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Literatur 27. April 2017

»Es ist nicht nur Trump, der mir Kopfschmerzen bereitet«

Von Patrick Bauer   Foto: AP

Die Schriftstellerin Margaret Atwood wusste immer schon, dass es uns an den Kragen geht. Rund 30 Jahre nach ihrem düsteren Roman »Der Report der Magd« sagt sie im Interview mit dem SZ-Magazin Stil Leben: Sie hätte nie gedacht, dass es tatsächlich so schlimm kommen würde. Und trotzdem: Sie hat noch Hoffnung.



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Margaret Atwood, Kanadierin, 77 Jahre alt, zuverlässig für den Literaturnobelpreis gehandelt, ist eine der großen Schriftstellerin unserer Zeit, natürlich. Aber dass sie auch die Schriftstellerin der Stunde ist, das überrascht sie selbst. Und hat hat viel mit Donald Trump zu tun.

Das US-amerikanische Magazin »The New Yorker« bezeichnete Atwood gerade als »Prophetin der Dystopie«. Ihr Meisterwerk »Der Report der Magd«, der Zukunftsroman aus dem Jahr 1985, in dem eine christlich-fundamentalistische Gruppe in den USA die Macht übernommen hat und Angst vor islamistischem Terror schürt, die Presse zensiert und Frauen alle Rechte nimmt, steht seit dem Amtsantritt von US-Präsident Trump wieder in den Bestsellerlisten. Nun startet eine vielbeachtete neue Serien-Adaption. Und auch in Atwoods neuem Buch »Das Herz kommt zuletzt«, das jetzt auf Deutsch erscheint, geht nach einer großen Wirtschaftskrise die Welt unter. Atwood, so liest man derzeit überall, hat mit ihren unzähligen düsteren Visionen schon früh das Comeback des Totalitarismus und die Zerstörung unseres Planeten voraus gesagt. Sie wusste immer schon, dass es uns an den Kragen geht.

Im Interview mit dem »SZ Magazin Stil Leben« sagt Atwood auf die Frage, ob sich die Realität zunehmend ihrer Fiktion annähere: »Alle meine Dystopien basierten auf der Realität. Ich hätte zwar nie gedacht, dass es mal so schlimm kommen würde, wie es gerade kommt, aber schon in den Achtzigerjahren redeten die Ultrarechten in den USA schreckliches Zeug.« Und: »Es ist nicht nur Trump, der mir Kopfschmerzen bereitet. Überall auf der Welt brennt es: Der Klimawandel, Bürgerkriege, die Flüchtlingskrisen, alles hängt mit-einander zusammen.«

Das ausführliche Interview mit Margaret Atwood fand im März in Madrid statt, wo Atwood von der Universität die Ehrendoktorwürde verliehen bekam. Atwood war mit ihrem Mann angereist, mit dem gemeinsam sie auch viele Jahre Präsidentin des Internationalen Klubs für seltene Vögel war. Doch das Reisen fällt vor allem ihrem Mann immer schwerer, weswegen sie nicht mehr so viele Vogelerkundungen auf der ganzen Welt unternehmen können. Dennoch ist der Vogelschutz einer der Gründe, warum Margaret Atwood in diesen Zeiten nicht nur pessimistisch denkt: »Global sehe ich schwarz. Die Weltmeere sind verschmutzt und todkrank, das kann selbst Donald Trump nicht leugnen. Sterben die Weltmeere, wird es bitter für uns. Mindestens 50 Prozent unseres Sauerstoffs kommen aus den Meeren. Nun stellen Sie sich die Menschheit mal vor mit nur noch 50 Prozent Gehirnleistung. Okay, das könnte auch sehr lustig werden. Persönlich sehe ich viel Gutes kommen: Wir machen große Fortschritte bei der Sterilisation von Ratten. Ratten sind in vielen Gegenden für Vögel ein riesiges Problem.«

Im kompletten Interview erklärt Margaret Atwood auch, warum sich die Welt trotz allem noch nie sicherer angefühlt hat als heute. Und warum sie glaubt, dass ihr linksliberales Milieu Mitschuld am derzeitigen Aufstieg rechtsnationaler Populisten hat. Aber die Frau, die so viel Horror erdacht hat, lässt sich so leicht nicht aus der Ruhe bringen. Atwood sagt: »Vielleicht wacht die gesellschaftliche Mitte endlich auf, gerade entstehen viele Initiativen in den USA, die mir Mut machen. Das ist meine Spezialität: Ich finde an jedem Übel etwas Gutes.«

Das Interview mit Margaret Atwood aus dem SZ-Magazin Stil Leben lesen Sie hier mit SZ Plus:


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