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Abschiedskolumne 23. Juli 2017

Aufstieg in die Sofa-Liga

Von Marcel Laskus 

Für Hunderttausende Fußballfans erfüllte sich diese Woche ein lange gehegter Wunsch: die Dritte Liga gibt es endlich als Videospiel und zudem werden erstmals alle Partien im Internet übertragen. Ist die Kommerzialisierung der kleinen Vereine eher Grund zur Freude – oder zur Besorgnis?

Bald auch auf der Xbox: die unauf- und unabsteigbaren Spieler von Rot-Weiß Erfurt. Foto: Marcel Junghanns

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Es gibt Meldungen, die können all den Berlinern, Münchnern und Dortmundern egal sein. Für mich, der aus Erfurt kommt, sind sie schöner als ein Fallrückziehertor. Diese Woche gab es gleich zwei davon. Am 18. Juli verkündeten die Entwickler von Fifa, dass das beliebteste Fußball-Videospiel der Welt zum ersten Mal die Dritte Liga enthält. Hunderttausende Fans im Hinterland, die in Meppen, Lotte oder Zwickau wohnen, dürfen nun ihre Lieblingsvereine spielen.
 
Und noch mitten im Freudenrausch verkündet die Telekom, man werde erstmals jedes der 380 Drittliga-Spiele live übertragen. Die dritte Liga, das klingt für viele wie dritte Wahl, wie dritte Klasse, nur für Masochisten geeignet, denen Erfolg und schöner Fußball egal sind. Als Grundschüler nahm mich mein Vater an der Hand mit ins Stadion, und schnell verstand ich: Das ist nicht Champions League und auch nicht Diego Maradona. Hier gibt es keine Pokale zu gewinnen, die Tribünen sind marode. Ich fand es trotzdem schön. Bis heute bin ich Fan von Deutschlands wohl unspektakulärstem Verein. Erfurt könnte durchschnittlicher nicht sein: Die Stadt ist mittelgroß, mittelwichtig, und zumindest mittelschön. Erfurt spielt seit zehn Jahren ununterbrochen in der Dritten Liga. Ohne Abstieg, aber auch ohne Aufstieg – das ist Rekord. Auf zwei Siege folgen zwei Niederlagen, auf zwei Niederlagen folgen zwei Siege, es ist der Rhythmus der Belanglosigkeit.
 
Normalerweise kommen ein paar Tausend Zuschauer zu den Spielen ins Stadion. Manche klagen darüber, dass es mehr sein könnten. Aber naja, geht ja noch schlimmer, wenigstens kostet die Bratwurst noch keine fünf Euro wie in Liga eins. Erfurt steht stellvertretend für den deutschen Fußball-Mittelbau. Hier sind die Spieler keine Instagram-Ikonen, aber zumindest können sie von ihren Torschüssen leben.
 
Nun aber entdeckt die Unterhaltungs-Konzerne den Zauber der Normalität. Die Sehnsucht nach dem Bodenständigen. Die dritte Liga ist also doch mehr nur nötiges Scharnier zwischen Amateur- und Profi-Kickern. Vorbei bald die Zeiten, in denen ich beim Playstation-Spielen mit Freunden aus Verlegenheit Borussia Dortmund wählen musste oder Bayer Leverkusen – Vereine, die ich nicht mal sympathisch finde. Aber Erfurt war eben nie dabei.

Früher, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, stand ich alle zwei Wochen in der Kurve; auswärts verbrachten wir halbe Wochenenden im Regionalzug nach Rostock, Aalen, Schweinfurt. Das geht jetzt kaum mehr. Wenn ich Sehnsucht hatte, setzte ich mich mit meinem senfverschmierten Schal aufs Sofa, telefonierte mit meinen Freunden und fragte, wie es in der Kurve war. Denn übertragen wurden bislang nur ausgewählte »Top-Spiele«. Aber um Top-Spiele geht es nicht bei Rot-Weiß Erfurt: Wer nie auf- oder absteigt, für den ist ein Spiel ist so wichtig wie jedes andere.
  
Lange war alles unterhalb der zweiten Liga nur wenig professionell. Aber seit ein paar Jahren werden die Arenen modernisiert, Stehplätze bestuhlt und überdacht, und die Bratwurst lässt sich nur noch mit einer Chipkarte bezahlen. Mit der Verlockung, Teil zu sein von etwas Wichtigem, etwas Großem, kommt aber auch das nächste Problem: Die dritte Liga war bislang verschont von der zwingenden Vermarktung jedes Quadratzentimeters. Jetzt sind wir Drittligafans als eine erschließenswerte und lohnende Käufergruppe identifiziert worden. Ich werde mir nach zehn Jahren des trotzigen Boykotts den neuen Teil von Fifa für meine Spielekonsole holen. Und das Streaming-Abo bei der Telekom. Im Jahr käme ich so auf 200 Euro. Das verbindet uns jetzt also auch mit den Bayern- und Dortmund-Fans: die käufliche Liebe.
 
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