Das Unmögliche möglich machen

In Tokio 2021 ist Klettern erstmals olympische Disziplin. Doch bis dahin war es ein weiter Weg, der in vielen Schleifen über Hanfseile, rote Farbeimer und manchen Espresso führte: Von den „Helden der Steilwände“ vor 100 Jahren bis zu den Extremkletterern und ihren unvorstellbaren Touren von heute. Das richtige Material machte es möglich.

Junger Wilder in den Achtzigern: Stefan Glowacz prägte den Stil des Freikletterns mit. Foto: La Sportiva

Mit Haken, Trittleitern und Nagelschuhen bewaffnet arbeiteten sich die „Helden der Steilwände“ seit den 20er Jahren sehr technisch nach oben. Dieses technische Klettern erforderte enorme Mengen an Material, dafür konnte so gut wie jede Wand durchstiegen werden. Doch in den 70er Jahren entpuppte sich das traditionelle Klettern als Sackgasse. Es gab schlicht keine Wände mehr, die den Aufwand einer technischen Begehung rechtfertigten.

Helden der Steilwände: So sahen Bergsteiger im Jahr 1962 aus. Foto: La Sportiva

Vor diesem Hintergrund brachte der Nürnberger Kurt Albert einen Perspektivwechsel in die europäische Kletterwelt: Er etablierte das Klettern ohne Hilfsmittel. Haken dienten nur noch der Sicherung und nicht mehr der Fortbewegung. Bei jeder technischen Route, die er so klettern konnte, malte er einen roten Punkt an den Einstieg. Das war der Beginn des Rotpunkt-Kletterns. Zwar wurde in Gebieten wie dem Elbsandstein, dem Yosemite Valley oder englischen Peak District schon länger so geklettert. Für die Alpen jedoch bedeutete dieser Stil eine Revolution. Heute hat er sich weltweit durchgesetzt.

Durch den Verzicht auf technische Hilfsmittel entwickelte sich das Klettern rasant. Schon 1977 durchstiegen Reinhard Karl und Helmut Kiene mit den Pumprissen im Wilden Kaiser die erste Route im 7. Grad. Heute besteht die offizielle Skala aus 12 Schwierigkeitsgraden und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht.

Rebellion gegen alles Spießige

Doch auch an anderer Stelle veränderte sich das Klettern drastisch: So rebellierten die Jungen gegen bestehende Dogmen und gegen alles, was alt und spießig war. Sie zelebrierten eine neue Form des Alpinismus: Das freie Klettern, ohne Hilfsmittel ohne rote Socken, ohne schweres Gerät und ohne verzopfte Ideologie.

Klettern als Ausdruck einer neuen Denkweise, als Rebellion. Der Franzose Patrick Edlinger (Zweiter von links) ist ein Vertreter der neuen Kletterkultur. Foto: La Sportiva

Einer, der diesen neuen Stil perfekt verkörperte, war der Franzose Patrick Edlinger. Sein Leben inspirierte eine ganze Generation von Kletterern. Im Podcast berichtet er von der Faszination der neuen Kletter-Freiheit.

Neuer Stil, neues Material

Klettern wurde vom Kampf zur Kunst, die Kletterer inszenierten sich als Artisten. Klettern war Ästhetik, Lebensstil, Ausdruck einer neuen Denkweise und pure Freiheit. Die Kletter-Pioniere waren Outlaws, die in Zelten und Autos lebten. Damit veränderte sich auch das Material. Der neue Stil verlangte nach neuen Schuhen, die guten Grip auf glatten Felsen und kleinsten Leisten boten. Die leicht waren, eng anliegend und maximale Bewegungsfreiheit ermöglichten. Einer, der den jungen Wilden ganz genau zuhörte, war Francesco Delladio. Gemeinsam mit seinen Söhnen produzierte er Bergstiefel in Tesero – bis er in den 70er-Jahren beschloss, erstmals auch Kletterschuhe herzustellen. Eine Entscheidung, die sowohl seine Firma als auch den Sport bis heute beeinflusst. Der Name seines Unternehmens: La Sportiva.

Das Design der 70er-Jahre: Francesco Delladio, Patron von La Sportiva, mit einem Entwickler. Foto: La Sportiva

Im Betrieb arbeitete auch Lorenzo Delladio, Sohn von Francesco und heutiger Firmenchef. Seiner Leidenschaft für den Motorsport ist es zu verdanken, dass Kletterschuhe schon bald ein neues Level erreichten. Im Podcast erzählt er die Geschichte.

Die Routen werden immer radikaler

Mit dem besseren Material konnten die Athleten immer schwerere Routen klettern und so entwickelten sich die ersten Wettbewerbe, die zu Beginn noch an Naturfelsen stattfanden. Auf einem dieser Events legte ein Kletterer aus Garmisch den Grundstein für seine Karriere: Stefan Glowacz. Mit einem Paar La Sportivas gewann er den Wettkampf als Nobody und wurde danach zur Ikone des Freikletterns.

Superstar der Kletterwelt in den 80er-Jahren: Stefan Glowacz. Foto: La Sportiva

In den 90-ern wird Klettern immer professioneller. Plötzlich ist alles möglich: Die ersten Sportler können vom Klettern leben. Trainingspläne und Hallen entstehen. In kurzen Sportkletterrouten explodiert das Niveau. Gleichzeitig werden viele technische Routen im freien Stil wiederholt – „befreit“, wie die Protagonisten sagen. Eine der radikalsten Aktionen dieser Art liefert der Berchtesgadener Alexander Huber.

Nachdem Huber sich in der Szene bereits einen Namen gemacht hat, setzt er 2002 in den Dolomiten einen phänomenalen Paukenschlag. Sein Projekt: die Hasse/Brandler. Die Route im oberen achten Schwierigkeitsgrad befindet sich an der Großen Zinne und fällt über 550 Meter in die Tiefe. Hinzu kommt, dass der Fels ziemlich brüchig ist. Bei seiner Begehung verzichtet Alex Huber jedoch nicht nur auf technische Hilfsmittel – er durchsteigt die Route allein und völlig ungesichert.

Dabei muss er die Qualität sämtlicher Griffe richtig einschätzen und darf vier Stunden lang keinen einzigen Fehler machen. Eine Leistung, die bisher niemand zu denken gewagt hatte. Seine einzige Unterstützung ist ein Chalk-Beutel sowie der Mythos von La Sportiva. Ein Kletterschuh, der schon damals nicht zu den extremsten Modellen zählt, der jedoch die perfekte Kombination aus Performance und Komfort für die lange Route bietet. Der weiche Schuh aus Wildleder mit dem innovativen Schnürsystem ist auch heute noch einer der beliebtesten Kletterschuhe weltweit. Die Free Solo Begehung dagegen wurde nie wiederholt.

Parallel zum Fels- und Bigwall-Klettern entwickelten sich Wettkämpfe an Kunstwänden, es entstanden Verbände und neue Disziplinen. Doch die Highlights finden nach wie vor in den großen Felsarenen statt.

Das Unmögliche möglich machen: Im Podcast wird die Entwicklung des Sportkletterns lebendig.

Die Dawn Wall des El Capitan

Am 14. Januar 2015 brüllt Tommy Caldwell seine Erleichterung in die Luft. Er hat es geschafft: Als erstem ist es ihm gemeinsam mit Kevin Jorgeson gelungen, durch die Dawn Wall des El Capitan zu klettern.

Die Wand im amerikanischen Klettermekka Yosemite Valley war die letzte unbestiegene Seite des El Capitan. Der Grund dafür: der Fels gleicht einer Raufasertapete. Die Herausforderungen liegen im 11. Schwierigkeitsgrad, der Höhenunterschied umfasst knapp 1000 Meter, also 32 Seillängen. Sieben Jahre musste Tommy investieren, bis er einen Weg durch die Granitwüste fand – Zeit genug, um nebenbei den perfekten Schuh dafür mitzuentwickeln: Der La Sportiva TC Pro verfügt über einen Knöchelschutz, eine komfortable Passform und ein Zehenpolster für lange Rissklettereien. Genau das Richtige für den El Cap.

Kein Seil, kein Partner – Wahnsinn!

Drei Jahre nach Tommy steht Alex Honnold am Fuß des selben Bergs und trägt den selben Schuh. Auch sein Projekt ist völlig verrückt, jedoch geht es ihm nicht nur um Höchstschwierigkeiten, sondern auch um eine mentale Herausforderung: Alex will den Freerider klettern.

Eine populäre Route im oberen neunten Schwierigkeitsgrad, für die Seilschaften in der Regel mehrere Tage brauchen. Doch er steht allein am Einstieg. Kein Seil. Kein Sicherungspartner. Nur ein Filmteam begleitet das wahnsinnige Unterfangen. Lange hat er auf diesen Moment hintrainiert. Jetzt passt alles. Ohne viel Aufhebens steigt Alex routiniert der Schlüsselstelle entgegen. Die befindet sich im oberen Drittel, genauer in der 23. Seillänge, 700 Meter über dem Boden. Er schafft es, die Arme zu lockern, sich zu konzentrieren und die Bewegungsabfolge der Crux sauber abzuspulen.

Wenig später steht er auf dem El Capitan – mit einer neuen Rekordzeit von 3 Stunden und 56 Minuten. Nur die wenigsten können einschätzen, welche Leistung dieser Aufstieg bedeutet. Die Bilder davon gehen um die Welt. Zwei Jahre später gewinnt die Dokumentation dieses einmaligen Tages den Oscar.

Klettern in der Großstadt

Doch nicht nur auf der Leinwand, auch in den Städten wird Klettern immer beliebter und einfacher. Kletter- und Boulderhallen boomen. Sportler entdecken die Griffe als Alternative zum Fitnessstudio, und die Hallen wandeln sich von schmuddeligen Eigenbauten zu Erlebniscentern mit Sauna, Bar und Lifestyle-Shop. So hängen heute ungefähr eine Million deutsche Kletterer überwiegend am Plastik. Weltweit gibt es heute etwa 50 Millionen Kletterer.

Kletter- und Boulderhallen werden immer beliebter und stylischer. Und immer mehr Frauen entdecken den Klettersport für sich. Foto: Matteo Pavana

Professionalisierung und Popularität haben dazu geführt, dass Klettern 2021 erstmals als olympischer Wettkampf ausgetragen wird – mit einer Besonderheit: Der Olympia-Wettbewerb besteht aus einer Kombination der Disziplinen Speed, Lead und Bouldern. Dieses Format ist komplett neu, so dass es schwer ist, im Vorfeld einen klaren Favoriten zu benennen. Doch sehr wahrscheinlich werden auf dem Podium ein paar Schuhe mit dem La Sportiva Logo stehen.

Klettern bei Olympia 2021

Speedy
Eine 15 Meter hohe Wand mit zwei identischen Routen. Vorgegebene Griffe und Abstände, die bei allen Wettkämpfen gleich sind. Zwei Kletterer, die im KO-System gegeneinander antreten – mehr braucht es nicht für diese Sprint-Disziplin.

Bouldern
Athletisches Klettern ohne Seil in Absprunghöhe – das ist Bouldern. In Tokio stehen für Qualifikation und Finale jeweils vier Boulderprobleme auf dem Programm. Wer alle toppt, steht auch in der Rangliste ganz oben.

Lead
Beim Schwierigkeitsklettern müssen die Athleten eine etwa 20 Meter hohe Route klettern. Gewonnen hat, wer am weitesten kommt. Erreichen zwei Kletterer die selbe Höhe, gewinnt der schnellere.

Am Ende werden die Platzierungen aller Disziplinen multipliziert. Der Kletterer mit dem niedrigsten Ergebnis darf die Goldmedaille entgegennehmen.

Alles in allem ist das Klettern in den letzten 100 Jahren deutlich zugänglicher geworden. Das Material ist hochwertiger, leichter und komfortabler. Erlebnisse, die früher nur erfahrenen Alpinisten vorbehalten waren, sind heute in jeder größeren Stadt möglich. Dabei sind selbst Alter und mangelnde Fitness kein Ausschlusskriterium mehr.

Was das bedeutet? Vielleicht das: Wer die Chance hat, diesen faszinierenden Sport auszuprobieren, sollte sie nutzen. Denn es ist viel zu schade, ihn nur vom Sofa aus zu erleben.

„Für jeden Typ das passende Produkt“

Vier Fragen an Kletterschuh-Entwickler Pietro dal Pra

Foto: PietroFutura

Pietro, Klettern entwickelt sich permanent, und auch die Schuhe haben immer neue Features. Was kommt als Nächstes?
Schwer zu sagen, was der Kletterschuh der Zukunft alles zu bieten hat. Wir arbeiten fortwährend an der Performance unserer Produkte. Natürlich haben sich die Kletterschuhe mittlerweile auf einem sehr hohen technischen Niveau eingependelt, aber sie sind immer noch unbequem. Vielleicht werden die Kletterschuhe in Zukunft weniger Schmerzen verursachen.

Füße sind unterschiedlich. Wie stellt ihr sicher, dass die Schuhe perfekt passen?
Jeder Fuß ist beinahe ein Unikat, daher ist es unmöglich, die perfekte Passform für alle Füße in einem Schuh zu vereinen. Wir verwenden daher Materialien, die sich gut an verschiedene Fußformen anpassen, aber kein einzelner Schuh kann bezüglich Passform und Größe die perfekte Lösung für alle bieten. Das ist auch der Grund, warum La Sportiva eine sehr große Kollektion an Kletterschuhen hat. Wir wollen für jeden Typ das passende Produkt im Angebot haben.

Wie lange dauert es, einen neuen Kletterschuh zu entwickeln?
Das kommt darauf an. Normalerweise dauert es für komplett neue Modelle länger als ein Jahr. In der Zeit entstehen zwischen 30 und 60 verschiedene Prototypen, die wir intensiv testen und optimieren.

Du kletterst seit einer Ewigkeit – was fasziniert dich nach wie vor an diesem Sport?
Ich liebe das Klettern und die Essenzen dieses Sports noch immer. Die Bewegung im senkrechten Gelände, die Luft, die man in der Wand atmen kann, die Schönheit der Umgebung, die Stille, das Abenteuer, die Weite... Alles, was ich vor 40 Jahren schon am Klettern geliebt habe, ist immer noch da.

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