»Bestellen Sie nichts, was Sie problemlos selbst schnell einkaufen können«

Trinkgeld oder ein Glas Wasser? Entgegenkommen oder Abstand halten? Oder reicht ein nettes Dankeschön? Wir haben Paketzusteller und Essenslieferantinnen gefragt, was sie sich von ihren Kunden wünschen.

Die Menschen bestellen gerade so viel im Internet wie noch nie – aber irgendjemand muss das ganze Zeug ja auch bringen.

Foto: AFP

Und schon wieder klingelt es an der Tür. »Hallo, Ihr Paket ist da!« Noch nie wurde so viel bestellt wie seit Beginn der Pandemie. Es ist wohl eine Mischung aus Alternativlosigkeit und Bequemlichkeit, von der Unternehmen wie Deutsche Post DHL, Hermes und auch Essenslieferdienste wie Lieferando momentan enorm profitieren. Viele aus diesen Branchen verbuchten 2020 die höchsten Umsätze ihrer Geschichte.

Dass diese Unternehmen ihre Angestellten besser bezahlen sowie fairere Arbeitsbedingungen schaffen sollten, und dass sie zudem endlich damit aufhören sollten,

Diese Fragen haben wir insgesamt zehn Menschen gestellt, die für DHL, Hermes, Lieferando und Gorilla arbeiten, einen neuen Lebensmittel-Lieferdienst. Acht

DHL, Saarland
»Wenn ich vier Mal vom Wagen zur Haustür laufen muss, mit Gartenmöbeln von Lidl zum Beispiel, frage ich mich schon, ob ich bei einer Möbelspedition beschäftigt bin oder bei DHL. Wenn der Kunde mir aber mal entgegenkommt und Danke sagt, und wenn er vielleicht mal einen Euro oder zwei in der Hand hat, dann macht das die Arbeit für mich leichter. Auch über ein Glas Wasser im Sommer freue ich mich, denn da fühlt es sich in der Fahrerkabine manchmal wie in einer Sauna an.«

Hermes, Berlin
»Es muss nicht immer Geld sein. Neulich habe ich eine Tafel Schokolade bekommen, das ist bei meinem anstrengenden Job natürlich super. Die Tafel habe ich weginhaliert.«

DHL, Bonn
»Das Netteste, das ich bekommen habe, waren selbstgebackene Plätzchen und eine Weihnachtskarte. Da ging mir das Herz auf, wirklich.«

Lieferando, Berlin
»Das System von Lieferando funktioniert so: Wir Fahrerinnen und Fahrer bekommen einen Stundenlohn plus einen Bonus pro Auftrag, also pro Auslieferung. Je mehr Aufträge wir in der Stunde schaffen, desto mehr verdienen wir. Dieser Druck ist nicht schön, aber so ist es halt. Deshalb hilft es uns sehr, wenn die Kundinnen und Kunden uns die korrekte und genaue Lieferadresse schreiben. Ob Vorderhaus oder Seitenflügel, welche Etage und so weiter. Außerdem könnten sie darauf achten, dass sie nur in nahegelegenen Restaurants bestellen, die maximal zwei bis drei Kilometer entfernt liegen. Ich habe auch schon erlebt, dass Kundinnen oder Kunden drei Aufträge zur selben Zeit an dieselbe Lieferadresse bestellen, dass also jeder am Tisch sein eigenes Essen ordert. Das ist für mich natürlich super, weil ich drei Aufträge in einer Tour schaffe. Die Kunden müssen dann aber auch drei Mal Lieferkosten bezahlen.«

Gorilla, Berlin
»Was ich mir wünsche? Trinkgeld natürlich! Am besten cash! Denn es ist nicht klar, ob das Trinkgeld, das über die App an uns vergeben wird, tatsächlich in voller Höhe bei uns Ridern, bei uns Fahrern also, ankommt. Cash funktioniert übrigens auch bei kontaktloser Lieferung: Manche Kunden legen einfach ein paar Münzen vor die Tür auf einen Teller und noch eine kurze Nachricht dazu: Danke für schnelle Lieferung! Das ist dann ein doppelt schönes Gefühl.«

DHL, Saarland
»Einmal habe ich einem Kunden, der in der obersten Etage wohnte, einen Abrisshammer zugestellt. Der Kunde wollte damit wohl eine Wand in der Wohnung einreißen. Das war ein 30-Kilogramm-Paket, also nahezu das Maximalgewicht, das wir ausliefern. Ich schleppte es hoch, und der Typ stand in der Tür und sagte: Wunderbar, dass ich den Hammer jetzt habe, und ich habe noch 60 Euro zum Baumarkt-Preis gespart! Da habe ich nur geantwortet: Schön auch, dass ich den Hammer für Sie hochtrage! Das war natürlich sarkastisch gemeint. Eine andere Kundin, eine ältere Dame, bestellt regelmäßig Futter für die Vögel im Garten. Die Säcke wiegen auch 20 oder 30 Kilo. Aber die Dame bedankt sich jedes Mal sehr und hat mir sogar schon Duschgel geschenkt. Das ist der Unterschied. Die Wertschätzung, die ich vom Kunden bekomme, macht meinen Job erträglich oder unerträglich.«

Gorilla, Berlin
»Bestellen Sie nichts, was Sie problemlos selbst schnell einkaufen können. Ich will nicht einem Typen, der bekifft ist und deshalb großen Hunger hat, um 23 Uhr eine Tüte Chips liefern, die er auch in jedem Kiosk bekommt. Das fühlt sich falsch an.«

DHL, Bonn
»Was ich nicht bestellen würde, ist Brennholz. Lachen Sie nicht, das wird tatsächlich bestellt. Oder Zement. Da kann ich doch selbst zum Baumarkt fahren. Bei Hundefutter bin ich in der Zwickmühle, weil ich selbst Hundebesitzer bin und weiß, dass der Preisunterschied zwischen Onlinehandel und stationärem Handel einfach sehr groß ist. Wenn der Zusteller mir das Hundefutter liefert, drücke ich ihm aber auch einen Fünfer in die Hand! Wenn ich profitiere, soll auch er profitieren.«

DHL, Berlin
»Ein Kunde hat zehn Kisten Hundefutter bestellt, insgesamt über 300 Kilo. Der hat dann aber gesagt: Lass stehen, das trage ich rein! Das fand ich gut.«

DHL, Saarland
»Auch ich bestelle manchmal schwere, sperrige Sachen, Lautsprecherboxen zum Beispiel. Die habe ich dann aber selbst mit meinem Privatauto in der Zustellbasis abgeholt. Den Kollegen, der sie mir liefern würde, kenne ich ja und habe ihn angerufen: Lass die Dinger stehen!«

Hermes, Berlin
»Oft liefere ich riesige Pakete von Zalando aus und denke dann: Da ist so viel Umtauschware dabei! So viele Schuhe kann ja niemand tragen. Ein bisschen mehr bewusstes Bestellen wünsche ich mir.«

DHL, Berlin und Brandenburg
»Der klassische Zalando-Besteller behandelt uns wie einen Paketfuzzi. Die Oma, die ihren Tinnef von Home Shopping Europe bestellt, die freut sich und gibt Trinkgeld.«

DHL, Saarland
»Die besten Erfahrungen habe ich mit Kunden gemacht, die Rentner sind oder in Gegenden wohnen, wo die Leute nicht so viel verdienen. In den Neubaugebieten dagegen, wo jeder denkt, er halte Deutschland am Laufen, werde ich oft von oben herab behandelt. Das sind vielleicht zwei Kunden, die mir am Tag dieses Gefühl geben, aber die versauen mir damit den ganzen Tag.«

Hermes, Berlin
»Wenn man etwas bestellt, sollte man zuhause sein, wenn es geliefert wird. Sonst hat der Zusteller das Problem. Natürlich ist niemand immer zuhause. Dann sollte man einen Nachbarn bitten, das Paket anzunehmen – und dem Zusteller einen Zettel schreiben, bei welchem Nachbarn er klingeln kann. Diesen Zettel dann einfach neben die Klingel kleben, und das Problem ist gelöst.«

DHL, Bonn
»Wenn das Paket bei den Nachbarn liegt, holen Sie es bitte schnell ab. Denn der nette Nachbar soll ja weiter Lust haben, Ihre Pakete anzunehmen.«

Gorilla, Berlin
»In Berlin gibt es in etlichen Häusern private Aufzüge, für die man einen Schlüssel braucht. Die Kunden könnten uns diese Aufzüge nutzen lassen.«

DHL, Saarland
»Ich beliefere auch ein mehrgeschossiges Studentenwohnheim. Wenn ich da jede und jeden Einzelnen versorgen würde, wäre ich nie fertig. Deshalb gibt es die Absprache, dass ich unten an der Haustür stehenbleibe und die Leute zu mir kommen. Das habe ich so abgesprochen mit den Studenten dort, und wenn ein neuer Bewohner oder eine neue Bewohnerin ins Haus zieht, erklären ihm die Alteingesessenen, wie es läuft.«

DHL, Berlin und Brandenburg
»Von 150 Kundeninnen und Kunden am Tag tragen vielleicht drei eine Maske, obwohl auf der DHL-Internetseite ja darauf hingewiesen wird, dass alle Kunden bitte eine Maske tragen sollen. Aber das liest wohl niemand. Wenn ich jetzt aber in den fünften Stock renne und schwer atmend vor der Wohnungstür stehe vor einem 25-Jährigen, der symptomlos Corona hat und den Flur voller Aerosole, dann atme ich die ein.«

Lieferando, Berlin
»Mir ist sehr wichtig, dass die Leute Maske tragen. Oft passiert das nämlich nicht. Da tragen zum Teil während einer Schicht nur einer oder eine von zehn Belieferten Maske. Für mich ist das total blöd, denn die Kundinnen und Kunden kommen mir oft sehr nah, weil sie schnell das Essen haben wollen. Ich denke, viele vergessen die Maske einfach in dem Moment. Mein Tipp: Hängen Sie sich eine Maske an die Haustür, dann haben Sie immer eine zur Hand.«

DHL, Bonn
»Schön ist es, wenn die Leute, die in Einfamilienhäusern wohnen, einen Ablageort eingerichtet haben, das bietet sich ja an. Am besten nah an der Straße.«

DHL, Berlin
»Eine Kundin hat neulich zwei Heimtrainer bestellt, schwere Dinger. Noch während die Bestellung in Bearbeitung war, hat sie gemerkt, dass sie die Dinger doch nicht will. Sie hat mir dann Bescheid gesagt, dass ich die Dinger erst gar nicht ausliefern soll, sondern dass sie aus dem Zustelllager direkt retourniert werden sollen. Ich musste nichts hin und her schleppen. Eine Kundin, die so mitdenkt, ist natürlich super.«

Lieferando, Berlin
»Viele Rider leben noch nicht lange in Deutschland und kennen sich mit deutschem Arbeitsrecht überhaupt nicht aus. Die Kundinnen und Kunden könnten deshalb versuchen, mit den Ridern ins Gespräch zu kommen: Wie sind die Arbeitsbedingungen bei euch? Bist du vernetzt? Gibt es einen Betriebsrat oder irgendwelche Betriebsgruppen? Solche Fragen kann man doch stellen.«

Gorilla, Berlin
»Schreiben Sie Bewertungen! Zum Beispiel direkt in der App oder auch auf Google. Darin muss es ja nicht um die Qualität des Essens gehen, die Kundinnen und Kunden könnten sich auch für bessere Arbeitsbedingungen aussprechen. Warum nicht sowas schreiben wie: Bezahlt eure Rider fair und gleich! Denn manche verdienen 10,50 Euro, andere 12,50 Euro pro Stunde für die gleiche Arbeit. Oder schreibt: Stellt ihnen bessere Fahrräder zur Verfügung! Oder: Nehmt den Rucksack vom Rücken eurer Rider! Der Rucksack beim Radfahren ist nämlich eines der größten Probleme, der schlägt einem ständig auf den Rücken. Warum haben wir keine Satteltaschen? Vielleicht, weil darin die Lieferware zu sehr geschüttelt würde. Wir bei Gorilla liefern auch Bier oder Champagner aus. Das Schütteln ließe sich aber verhindern, indem wir bessere Räder bekommen, die mit Federgabeln ausgestattet sind.«

DHL, Berlin
»Wenn ich sage, die Menschen sollten weniger bestellen, drehe ich mir ja selbst den Hahn zu. Ich bin seit 30 Jahren Paketzusteller und anfangs hatte ich öfter mal Angst, meinen Job zu verlieren. Heute wird so viel bestellt, dass mein Arbeitgeber mich unbedingt braucht und wir Paketzusteller generell eine stärkere Position haben.«