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aus Heft 04/2016 Vor Gericht

Schlechtes Versteck

Von Lena Niethammer  Illustration: Paula Bulling

Milan Martens hat ein Verbrechen beobachtet und als Kronzeuge die Täter ins Gefängnis gebracht. Doch seit er seine Identität und sein Schicksal in die Hände des deutschen Zeugenschutzprogramms gelegt hat, ist sein Leben völlig aus der Spur geraten. Seine Beschützer sieht er heute als Feinde. Auch andere Fälle zeigen: Der Zeugenschutz ist oft ein leeres Versprechen.

Nachdem Milan Martens beschlossen hat, auszusagen, geht alles schnell: Er muss noch am selben Tag in eine abgelegene Pension ziehen.
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Das Wort »Amoklauf« fällt ihm ein. Es klingt gut, es klingt bedrohlich. Milan Martens sitzt am Abend des 25. Juli 2014 in einem Internetcafé und überfliegt seine E-Mail ein letztes Mal. Er denkt an die Jahre, die er gelitten hat; an die Versprechen, die nie eingehalten wurden. Er denkt, dass er doch nicht viel verlangt, nur einen Job, mehr nicht. Er fühlt sich ausgenutzt und fallengelassen. Die haben das verdient, denkt er, und schreibt das Wort in den Betreff: Amoklauf. Dann drückt er auf »Senden«. Wenige Tage später holen sie ihn mit Handschellen.

Ein grauer Freitag Anfang Januar 2015, ein halbes Jahr später. Milan Martens, Iraner, dreißig Jahre alt, bullig, schwarzer Parka, lehnt an der Fassade des Düsseldorfer Landgerichts. Er lässt sich von einem Freund eine Zigarette reichen, zündet sie an und sieht zu, wie der Rauch aufsteigt. Im vergangenen halben Jahr war er selten draußen. Immer nur ein paar Atemzüge lang, die wenigen Schritte von einer Tür zu einem Auto, von einem Auto zu einer Tür. Es waren Türen, die Martens nicht selbst öffnen durfte, und Autos, in denen er hinten Platz nehmen musste: von der Polizeiwache in die Klinik, von dort zum Haftrichter, dann ins Institut für Forensische Psychiatrie in Essen. Und nun zu seinem Prozess.

Martens zieht ein letztes Mal an der Zigarette. In fünf Minuten wird er wieder auf der Anklagebank sitzen. Die Richterin wird das Urteil verlesen. Und dann, wenn es dieses Mal in seinem Leben nicht komplett schiefläuft, ist er frei.

Doch Martens kämpft längst nicht mehr nur gegen den Vorwurf der Nötigung und um seine Freiheit. Er kämpft auch darum, dass ihm endlich jemand glaubt. Dass ein Arzt, ein Staatsanwalt, eine Richterin zu ihm sagt: Ja, deine Lebensgeschichte ist kein Lügengebäude, kein paranoider Wahnkomplex, deine Geschichte stimmt.

Milan Martens sieht sich als Opfer einer der undurchschaubarsten staatlichen Einrichtungen, die es in Deutschland gibt: des Zeugenschutzprogramms des Bundeskriminalamtes (BKA). Einst war Martens für den deutschen Staat sehr nützlich. Im Gegenzug erhielt er Schutz. Dann war er dem Staat eher lästig. Am Ende glauben ihm Ärzte und Behörden nicht einmal mehr, dass er Teil des Programms war.

Dieser Fall zeigt, wie der deutsche Staat mit geschützten Zeugen umgeht. Er dokumentiert, wie machtlos Menschen werden können, die ihre Identität, ihre Vergangenheit, ihr Leben in die Hände des BKA geben. Und Martens’ Fall dokumentiert, wie weit Verzweiflung einen Menschen treiben kann.

Seine Geschichte beginnt 2006. Damals prahlt der gebürtige Iraner, der mit 15 in die Bundesrepublik kam, bei seinen Freunden in der alten Heimat noch damit, dass er es hier geschafft hat. Ihm gefallen die festen Strukturen und Regeln dieses Landes. Er ist damals 21. Er hat Geld, um sich zu kaufen, was er möchte. Er hat Kumpel, er hat Freundinnen, und, das ist für ihn das Wichtigste: einen Job, der ihm Anerkennung verschafft und Respekt. Einen Job, den er liebt, aus dem er all sein Selbstbewusstsein zieht.

Das SZ-Magazin darf nicht schreiben, wie Martens in seinem alten Leben hieß, wo er wohnte, womit er sein Geld verdiente und wie jetzt sein eigentlicher Deckname lautet. Auch darf nicht die Straftat beschrieben werden, deren Augenzeuge Martens wurde und die sein Leben für immer verändert hat. Die Gefahr, dass jemand ihn erkennt und aufspürt, ist groß. Martens sagt, was er damals gesehen habe, sei so furchtbar gewesen, dass er noch manchmal schweißüberströmt aufwache, starr vor Angst. Er sehe dann die Bilder wieder vor sich. Die Patronenhülsen auf dem Asphalt, drumherum das warme Blut. Wie er zitternd auf dem Boden kauert, die Hände schützend über dem Kopf. Er sieht sich auf dieser Toilette einer fremden Bar, wie er sich auf dem Waschbecken abstützt, in den Spiegel schaut und Blut sein Gesicht hinabläuft. Es ist nicht seines.

In den Wochen nach der Tat bekommt Martens Anrufe. Wenn wir dich finden, bist du tot, sagen die Täter, wehe, du sprichst mit der Polizei. Ein Freund erzählt ihm, dass sie ein Kopfgeld von 10 000 Euro auf ihn ausgesetzt haben. Panisch setzt sich Martens von einem Tag auf den anderen ins Ausland ab. Doch so groß die Angst auch ist, schon bald will er zurück. Zurück zu seiner Familie, zurück in sein Land. Er fühlt sich dem Staat verpflichtet, dessen Regeltreue er so bewundert.

Als Martens das Gebäude der Staatsanwaltschaft seiner Heimatstadt betritt, liegen schlaflose Nächte hinter ihm. Hier bin ich, sagt er, ich kenne die Namen der Täter, ich weiß, für wen sie arbeiten und wer für sie. Schon nach wenigen Mi- nuten fällt das Wort Zeugenschutzprogramm.

Es ist ein Wort, das Martens kennt. Was es genau bedeutet, weiß er nicht. Da ist nur eine vage Vorstellung von Bodyguards, neuen Pässen, Flucht bei Nacht und Nebel – was man so aus Filmen kennt. Doch ihm bleibt keine Zeit zu überlegen. Jetzt sofort musst du dich entscheiden, sagen sie. Schutz, das klingt gut, denkt er und stimmt zu.

Dann geht alles sehr schnell. Drei Beamte nehmen ihn mit auf das Präsidium, um seine Aussage aufzunehmen, und bringen ihn aus der Stadt, in eine abgelegene kleine Pension auf dem Land. Hier verbringt er die nächsten Monate, während er auf den Beginn des Prozesses wartet, in dem er als Kronzeuge aussagen soll.

In der Pension ist Martens allein, er liest viel, schaut fern, ab und zu telefoniert er mit seiner Familie. Seine Mutter fragt ihn, was passiert sei. Sein Vater, wann er wiederkomme. Martens kann die Fragen nicht beantworten und vertröstet seine Eltern. Bald ruft er seltener an.

Alle paar Tage klopfen die Zeugenschützer an seine Tür. Martens füllt Fragebögen über sein bisheriges Leben aus, über seine Hobbys, Ausbildungen, Freunde, Beziehungen. Er unterschreibt Verträge, Geheimhaltungserklärungen, Belehrungen zu Rechten und Pflichten. Es sind viele Seiten, er überfliegt sie mehr, als dass er sie liest. Kopien bekommt er nicht. Zusammen mit den Beamten plant er den Umzug in eine andere Stadt. Seine Eltern und die Brüder, die noch zur Schule gehen, sollen mitkommen, eine Sicherheitsmaßnahme. Zu allen Freunden und Bekannten muss er den Kontakt abbrechen – für immer.

Es gibt kaum Menschen in Deutschland, die sich intensiv mit dem Zeugenschutzprogramm befasst haben und darüber sprechen dürfen. Eine dieser Ausnahmen ist der Jurist Christian Siegismund. Er hat 2009 mit seiner Dissertation eine der wenigen wissenschaftlichen Arbeiten darüber vorgelegt. Darin stehen auch die neuesten belastbaren Fallzahlen, die über das Programm veröffentlicht wurden. Im Jahr 2006 hat das Bundeskriminalamt demnach 330 Zeugen geschützt, zwei Drittel davon waren Männer, die deutliche Mehrheit stammte aus der organisierten Kriminalität. Weitere 328 Menschen waren mit im Programm, meistens Angehörige. Der BKA-Beamte, der Siegismund die Zahlen mitteilte, schloss mit den Worten: »Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich Ihnen keine weitergehenden Informationen geben kann.« Ähnlich geht das BKA mit Presseanfragen zum Zeugenschutz um. Außenstehenden bleibt allein das »Gesetz zur Harmonisierung des Schutzes gefährdeter Zeugen«, elf magere Paragrafen. Eine Person muss demnach an »Leib, Leben, Gesundheit, Freiheit oder wesentlichen Vermögenswerten« bedroht sein, um aufgenommen zu werden. Außerdem muss ihre Aussage dem Staat von Nutzen sein. Siegismund sagt: »Ein Anwalt, der bei der derzeitigen Gesetzeslage seinem Mandanten rät, das Angebot des BKA anzunehmen, macht sich schadenersatzpflichtig.«

Martens dürfte nicht einmal mit seinem Anwalt reden, wenn er einen hätte, so steht es in der Geheimhaltungsklausel, die er unterschrieben hat. Dem SZ-Magazin liegen ähnliche Verträge aus anderen Fällen vor, Milan Martens bestätigt, dass er einen identischen unterschrieben habe. Das Verbot, sich mit einem Anwalt zu beraten, hält Siegismund für klar verfassungswidrig. Doch Martens weiß das damals nicht.

Sein Bruch mit dem Zeugenschutz beginnt nach dem Prozess, nach dem Umzug in eine neue Stadt, viele Kilometer von seinem alten Zuhause entfernt, und nachdem er und seine Familie sich an die neuen Namen gewöhnt haben und daran, nie wieder mit ihren Freunden zu sprechen. Nun will Martens in ein neues Leben starten. »Ich habe immer nur eine einzige Forderung gehabt«, sagt er: »Dass ich wieder den gleichen Job bekomme, den ich vorher hatte. Und das haben sie mir versprochen.«

Herr D. ist nun für ihn zuständig, Beamter der örtlichen Kriminalpolizei. Doch als Martens ihn besucht und nach seinem Job fragt, weist D. ihn ab. Die Szene in seinem alten Job sei zu klein, es wäre zu auffällig, wieder im gleichen Beruf zu arbeiten. Da wird Martens wütend. Ich habe doch alles für euch aufgegeben, denkt er, meine Freunde, mein Leben, meine Identität – ich hätte im Ausland bleiben können, aber ich bin wiedergekommen, für euch, für die Gerechtigkeit, und diese eine Sache, die einzige, um die ich euch gebeten habe, die ihr fest mir versprochen habt, die bekomme ich nicht? Was für ein Leben bleibt mir dann?

Als er die Stimmen zum ersten Mal hört, sucht Martens die Wohnung nach Lautsprechern ab.


Martens beharrt auf jenem Versprechen, er sucht D. immer wieder auf. Um seine Sturheit zu verstehen, muss man ihn nur beobachten, wenn er über seinen alten Beruf redet. Sonst sind seine Antworten einsilbig, seine Tonlage ist etwas ruppig. Doch nun hört er auf, ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln, er lehnt sich bequem in seinem Sessel zurück. Mit freundlicher Stimme hält er einen ausschweifenden Monolog über die Verantwortung von Personen in Machtpositionen, über Respekt, sein Geschick, mit Menschen umzugehen, für das ihn alle bewundert hätten. »Sie können sich das heute vielleicht nicht vorstellen, aber ich war damals bekannt für meine charmante Art«, sagt Martens. Zum ersten Mal in zwei Stunden lächelt er.

Die Beamten finden einen Job für Martens, bei einem Maschinenbauunternehmen. Er darf ihn nicht ablehnen, so steht es in den Verträgen. Findet der Staat demnach eine »zumutbare Beschäftigung« für den geschützten Zeugen, muss dieser sie annehmen. Weigert er sich, fliegt er aus dem Programm. Dann muss er alle Tarndokumente zurückgeben und erhält weder weitere Unterstützung noch Schutz. Martens wäre ausgeliefert.

Also trägt er für 13 Euro die Stunde Stahlrohre. Irgendwann geht er nicht mehr hin. »Ich habe früher 250 Euro an einem Tag verdient«, sagt er, »ich bin kein Lagerarbeiter.« Doch was bleibt ihm? Er könnte sich auch dann nicht selbst nach einem Job umsehen, wenn Herr D. ihm das erlauben würde. Er hat keine Referenzen in seinem neuen Leben. Und sein altes existiert nicht mehr. Er kann nur wieder ins Präsidium gehen, sich D. gegenübersetzen und ihn erneut an das Versprechen erinnern. Mal ruhig, mal rasend und stets ohne Erfolg.

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Lena Niethammer

An dem Tag, als die Autorin von einem Informanten geheime Verträge des Zeugenschutzes bekam, klingelte die Polizei an der Tür – fünf Minuten nachdem sie zu Hause angekommen war. Hektisch versteckte sie alle Unterlagen, ehe sie die Tür öffnete. Aber es ging dann doch nur um einen nicht bezahlten Strafzettel.

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