Gefährlich-schöne Nähe 

Eimer voller Strohhalme, Gruppen ohne Hemmungen: Sangria ist ein Getränk der Distanzlosigkeit – und passt gerade deswegen so sehr in die Zeit der Pandemie.

Foto: Maurizio Di Iorio

Es gibt natürlich Getränke, die haben einen schlechten Ruf. Dafür kann es die unterschiedlichsten Gründe geben. Zuckerwasser in Plastikpäckchen mit Strohhalm gehört dazu, weil es dick macht und die Umwelt verschmutzt. Jägermeister gehört dazu, weil er zu deutsch ist mit seinem Hirschlogo. Einen genauso gelagerten Ramazzotti hingegen lässt man sich nach den Pappardelle gern nachreichen. Sì, per favore, danke. Manche Biere wirken uncool, manche Weine schick. Etikettenkäufer schämen sich längst nicht mehr zuzugeben, dass sie ihren Wein im Supermarkt lediglich

Das Getränk mit dem womöglich größten Imageproblem ist die Sangria. Das spanische Enthemmungswasser. Stellt man sich einen Sangria-Trinker vor, ist es nie ein einzelner Genussmensch im kleinen Fischrestaurant, es ist eine Horde vor Eimern. Es ist kein Zufall, dass die Reisewarnung für Spanien mit den Bildern vom Ballermann begann, auf denen Menschen beisammensitzen und bechern – auch Sangria. In der landläufigen Berichterstattung ist Sangria längst nur noch eine Chiffre für Kontrollverlust und Distanzlosigkeit. Ein totales Anti-Corona-Getränk. Dass es dennoch auch in

Im Laufe der Pandemie entwickelte sich langsam, aber sicher ein Bewusstsein dafür, dass nicht alle mit den gleichen Voraussetzungen durch diesen Mist müssen. Erste Kollektiv-Erkenntnis: Es haben nicht alle einen Garten. Nicht alle haben einen Job, den man im Homeoffice erledigen kann. Nicht alle kriegen weiter Gehalt, obwohl sie nicht arbeiten können. Nicht alle erwischt die Pandemie in ihrer Heimat, oder Heimatregion, manche sind abgeschnitten von zu Hause. Noch etwas gehört eingerechnet: Nicht alle haben potenziellen Zugang zu körperlicher Nähe

Etwas anderes aber blieb unbesprochen und führt uns geradewegs zur Sangria zurück. Was ist mit den Menschen, die die Corona-Einschränkungen nicht mit einem geprüften Partner im Doppelbett überstehen konnten? Die den Tag schaffen mussten ohne die tröstliche Gewissheit, am Abend zu einem geliebten Körper zurückkehren zu können? Was ist mit denen, die noch nie Sex hatten und sich das für diesen Sommer so fest erhofft hatten? Was mit denen, die ohne Alkohol, Enthemmungsstimmung und Diskolicht nicht so recht wissen, wie