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aus Heft 14/2015 Gesellschaft/Leben

Der Fluch der weißen Haut

von Michael Obert  Fotos: Armin Smailovic

In Ostafrika werden Menschen mit Albinismus verstümmelt und getötet. Aus ihren Körperteilen machen Medizinmänner okkulte Glücksbringer – ein Millionengeschäft. Auf der Spur der Menschenjäger in Tansania.



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Am Ende werden wir um das Leben eines vierjährigen Mädchens fürchten. Wir werden die Todesangst von Menschen spüren, die man wie Tiere jagt. Und auf einer verlassenen Landstraße, irgendwo in den Savannen Ostafrikas, wird uns der Kontinent, den wir seit zwanzig Jahren bereisen, schließlich todbringend und grausam erscheinen. Doch das können wir noch nicht wissen, als uns die Frau ohne Arme zum Gruß die Schulter hinstreckt. »Sie kamen nachts«, flüstert sie im Haus einer Hilfsorganisation in Daressalam in Tansania, Ostafrika. »Sie schlugen die Tür ein, vier Männer mit Buschmessern.«

Mariamu Staford ist die Tochter schwarzafrikanischer Eltern, doch ihre Haut ist weiß. Ihr hellblondes Haar ist zu einem Zopf zurückgebunden, über ihren grauen Augen liegt ein bläulicher Schimmer. Mariamu hat Albinismus. Aufgrund einer genetischen Störung kann ihr Stoffwechsel kaum Melanin produzieren, ein Pigment, das die Haut vor Sonnenstrahlung schützt und dunkel färbt. In Europa fallen Menschen mit Albinismus oft kaum auf, in Afrika hingegen ranken sich um die »weißen Schwarzen« seit Jahrhunderten Geschichten, die ihnen übernatürliche Kräfte zuschreiben. In Tansania gelten sie als zeru-zeru, als unsterbliche Geister. »Deshalb schlachten sie uns«, sagt Mariamu leise. »Sie glauben, dass unsere Körperteile und Organe sie reich und glücklich machen.«

Als im Oktober 2008 die Männer mit den Buschmessern kommen, um Mariamus Arme zu holen, hat die 25-jährige Maisbäuerin im Nordwesten Tansanias ihren kleinen Geschwistern gerade eine Gutenachtgeschichte erzählt. Da hört sie ein lautes Krachen: Ein Steinbrocken schlägt durch die Tür ihrer Lehmhütte, vier vermummte Männer stürmen herein und blenden Mariamu mit Taschenlampen. Einer reißt ihren rechten Arm hoch, ein anderer schlägt unterhalb ihrer Schulter mit der Machete zu.

»Seine Klinge ist stumpf, er hackt und hackt«, erzählt Mariamu atemlos, als geschehe es in diesem Moment noch einmal. »Blut, überall Blut, ein Ruck, mein Arm gibt nach, erst jetzt spüre ich das Brennen, erst jetzt schreie ich vor Schmerz.« Mariamus Geschwister sind aus der Hütte gerannt, ihre Eltern im Nebenraum eingeschlossen. Bei vollem Bewusstsein muss die junge Frau miterleben, wie sich die Angreifer über ihren zweiten Arm hermachen. Erst als draußen Nachbarn rufen, rennen die Männer mit dem erbeuteten Arm davon. Der andere ist später im Krankenhaus nicht mehr zu retten und muss amputiert werden.

In Ostafrika fürchten Menschen mit Albinismus um ihr Leben. Denn seit dem ersten dokumentierten Mord an einem Albino in Tansania im Jahr 2006 erfährt der alte Glaube an die okkulten Kräfte dieser Menschen eine grausame Mutation. Waren es zuvor vor allem ihre Haare, ihre Fingernägel und ihr Urin, so stellen Hexendoktoren ihre Zaubertränke und Glücksbringer jetzt auch aus den Armen und Beinen, den Organen, Knochen und Genitalien von Albinos her.

In Kenia, Uganda und Burundi, in der Demokratischen Republik Kongo und weiter südlich in Swasiland, Simbabwe und Südafrika schlägt Menschen mit der vererbbaren Pigmentstörung eine Welle der Gewalt entgegen. Das weltweit gefährlichste Land für sie ist die ehemalige deutsche Kolonie Tansania: 151 Albinos sind hier laut den Vereinten Nationen bis zur jüngsten Erhebung im August 2014 attackiert, verstümmelt oder getötet worden. Die wahre Zahl soll deutlich höher liegen, denn viele Angriffe werden nicht gemeldet. Die Polizei scheint machtlos. Aufgeklärte Fälle gibt es kaum. Einer der wenigen Anhaltspunkte: Vor Parlaments- und Präsidentschaftswahlen nehmen die Anschläge jeweils sprunghaft zu. Im Oktober wird in Tansania erneut gewählt.

Geschichten über Morde, Verstümmelungen und Hexerei bedienen genau das Klischee eines rückständigen, barbarischen Kontinents, das der Westen gern von Afrika zeichnet. Aber was steckt wirklich dahinter? Warum finden die Attacken auf Albinos ausgerechnet seit ein paar Jahren statt? Und wer sind die Killer, wer die Auftraggeber? Wir reisen nach Mwanza am Südufer des Viktoriasees, eine gute Tagesreise nordwestlich von Daressalam. Mit Josephat Torner, 32, selbst Albino und seit Jahren ein Kämpfer für die Rechte seiner Minderheit, fahren wir durch Landschaften wie aus einem Ferienprospekt: Am Horizont hebt sich die Sonne glutrot aus der Savanne. Einzeln stehende Akazien und Affenbrotbäume werfen lange Schatten. Frauen in bunten Gewändern balancieren Feuerholz auf den Köpfen. Nicht weit von hier liegt die Serengeti, wo jedes Jahr Hunderttausende Touristen auf Safari gehen.

Was Albinos in dieser Region allein in den vergangenen beiden Jahren erlitten haben, liest sich wie das Skript eines Horrorfilms: Am 31. Januar 2013 hacken mit Speeren und Macheten bewaffnete Männer in einem Dorf südlich des Viktoriasees einem Albino-Jungen den linken Arm ab und erschlagen seinen 95-jährigen Großvater, der ihn beschützen will. Nur wenige Tage später stürmen Vermummte in derselben Gegend ein Haus, in dem sich ein sieben Monate altes Albino-Baby befindet. Nachbarn verjagen die Angreifer im letzten Moment. Etwa zur gleichen Zeit wird eine Albino-Frau von fünf Männern überwältigt, die ihr den linken Arm abschlagen. Ein zehnjähriger Albino-Junge verliert auf dem Schulweg ebenfalls einen Arm.

Im August 2014 wird ein Mann getötet, weil er vergeblich versucht, seine Albino-Frau vor Angreifern zu retten; die Killer trennen der Maisbäuerin Munghu Masaga, 35, den linken Arm ab. Ebenfalls im August holen sich maskierte Männer den rechten Arm eines 15-jährigen Mädchens. Im Oktober entkommen zwei Albino-Frauen gerade noch einem Anschlag. Anfang Dezember ermorden Unbekannte einen jungen Albino und hacken ihm beide Beine ab. Kurz nach Weihnachten 2014 wird ein vierjähriges Albino-Mädchen entführt. Von ihm fehlt bis heute jede Spur.

Die Art und Weise, wie man Menschen mit Albinismus in Ostafrika begegnet, ist oft ambivalent. »Die einen glauben, wir brächten Glück«, sagt unser Begleiter Josephat Torner im Auto südlich des Viktoriasees. »Die anderen sind überzeugt, wir wären ein Fluch für die Familie und das ganze Dorf.« Bei Torners Geburt riet die Hebamme seiner Mutter, ihn zu vergiften. Nachbarn beschuldigten sie, Sex mit einem tokolosh gehabt zu haben, einem bösen Geist. »Viele glauben, dass wir selbst Geister sind«, sagt Torner, Vater von drei Kindern, von denen keins Albinismus hat. »Sie glauben, dass wir nicht sterben, sondern allmählich verblassen und uns am Ende einfach auflösen.«

Die Stirn des 32-Jährigen liegt in Falten, doch seine graublauen Augen strahlen meistens, und er lächelt viel. Nie kommt uns Josephat Torner wie ein Opfer vor. Unermüdlich arbeitet er an seiner Vision, dass Albinos in Tansania eines Tages als normale Menschen angenommen werden. Er spricht auf der Straße Leute an, erklärt in entlegenen Dörfern die Hintergründe der Erbkrankheit, gibt in der Mittagspause telefonisch Radiointerviews. »Pass auf!«, raunten ihm in einer Gasse kürzlich zwei Männer zu. »Deine Arme sind ein Vermögen wert!« Da lud er sie zum Bier ein, sie redeten über Fußball, Frauen und Autos. »Danach wussten sie, dass ich kein Geist, sondern einer von ihnen bin.«

Die Mehrheit der Albinos in Tansania macht solche versöhnlichen Erfahrungen nicht. Viele Männer verlassen ihre Frauen, wenn diese ein Albino-Baby gebären. Kinder werden von ihren Eltern ausgesetzt, in der Schule gehänselt oder geschlagen. Wegen häufiger Sehbehinderungen ohnehin benachteiligt, verfügen die meisten Albinos nur über eine mangelnde Schulbildung, sie finden selten gut bezahlte Arbeit und nur schwer einen Lebenspartner.
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Michael Obert und Armin Smailovic

Als der Autor Michael Obert und der Fotograf Armin Smailovic der Albino-Frau Mariamu Staford anfangs erzählten, dass sie nach den Menschenjägern suchen wollten, sagte sie: »Sie werden eure Arme und Beine abhacken, sie werden euch die Haut abziehen – weiß ist weiß!«