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aus Heft 07/2017 Die Gewissensfrage

Die rassistische Nachbarin

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Sollte man Menschen, die sich offen rassistisch äußern, weniger kritisch gegenüber sein, wenn sie alt und hilfsbedürftig sind?

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»Eine Nachbarin ist sehr alt und deswegen auch in vielen Dingen eingeschränkt. Allerdings äußert sie sich oft rassistisch gegenüber Minderheiten. Deswegen verachte ich sie. Soll ich aufgrund ihres hohen Alters trotzdem nett zu ihr sein, ihr auch helfen und ihre menschenverachtenden Aussagen ignorieren? Oder sollte ich sie deswegen verurteilen und nicht nett zu ihr sein?« Lena D., 15, München


Zunächst möchte ich dir zu den Gedanken gratulieren, die du dir um deine Mitmenschen machst: um deine Nachbarin, die wegen ihres Alters Hilfe braucht, und um Minderheiten, die unter Rassismus leiden. Und darüber, wie du mit einem Konflikt in diesem Zusammenhang umgehen sollst.

Grundsätzlich sollte man immer versuchen, mit Menschen, die anderer Meinung sind, im Gespräch zu bleiben und nicht den Kontakt abzubrechen.

Die Ansichten eines Menschen gehören zu ihm, deshalb ist es oft schwierig, zwischen dem Menschen und seinen Ansichten zu trennen. Dennoch sollte man auch bei verachtenswerten Ansichten versuchen, nur diese zu verachten, nicht den ganzen Menschen. Und man kann und muss sehr klar unterscheiden zwischen den Ansichten eines Menschen und der Tatsache, dass er ein Mensch ist – eine Tatsache, die von seinen Ansichten nicht beeinträchigt wird. Auch wenn deine Nachbarin menschenverachtende Ansichten hat, bleibt sie selbst ein Mensch, und man sollte ihr helfen, wenn sie Hilfe braucht, so wie jedem anderen Menschen auch.

Du hast das alles im Grunde schon selbst erkannt, als du den Konflikt gesehen hast. Denn hinter deinen beiden Ansätzen, dass du der Nachbarin helfen willst und dass du Rassismus ablehnst, steckt derselbe Grundsatz: Beide Male geht es um Menschen, und man darf nicht manche von der Behandlung als Mensch ausschließen.

Das bedeutet nicht, dass du dich mit ihr anfreunden oder sie gern haben musst. Mit das Wichtige, Besondere und Wertvolle an der Idee, dass man jeden Menschen gleichermaßen als Menschen achten und behandeln muss, ist gerade, dass das nicht von individueller Zuneigung und Sympathie abhängig ist, sondern nur von der Frage, ob jemand ein Mensch ist.

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Leseempfehlungen:
Detlev Ganten / Volker Gerharst / Jan-Christoph Heiliger / Julian Nida-Rümelin (Hrsg.), Was ist der Mensch? de Gruyter Verlag, Berlin 2008

Auch wenn es bei der Frage, ob man der alten Dame helfen soll, anders als bei rassistischen Äußerungen und Einstellungen nicht primär um Menschenwürde geht, knüpfen doch beide Phänomene an der Achtung vor dem Menschen an. Deshalb lohnt sich in diesem Zusammenhang Literatur zur Menschenwürde:

Texte zur Menschenwürde, hrsg. von Franz Josef Wetz, Reclam Verlag, Stuttgart 2011

Peter Schaber, Menschenwürde (Grundwissen Philosophie), Reclam Verlag, Stuttgart 2012

Christian Thies (Hrsg.), Der Wert der Menschenwürde, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2009

Zum Thema Widersprechen bei menschenverachtenden Äußerungen hier eine ältere Gewissensfrage. Sowie diese hier.

Und eine weitere Gewissensfrage zur Frage der Verbindung von Einstellungen und Person.
Dr. Dr. Rainer Erlinger

Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie eine E-Mail an gewissensfrage@sz-magazin.de