu sagen: Wir können nichts tun. Du musst die Leute motivieren, es besser zu machen.«

Aus achtzig Stunden wurden 800, Slat las Bücher, stieg auf Schiffe, experimentierte mit Netzen und Strömungen: Wie, zum Teufel, lässt sich das Plastik aus dem Meer fischen?

Er überlegte, Boote mit Netzen loszuschicken, ein Gedanke, den schon andere verwerfen mussten, weil die Netze reißen, weil es zu teuer ist, weil es Fische mitfängt. Slat dachte über Hindernisse nach, über eine Art schwimmende Walbarten, in denen sich der Müll an der Oberfläche verfängt, unter denen Fische aber durchschwimmen können. Doch auch das war technisch nicht ausgearbeitet, es wäre sehr teuer – es steckte viel Unausgegorenes in Slats Arbeit, aber eben auch Vielversprechendes, sie gefiel den Lehrern, und das Projekt kam in die Lokalzeitung. Das las einer der Macher der TEDx, einer Konferenz für Vordenker und Erfinder, die in Boyans Heimatstadt stattfand, in Delft bei Rotterdam. Er schrieb Slat eine Mail.

Und so betrat am 5. Oktober 2012 ein Bürschlein in zu großem Hemd die Aula in Delft, nannte sich selbst ein Kind und sagte: »Es gab die Steinzeit, die Bronzezeit, und heute sind wir mitten … in der Plastikzeit.«

Seine Stimme zitterte, tausend Menschen saßen vor ihm, er sah sie in Schemen, und er wusste, er sprach nicht nur zu ihnen, er sprach auch zu den Menschen draußen, im Internet. Verbockte er es, würde sein Versagen immer zu sehen sein.

Zehn Minuten Redezeit. Wie das Meer leidet. Wie die Experten aufgegeben haben. Ein wenig wie Steve Jobs lief er auf der Bühne rum, nur eben mit Zitterstimme und Milchbart, und es wurde still im Saal.

79 000 Jahre, sagte Slat, so lange wird es nach der Meinung der Wissenschaft dauern, bis sich das Plastik in den Meeren abbaut, ich aber sage: Das geht in fünf Jahren.
»Das sind …
Er wirft eine Rechnung an die Wand: 79 000 – 5 = 78 995.
»… immerhin 78 995 Jahre weniger.«

Der Saal lacht. Das Bürschlein hat sie gepackt. Ein Junge mit bebender Stimme, der eine verrückte Idee so erzählt, dass sie sich gar nicht so verrückt anhört, der per Powerpoint eine Lösung an die Wand wirft und eine Flanke der Wissenschaft aufzeigt, die mit ihrer Präventionsstrategie zwar durchaus recht hat, aber sonst nicht mehr nach links oder rechts schaut.
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Lorenz Wagner ist noch nie in seinem Leben mit einem Vorsatz ins neue Jahr gegangen. Nun aber hat er den Entschluss gefasst, 2015 weniger Plastiktüten zu benutzen. Sollten Sie also den Mann oben in der Skizze im Supermarkt mit einer sehen, dürfen Sie ihn empört zur Rede stellen.

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