Pfannenwender am Küchenschrank

Ein Regierungssitz, ein Fußballtrainer, eine Parteivorsitzende: Warum Übergangs­lösungen oft von erstaunlicher Dauer sind.

Illustration: Dirk Schmidt

Für Zustände, die nur vorübergehend herrschen sollen, haben wir das Wort Provisorium. Wobei gleich zu bemerken wäre, dass wir alle nur vorübergehend auf der Erde leben, sodass man sagen könnte: Jeder von uns ist nur provisorisch hier. Von Dauer ist niemand.

Vielleicht rührt daher die seltsame Liebe des Menschen zu Langfristprovisorien, also den für eine Übergangszeit gedachten, dann zu großer Lebensdauer gelangten Übergangs­zuständen. Wir erkennen uns selbst im Behelfsmäßigen wieder. Beispielsweise war die Stadt Bonn immer nur als vorläufiger

Die Autorin Sandra Danicke sammelt in einer schönen Fotokolumne für die Frankfurter Rundschau Bilder von Alltagsprovisorien, eine staunenswerte Kollektion: Weil ein Fenster in der Dachschräge nicht schloss, befestigte Herr B. einen Vorschlaghammer am Griff, der nun, mitten im Raum an einer Schnur baumelnd, mit seinem Gewicht für Verschluss sorgt. Einen Kühlschrank, dem ein Fuß fehlt, hat jemand mit einem Weinkorken als Fußprothese versehen. Seit 13 Jahren geht das gut, der Korken biegt sich unter seiner Last, aber er hält Gevatter Kühlschrank wacker in der Senkrechten. Und die Türen eines Küchenschranks, die sich rätselhafterweise immer wieder scheinbar grundlos öffneten, hat Leserin M. mit einem durch die Griffe gesteckten Pfannenwender verschlossen.

Vielleicht ist es Stolz auf den eigenen Einfallsreichtum, der solchen Behelfen dauerhafte Existenz verleiht, mag auch sein: die Liebe zum Gewohnten. (Man gewöhnt sich ja schnell.) Möglicherweise ist es die Tatsache, dass man sich freut, angesichts vieler Probleme

In Zürich errichtete der Architekt Karl Egender an der Limmat eine provisorische Unterkunft für ein Kaufhaus, 1967 wurde sie bezogen. Acht Jahre sollte das Gebäude stehen, so war der Plan. Indes: Es ist immer noch da und hat einen schönen Namen: das GlobusProvisorium. Gerade debattierte der Gemeinderat mal wieder über den Abriss, aber vor vier Jahren hat die Denkmalpflegekommission das Haus unter ihre Fittiche genommen, als »einzigartiges Schutzobjekt von hoher architektonischer Qualität«, denn Egender war ein bedeutender Vertreter des sogenannten Neuen Bauens.

Die Tatsache, dass am Wochenende der CDU-Parteitag mit Neuwahl eines Vorsitzenden hätte stattfinden sollen (er wurde auf Januar vertagt), erinnert an ein interessantes Phänomen: In der Politik ist es möglich, statutengemäß und auf Dauer angelegt ein Amt anzutreten,

Ich fände es gut, die Wahl noch mal zu vertagen, auf den 16. April 2021 zum Beispiel. Da wäre Frau AKK 430 Tage regulär und 431 provisorisch im Amt gewesen, und irgendwie wäre das doch schön, nicht wahr?