bedeckt München 24°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 08/2015 Wissen

Weit draußen im Grünen

Roland Schulz 

Sind wir allein im Universum? Ein Beet an der Raumstation ISS soll der Antwort näherkommen - mit der Pflanze eines jungen deutschen Biologen.


Anzeige
Welche Pflanzen sind stark genug, um in Finsternis und Vakuum zu überleben?
Als die Astronauten seine Proben ins All pflanzten, stand Björn Huwe in seinem Garten und starrte in den Himmel. Dort oben, in 400 Kilometer Höhe, schoben sie gerade einen kleinen Koffer voller Leben in die Leere des Alls – in ein kaltes, von kosmischer Strahlung durchdrungenes Vakuum.

Unten in Brandenburg war Sommer, August 2014. Das Heidekraut blühte, in den Hecken hingen saftig die Stachelbeeren. Huwe war aufgeregter, als er angenommen hatte. Sein Werk. Im Weltraum. Er wünschte, seine Lehrer wüssten davon.

Björn Huwe, 31, ist ein Doktorand der Biologie. Er will beweisen, wie zäh Leben ist. Deswegen hat er acht Exemplare der ältesten Landpflanzen der Erde ins All schießen lassen; die hängen jetzt außen an der Raumstation ISS, an einer Art Balkon. Wenn ihn aber Polizisten auf Verdacht anhalten – meistens auf dem Weg vom Institut in den verwunschenen Garten, wo er in einer Holzhütte mit Kompostklo lebt –, antwortet er ausweichend auf die Frage, was er beruflich macht. Glaubt ihm ja niemand. Sein T-Shirt hat Löcher, seine Turnschuhe sind geflickt. Sein Haar läuft in einer struppigen Strähne aus, ein Überrest der Dreadlocks, die er lange trug. Ihm traut keiner Großes zu. Das kennt er. War sein Leben lang so.

Huwe ist am Rande Berlins aufgewachsen, an den Ausläufern des Grunewalds. Er mochte diesen Forst und den Fluss dahinter, die Havel. Er erforschte Wasser und Wald mit der atemlosen Wissbegierde des Kindes; immerzu fragte er, welcher Baum dies, welcher Vogel jener sei. Wussten die wenigsten Erwachsenen. Sie sagten, das werde er bald lernen, in der Schule.

Er hatte sich so auf die Schule gefreut. Lesen ging. Schreiben war schwer. Er verstolperte Buchstaben, verlor sich im Unterholz der Sätze, jede Silbe eine Fußangel. Die Lehrer sprachen von Legasthenie. Er verstand es nicht. Was änderte es an einer richtigen Antwort, wenn sie falsch geschrieben war? Nur die Naturkunde ließ ihn nicht allein. Wind. Blumenblüten. Einen Vogel schlüpfen sehen. Am Ende der Grundschule sprachen die Lehrer ihre Empfehlung aus. Hauptschule.

Die Eltern pfiffen auf die Empfehlung. Das Kind kam auf die Gesamtschule. Er war keiner, dem alles zuflog. Er war keiner, dem alle halfen. Ihm blieb nur, sich zu schinden. Er büffelte erst das Wissen und dann die Worte dazu, so biss er sich durch. Biologie gab Kraft. Was war die Schule anderes als ein Lebensraum wie der Wald? Erfolgreich war, wer sich am besten den Bedingungen anpasste – oder widerstandsfähig genug war, dennoch zu gedeihen. Noch in der Oberstufe verlor er in Prüfungen wegen seiner Rechtschreibung Punkte. Der Leistungskurs Bio rettete ihm sein Abitur, Note 3,2.

Ein Studium der Biologie konnte er mit diesem Schnitt vergessen. Inzwischen wusste er aber, wie das Leben läuft. Irgendwo gab es sicher eine Nische für einen wie ihn. Er schrieb sich in Geologie ein, an der Universität Potsdam. Er besuchte keine einzige Vorlesung. Er saß vom ersten Tag an in den Seminaren der Biologen, Prüfungen als Externer ablegend. Nach ein paar Semestern konnte er, kleiner Kniff, in das Fach wechseln, wie ein Student der Biologie, der von einer fremden Uni kam. Jetzt war er, wo er sein wollte.

Potsdam ist ein prächtiger Ort für Biologen. Die Gärten und Parks der Könige Preußens schlingen sich wie ein Gürtel um den Stadtkern. Im Herzen dieser Grüne, im Park von Sanssouci, liegen im Schatten des Schlosses die Orangerie und der Botanische Garten. An ihrer Seite steht das Institut der Biologie. Knarzende Treppen, Knäufe aus Messing an den Fenstern, hinter denen sich die Bäume des Parks im Wind wiegen. Huwe gefiel es gleich.

Der Aufruf ins All erreichte Huwe 2010, am Ende seines Studiums. Er saß an seiner Diplomarbeit, einer Bestandsaufnahme der wilden Bienen Potsdams. Er hatte eigens zu imkern begonnen dafür, ein Wahnsinn, weil die wenigsten Wild-bienen mehrjährige Völker bilden. Aber er glaubte, er müsse es tun, um zu verstehen. Im Oberseminar der Examenskandidaten war eines Tages eine Abordnung der Planetenphysik angekündigt, aus Adlershof.

Dort, am anderen Ende Berlins, herrschen die Disziplinen der Naturwissenschaft über ein komplettes Quartier kasernengerader Straßen, die nach Nobelpreisträgern heißen – eine Stätte schneidiger Forscher mit zielsicheren Lebensläufen. Huwe, der Studieren eher als Stöbern begriff, konnte es kaum glauben: Diese Wesen aus einer anderen Welt suchten Unterstützung? Verblüfft stellte er fest, dass deren Bote ebenfalls Biologe war. Allerdings ein Astrobiologe.

Jean-Pierre de Vera war ein erstklassiger Wissenschaftler, der erst Astronaut hatte werden wollen und nun im Auftrag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt eine Experimentenreihe organisierte: An der Außenhülle der Raumstation ISS hing – wie ein Beet – eine Plattform, an der man lebende Materie dem All aussetzen konnte. War schon mit Bakterien gemacht worden, mit Sporen, mit Samen. Nun stand die nächste Runde an. Gewünscht war Leben, das den extremsten Lagen der Erde trotzte.

De Vera sammelte dafür Vorschläge von Forschern aus ganz Europa. Schotten wollten Blaualgen ins All schießen, die den kargen Klippen vor einer alten Schmugglerhöhle an der Küste Englands entstammten. Spanien schickte Flechten aus der Hitze der Steppen im Hochland von Guadalajara. Italien einen Schwärzepilz aus dem erbarmungslosesten Lebensraum der Erde – den von Stürmen durchtosten Staubwüsten in den Trockentälern der Antarktis, in denen es so kalt ist, dass Spucke im Flug gefriert. War alles nichts Besonderes. Altbewährte Organismen, ihre Ausdauer oft erprobt. De Vera suchte jemanden, der im Auftrag der Astrobiologie etwas wagte, was tollkühn war.

Die Astrobiologie ist eine junge Disziplin, die dem Ursprung des Lebens im Universum nachspürt. Welche Art von Leben behauptet sich im All am besten? Wenn es überdauert – wie? Wenn es zugrunde geht – welche Spuren bleiben zurück? Wäre es möglich, dass Leben am Anfang des Sonnensystems auf Meteoroiden durchs All geritten kam? Im Kern dreht sich Astrobiologie um eine einzige, sehr alte Frage der Menschheit: Sind wir allein? Oder hat sich irgendwo im Universum – in einer der Milliarden von Galaxien, unter einer der Abermilliarden Sonnen – ebenfalls Leben entwickelt, vielleicht sogar intelligentes, wie wir es zu sein glauben? Deswegen war de Vera nach Potsdam gekommen.

Die Begeisterung im Oberseminar hielt sich in Grenzen. Bio, im All? Pfffff. Ein Student aber war fasziniert. Ein unerbittlicher Lebensraum. Eine Pflanze, die dort überleben soll. Könnte eine Doktorarbeit sein. Björn Huwe erbat Bedenkzeit.
Anzeige

Seite 1 2

Roland Schulz erfuhr bei seiner Recherche, dass Handwerk im All erstaunlich simpel sein kann: Um die Pflanzenplattform an der Raumstation ISS zu befestigen, brauchte es nur einen einzigen Schraubenschlüssel. Denn auf der gesamten Außenhülle, die eine Fläche von fast 12 000 Quadratmetern umfasst, sind fast nur Bolzen der gleichen Größe verbaut.

  • Wissen

    Wird dieses Faultier die Menschheit retten?

    Antibiotika-Resistenzen sind die große medizinische Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Weil sich Bakterienkiller kaum im Labor züchten lassen, suchen Forscher an den ungewöhnlichsten Orten nach ihnen: in Faultier-Fellen – und in den Bärten urbaner Hipster.

    Von Oliver Beckhoff
  • Anzeige
    Wissen

    Die Gene sagen alles

    Ein deutscher Professor hat die DNS-Analyse so entwickelt, dass Täter schneller entdeckt und Unschuldige entlastet werden. In Deutschland ist die Methode bislang verboten - denn wohin würde sie führen?

    Von Till Hein
  • Wissen

    Waldmeister

    Was macht Stradivari-Geigen so besonders? Viele glauben: Es sind die Fichten aus dem Fleimstal in Südtirol. Aber die sind nur ein Teil des Geheimnisses. 

    Von Alard von Kittlitz