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aus Heft 49/2017 Die Gewissensfrage

Darf eine Frau sich hübsch anziehen, um etwas zu bekommen?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Eine Frau kriegt den Zuschlag für ein Zimmer – wohl auch deshalb, weil sie sich aufgebrezelt hat und persönlich vorstellig wurde. Moralexperte Dr. Dr. Rainer Erlinger hat dazu eine klare Meinung.

 


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»Meine Schwester hat sich durch ›Sich-hübsch-Anziehen‹ und persönliches Vorsprechen beim Studentenwerk eines der knappen Wohnheimzimmer verschafft, obwohl sie auf der Warteliste weit unten stand. Sie jubelte und hielt sich für besonders clever. Ich kann ihre Freude nicht recht teilen, denn ich muss an die Person denken, die das Zimmer nun nicht erhalten hat.« Jörg S., München


Man könnte hier mit »betrogenen Betrügern« argumentieren. Ihre Schwester hat durch das, was Sie mit »Sich-hübsch-Anziehen« umschreiben, offenbar den Spieß umgedreht. In den derzeit breit diskutierten Fällen Harvey Weinstein & Co. haben diejenigen, die über Entscheidungsmacht verfügen, diese Macht zu Lasten derer, die sie sexuell begehren, ausgenutzt. Ihre Schwester scheint nun umgekehrt die Attraktivität, die sie durch »hübsch Anziehen« erreicht, im persönlichen Kontakt mit einer entscheidenden Person dazu zu nutzen, entgegen des klassischen Machtgefälles ihre Wünsche durchzusetzen. Nicht sie als Frau wird wegen ihres Aussehens missbraucht, sondern sie gebraucht ihr Aussehen, missbraucht die männliche Begierde. Was mehr als berechtigt erscheint: Wenn schon die Gesellschaft so funktioniert oder besser gesagt so dysfunktional ist, dann ist es mehr als berechtigt, diese Dysfunktionalität zugunsten der durch sie Benachteiligten auszunutzen. Um die Betrüger zu betrügen.

Die Sache hat nur zwei große Haken: Das eine ist, dass man auch mit dem Ausnutzen der Dysfunktionalität deren Strukturen eher festigt. Eine Frau, die ihre Wünsche von ihrem Aussehen unterstützt vorträgt, bestätigt das Prinzip der Einbeziehung äußerer Reize bei Entscheidungen, eben die Haltung, die dem Missbrauch zugrunde liegt. Das soll keineswegs heißen, Frauen seien selbst daran schuld, es werden hier nur die problematischen Mechanismen nicht angegriffen, sondern eher gestärkt. Das andere sprechen Sie an: Den Vorteil kann nur erlangen, wer bereit oder in der Lage ist, sich »hübsch« zu machen. Nicht aber, wer das ablehnt oder nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht oder entsprechen will. Deshalb kann man die Idee Ihrer Schwester, obwohl sie Charme hat, nicht gutheißen.

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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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