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Abschiedskolumne 08. Dezember 2017

Söderle

Von Dorothea Wagner  Fotos: dpa

Der nächste bayerische Ministerpräsident heißt Markus Söder und kommt aus Franken. Unsere Autorin sorgt sich um den Ruf ihrer Heimat.

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Meine Heimat klingt weich. Die Münder nehmen all die Schärfe aus der Sprache, ziehen die Konsonanten breit, bis sie zu ihren gemütlichen Verwandten werden. Der Tisch zum Disch. Der Club zum Glub. Die Post zur Bosd. Ein Dialekt wie ein Daunenkissen. 

Ich lebe in München, komme aber gebürtig aus Franken. Und manchmal vermisse ich die Daunenkissenhaftigkeit des fränkischen Dialekts so sehr, dass ich mich in den Zug setze und für ein paar Tage in Richtung Heimat fahre. Im Regionalexpress setze ich dann die Kopfhörer ab und höre zu. Den Kindern, die über ihre Lehrer schimpfen. Den Pendlern, die zu Hause anrufen und fragen, ob sie am Bahnhof noch schnell ein Brot kaufen sollen. Und den Eltern, die darüber tuscheln, wie sie ihre Kinder dazu bringen, noch ein weiteres Jahr an das Christkind zu glauben. An das Christkind mit schnurrend gerolltem R, versteht sich.

Aber egal, wie sehr ich den Dialekt eigentlich mag: Ich selbst versuche seit Jahren, die Konsonanten hart perlen zu lassen und meiner Zunge zu verbieten, das R zu rollen. Denn als Fränkin wird es mir nicht leicht gemacht, ein gutes Verhältnis zu meiner Heimat zu haben. Oft fühlt es sich so an, als ob meine Region eine Randerscheinung wäre, irgendwie egal neben dem übermächtigen Oberbayern. Wofür steht Franken denn bitte in der öffentlichen Wahrnehmung? Vielleicht für gute Bratwürste, Bocksbeutel und Lebkuchen. Aber eben auch für Stau bei Würzburg Randersacker und Menschen wie Markus Söder.

Ich fürchte mich vor seiner Kandidatur und vor den Überschriften mit »Franggn«-Witzen, die in den Zeitungen stehen werden. Söder wird zum Botschafter meiner Heimat stilisiert, zum denkbar schlechtesten Vertreter. Ein Politiker, der auf Facebook Fotos davon postet, wie er als Jugendlicher unter dem riesigen Strauß-Poster in seinem Kinderzimmer sitzt. Jemand, der das Grundrecht auf Asyl in Frage stellt, und es gut fände, wenn Schüler im Unterricht häufiger die Nationalhymne singen müssten (mehr zu den politischen Ansichten Söders und seinem Werdegang finden Sie hier). 

All diese Forderungen trägt er in breitestem, offensiv dargebotenem Fränkisch vor. Man könnte es nett finden, dass ein Franke außerhalb seiner Heimat mal nicht das Bedürfnis hat, seinen Dialekt zu verstecken. Aber muss es ausgerechnet Söder sein? Der so ganz Franken in Sippenhaft nimmt, für seine kruden Ansichten einspannt und söderisiert? Der keine Wärme ausstrahlt, sondern konservative, populistische Behäbigkeit? Damit bestätigt er genau das Bild, das Franken in Filmen und Serien bisher erfüllen muss.

Die fränkischen Tatort-Folgen sehen aus, als ob ein Graufilter über die Aufnahmen gelegt worden wäre. Muss hart sein, dieses Leben im Norden Bayerns. Oder nehmen wir »Dahoam is Dahoam«, eine der erfolgreichsten Serien des Bayerischen Rundfunks. Die Serie strahlt kitschiges oberbayerisches Lebensglück in die Wohnzimmer der Zuschauer, eine Mischung aus Schweinebraten, Brotzeitplatten und malerischen Landschaftsbildern. Und der Quoten-Franke? Heißt in der Rolle Roland Bamberger, ist besserwisserisch, unbelehrbar und immer dafür zuständig, die nicht vorhandene Handlung weiter zu verlangsamen.

Söder steht für all diese Vorurteile. Und deswegen habe ich eine dringende Bitte. Wenn der Wahlkampf hochkocht, er das nächste populistische Zitat in breitem Fränkisch sagt, retten Sie ihr Bild von Franken mit diesen drei Schritten:
1. Ein Glas Müller-Thurgau einschenken
2. Ein Zugticket nach Bamberg buchen
3. Über das breite Kopfsteinpflaster in der Altstadt hoch zum Bamberger Dom laufen. Dann über die Stadt schauen. Einatmen. Ausatmen.

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