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aus Heft 28/2015 Gesellschaft/Leben

»Putzen ist wie Meditation«

Interview: Julia Decker  Foto: Maya Fuhr

Nicole Karafyllis erforscht das Saubermachen. Sie erklärt, was es mit Scham zu tun hat – und warum man eigentlich ohne Handschuhe putzen soll.


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SZ-Magazin: Sie sind Philosophin und haben ein Buch über Ihre Leidenschaft für das Putzen geschrieben. Viele Deutsche empfinden Putzen als Qual und beschäftigen nach Möglichkeit eine Putzhilfe. Warum putzen wir so ungern?

Nicole Karafyllis: Das stärkste Argument gegen das Selber-Putzen ist die Zeitverschwendung. Natürlich hat jemand, der um neun Uhr abends aus dem Büro kommt, keine Lust mehr zu putzen. Aber die Leute machen sich etwas vor, wenn sie sagen, sie möchten statt zu putzen lieber etwas Sinnvolles tun, zum Beispiel Sport.

Stimmt das denn nicht?
Fragt man genauer, was sie wirklich machen während der drei Stunden, in denen die Putzfrau da war, haben die meisten keine Antwort. Die Putzfrauen werden oft nicht allein in der Wohnung gelassen, sondern kommen, wenn jemand zu Hause ist. Lustig finde ich auch, wenn die Leute sagen, sie müssten noch aufräumen, weil die Putzfrau kommt. Die brauchen dann viel länger, um die Wohnung für die Putzfrau vorzubereiten, als sie fürs Putzen selbst bräuchten. Das hat weder mit Zeitersparnis noch mit Freiheit zu tun, sondern nur mit neuen Zwängen.

Woher kommt der Widerwille gegen das Putzen dann wirklich?
Da passiert eine Menge unbewusst. Beim Putzen werden wir mit Staub konfrontiert. Wir haben eine tiefe Abneigung gegenüber Staub, denn zu Staub werden wir alle mal. Man könnte sagen, dass der Staub uns an unsere eigene Endlichkeit erinnert. Das ist unangenehm. Über die Jahrhunderte hat sich dieses schwierige Verhältnis auch in der Sprache manifestiert. Wenn es im deutschen Sprachgebrauch ums Disziplinieren oder um Bestrafung geht, sind die Wörter eng mit dem Putzen verbunden: Jemanden abbürsten, jemandem die Fresse polieren. Oder verkloppen, darin steckt das Wort Teppichklopfer.

Ist das schlechte Image des Putzens auch der Grund, warum Putzhilfen so schlecht bezahlt werden?
Putzhilfen werden nicht so schlecht bezahlt. Um die zehn Euro Stundenlohn ist in Städten durchaus möglich, das ist mehr, als viele Friseure bekommen. Interessant ist, dass bei älteren Leuten oder in Singlehaushalten die Putzfrau die Rolle der Gesellschafterin übernimmt, da geht es nicht nur ums Zeitsparen, sondern um soziale Kontakte. Aber weil Schmutz bei uns nichts Ehrenvolles hat, sind die Menschen, die mit Schmutz zu tun haben, immer eher unten in der Gesellschaft angesiedelt. Da geht es den Putzfrauen wie der Müllabfuhr.

Bevor Gäste kommen, wird oft besonders intensiv geputzt. Also aus Scham?
Wir putzen, weil wir uns wohlfühlen wollen. Es ist ein Zeichen von Höflichkeit, den Gast in eine saubere Wohnung zu bitten. Aber wer sich mit dem Saubersein beschäftigt, muss anerkennen, dass es vorher mal schmutzig war. Und da kommt das Schämen ins Spiel. Diese Scham ist eine speziell im deutschsprachigen Raum verbreitete Haltung, die ihre Ursprünge im Pietismus hat. Schmutz hat eben viel mit dem eigenen Körper zu tun – und deshalb mit Schuld, weil der Körper als sündig angesehen wird. Das geht aus der Körperverachtung hervor, die in den Ursprüngen des Christentums liegt. Es trägt aber natürlich niemand Schuld am Schmutz. Er entsteht einfach, rein physikalisch. Und man muss wissen, dass der Dreck in der Wohnung kein Straßendreck ist, den man von draußen mit hinein gebracht hat, sondern größtenteils aus Hautschuppen besteht, die wir Menschen permanent unbemerkt verlieren.

Schmutz war ja auch lange Zeit ein Gesundheitsrisiko.
Ja, auch deshalb stehen Schmutz und Putzen mit Angst in Verbindung. Aber bei uns braucht keiner Angst vor dem Dreck zu haben. Davon geht kaum mehr eine Gesundheitsgefahr aus. Allerdings gibt es einen Widerspruch. Auf der einen Seite wird sehr viel Desinfektionsmittel verwendet, auf der anderen Seite werden die einfachsten Zusammenhänge in Bezug auf Hygiene nicht beachtet: Heute lauert im Privathaushalt die einzige Gefahr im Biomüll. Wenn der über Tage an einem warmen Platz lagert, oft unter der Spüle, dann macht sich eine mikrobielle Mischung breit, die ziemlich ungesund ist. Eigentlich müsste man sich immer, wenn man den Biomüll berührt hat, die Hände waschen. Aber die Leute ekeln sich stattdessen zum Beispiel vor der völlig harmlosen Mehlmotte.

Finden Sie es nicht widerlich, wenn es in der Müslipackung krabbelt?
Nein, gar nicht. Wenn wir Mehlmotten haben, empfinden wir das als Katastrophe, als persönliches Scheitern oder Versagen. Aber biologisch gesehen sind Mehlmotten nicht so schlimm. Man wirft die Packung weg, und es hat sich erledigt. Diese Tiere sind kein Indikator für die hygienischen Verhältnisse. Es reicht, im Sommer das Fenster zu öffnen, schon fliegen sie rein.

Gibt es eine tolle wirklich neue Erfindung auf dem Putzmittelmarkt?
Die Zusammensetzung der Mittel ist seit Jahrzehnten gleich: Tenside, Kondens- und Duftmittel sind immer enthalten. Nur die Konzentration wird aggressiver. Wenn man ohne Handschuhe putzt, merkt man das. Seit zehn Jahren muss man einfach Handschuhe tragen, weil die Mittel die Haut kaputtmachen. Dabei ist Putzen ohne Handschuhe viel schöner.

Auch wenn Sie die Haare aus dem Duschabfluss ziehen müssen?

Ja, es sind ja meine eigenen oder die von jemandem, den ich liebe. Das ekelt mich überhaupt nicht. Das Putzen mit den Handschuhen nimmt das Sinnliche und ist unpraktisch. Man kann auch nicht so gut kratzen. Putzen bedeutet ja auch immer, etwas zu lösen.
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Julia Decker

Nachdem sie Nicole Karafyllis’ Buch Putzen als Passion gelesen hatte, gelang der Autorin der Trick, sich auf die Sauberkeit danach statt auf den Dreck davor zu konzentrieren. Decker dachte sogar, der Begriff »putzmunter« müsse von der guten Laune kommen, die das Putzen macht. Es gibt in der Etymologie aber die Auffassung, das »Putz« in »putzmunter« entstamme dem Rotwelschen, einer Gaunersprache, in der es auch »Streich« heiße und wohl mit »Posse« verwandt sei.

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