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Wissen 01. Mai 2015

Alter Glanz

Von Jakob Schrenk  Fotos: Urban Zintel

Der italienische Archäologe Sebastiano Tusa hat einen legendären Schatz gehoben. Damit will er Sizilien retten – mindestens.



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Es ist ganz einfach, aus der Gegenwart zu fliehen. Es ist ganz einfach, die Ängste und den Ärger hinter sich zu lassen, die ewigen Fragen: Wie sieht Italiens Zukunft aus? Was macht die Mafia? Bekomme ich jemals Rente? Stehe ich heute Abend im Stau?

Sebastiano Tusa holt tief Luft, drückt das Kinn auf die Brust und steckt den Kopf ins Wasser. Er macht eine Rolle vorwärts, schlägt einmal mit den Flossen und taucht ab ins Meer. Ist er ein paar Meter tief gesunken, gelten die Gesetze und Beschränkungen des Landlebens nicht mehr. Sebastiano Tusa spürt nicht mehr das Gewicht von Bauch und Alltag, niemand zupft ihn am Ärmel, er ist ganz bei sich. Das Meer kühlt ihm den Schädel. ­ Bleibt man an der Oberfläche der Dinge, ist Italien ein armes Land. Unter Wasser sieht man die Dinge mit anderen Augen. Wer taucht, wer den Dingen auf den Grund geht, der sieht: Italien ist reich, sagenhaft reich.

Sebastiano Tusa, 62 Jahre alt, arbeitet als Chef der ­Soprintendenza del Mare in Palermo, er ist Denkmalschützer, Unterwasserarchäologe, Chef von mehr als 50 Mitarbeitern. Seine Aufgabe besteht vor allem darin, vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden gesunkene Schiffe samt der geladenen Fracht zu bergen. Zwei Tage pro Woche arbeitet er im Büro, die restliche Arbeits­zeit verbringt er im und auf dem Wasser.

Den größten Fund seines Lebens hat Tusa vor wenigen Wochen an der sizilianischen Südküste gemacht, in der Nähe der Stadt Gela, 300 Meter vom Strand entfernt. In drei Metern Tiefe liegt dort ein Wrack aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus. An Bord waren 39 jeweils etwa fünfzehn Zentimeter lange Barren, jeder zwei, drei Finger dick. Tusa ist ein guter Geschichtenerzähler, mit dem Gespür für Pointen und Pausen, er hat schon oft von dem Fund berichtet, und er macht das immer mit den gleichen Worten. »Am Anfang dachten wir an Gold, das wäre ja auch ganz interessant gewesen«, pflegt Tusa zu sagen, so wie jetzt. Dann wartet er ein bisschen und fügt hinzu: »Das sind Barren aus Oreichalkos.«

Nüchtern betrachtet, handelt es sich bei Oreichalkos um ein Kupfer-Zink-Gemisch, das gelb glänzt. Aber der nüchterne Blick ist ja nur eine unter vielen Möglichkeiten, auf die Welt zu sehen. Vor langer Zeit hat Oreichalkos die Menschen begeistert und galt als wertvolles Metall. Platon berichtete, das legendäre Reich ­Atlantis habe im Licht von Oreichalkos geleuchtet – bis die Insel innerhalb »eines einzigen Tages und einer unglückseligen Nacht« versunken sei. Allerdings hat bisher niemand größere Mengen des Metalls gefunden, bloß mal etwas Schmuck. »Unsere Barren sind wirklich einmalig«, sagt Tusa. Wenn man so will, hat er den Schatz von ­Atlantis geborgen. Aber darüber will er gar nicht so viel reden. Denn Tusa geht es nicht nur um alte Legenden. Dort unten am Meeresgrund ruhen ja nicht bloß die Zeugnisse einer vergangenen Epoche, Vasen, Eisenhelme, Schatztruhen. Dort unten ruht auch die Zukunft Siziliens. Tusa kann sich sowieso nicht in der goldenen Vergangenheit der Antike verkriechen. Die Gegenwart zehrt und zieht an ihm, er muss immer knappere Budgets verwalten. Tusa ist Archäologe, Berufsnostalgiker – und ein Manager des Mangels.

Die Barren haben Tusa und seine Kollegen längst geborgen. Heute ist Tusa tauchen gegangen, um heraus­zubekommen, wie sich das Wrack am besten heben ließe. So könnte man ermitteln, woher das Schiff stammte. An diesem Tag aber kommt Tusa nicht weiter. Zu viele Wellen, zu viel aufgewirbelter Sand, unter Wasser sieht er kaum einen Meter weit. Nach wenigen Minuten steht er wieder an Deck und gibt den Befehl zur Rückfahrt. Besonders traurig sieht er nicht aus. »Als Archäologe ist man Enttäuschungen gewohnt. Man gräbt und gräbt und findet nichts.«

Tusa steht breitbeinig auf dem Schiff. Er macht das nicht nur, weil das Schiff heftig schlingert. Er steht auch einfach so gern breitbeinig da. Den knallengen Taucheranzug hat er immer noch an. Seinen Bauch streckt er so stolz heraus, als hätte er darin ein paar Edelmetallbarren verstaut. Von Menschen, die nach Höherem streben, scheint ja oft eine Art Leuchten auszugehen. Bei Tusa ist das auch buchstäblich so. Erst vor Kurzem hat er sich die Haare am Kopf abrasiert, die Haut an seinem Schädel ist weiß, viel heller als die in seinem Gesicht. Sein Kopf glänzt in der Sonne. Oben im Himmel verbrennen sie heute Diamanten, so grell ist das Licht an diesem Vormittag. Tusa breitet die Arme aus, er umarmt die Luft und das Meer und einfach die ganze Welt und sagt: »Habe ich nicht den allerbesten Job?«

Athen ist nur 800 Kilometer entfernt, das große, untergegangene Karthago etwa 350 Kilometer. Das Mittelmeer ist winzig klein. Aber auf der hellblauen Leinwand dieses Gewässers hat die Menschheit einige ihrer schönsten Geschichten geschrieben. Die drei großen Weltreligionen sind rund um das Mittelmeer entstanden. Die Araber entwickelten die moderne Medizin. Die Griechen erfanden Demokratie und Sinnsuche. Und die Karthager sollen im fünften oder sechsten Jahrhundert vor Christus auf der Suche nach Zinn bis nach England gefahren sein. Das Mittelmeer schien den Menschen ­damals der Mittelpunkt der Welt zu sein, und Sizilien bildete die Mitte dieses Mittelpunkts, ein Paradies aus Tempeln, Olivenhainen und zehn Sonnenstunden am Tag. Tusa fragt sich manchmal, wieso heute eigentlich die Kapitalisten aus dem Norden über die Erde regieren, mit ihrer seltsamen Vorliebe für Butter und Zweck-Mittel-Relationen. Warum bringt man die Länder des Mittelmeers nur noch mit korrupten Politikern in Verbindung, mit Schulden, mit islamischem Terrorismus? Eine gute Antwort hat Tusa darauf nicht. Er starrt vor sich hin und meint: »Wir müssen uns eben ­arrangieren.«
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Jakob Schrenk

interessierte sich bei der Recherche auch sehr für die Schätze der italienischen Küche – und ging zweimal pro Tag ins Restaurant.

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