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»Wir sind schon da«

185 lesbische, schwule, bisexuelle, queere, nicht-binäre und trans* Schauspieler*innen outen sich – und fordern mehr Anerkennung in Theater, Film und Fernsehen. Mit der Initiative #actout und einem gemeinsamen Manifest wollen sie eine Debatte anstoßen. Sechs von ihnen sprechen im Interview über Klischeerollen und die immer wiederkehrende Warnung vor dem Coming-out.

Alle 185 Unterzeichner*innen des Manifests sind in der Galerie im Artikel zu sehen.

Würden Sie alle sagen, dass dieses Interview für Sie eine Lebensentscheidung ist?« Es wird die siebte Frage sein, und die sechs Schauspieler*innen, die hier zusammengekommen sind, werden unisono das Gleiche antworten: »Ja!« Sie zeigen sich in diesem Heft als ­lesbisch, schwul, bisexuell, queer, nicht-binär, trans* – und fordern von ihrer Branche und der deutschen Gesellschaft, Diversität stärker sichtbar zu machen.

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SZ-Magazin: In Hollywood ist es – bis auf wenige Ausnahmen wie Jodie Foster und Rupert Everett – immer noch ausgeschlossen, die eigene Homosexualität zu zeigen. Auch in Deutschland gibt es nur wenige Schauspieler*innen, die ihr queeres Begehren öffentlich leben. Sie alle haben sich nun entschlossen, als schwule, lesbische, queere, nicht-binäre, trans* Schauspieler*innen dieses Tabu zu brechen. Warum?
Jonathan Berlin: Ich habe das Gefühl, dass die Zeit sehr reif ist dafür. Es ist für mich fast ein Akt von Selbstliebe. Ich meine längst, dass ich Teil einer offenen, diversen Gesellschaft bin, aber dazu gehört eben auch, dass Minderheiten sichtbar sind. Und wenn ich daran zurückdenke, was mir als Jugendlichem gefehlt hat, um damit vielleicht früher freier umgehen zu können, dann wären das Schauspieler*innen gewesen, die zeigen, dass sie das offen leben. Godehard Giese: Als wir uns im Vorfeld überlegt haben, was wir als Gruppe wollen, ging es immer um eine Sichtbarmachung. Jede*r von uns hat in irgendeinem Lebens­bereich schon ein Coming-out hinter sich, vor Freund*innen, Familie oder auch Kolleg*innen. Aber wir sind mit unserer ­sexuellen Identität in der Öffentlichkeit nicht sichtbar. Es wird immer angenommen, man gehöre zur Norm.
Mehmet Ateşçi: Ich hätte mir als junger Heranwachsender auch Verbündete gewünscht – und das möchte ich hiermit sein. Wenn ich mir den Markt anschaue an Film- und Theaterprodukten, fühle ich mich außer in der sogenannten LGBTQ-Nische nicht repräsentiert. Und dieser Zwiespalt ist riesig: zwischen der abgebildeten Realität auf Bühnen, Leinwänden und Bildschirmen und der gelebten Realität unserer Gesellschaft sowie der gelebten, aber nicht ausgesprochenen Realität in der Branche.
Tucké Royale: Ich war als Jugendlicher damit beschäftigt zu queeren, also mir diese Kulturtechnik zu erarbeiten, mich produktiv misszuverstehen oder andere so misszuverstehen, dass ich mich da reinbauen konnte, in die Dominanzgesellschaft. Aber die Wahrheit ist natürlich: Ich komme aus einer Welt – und ich denke, wir alle –, die mir nicht von mir erzählt hat. Und wenn ich sozusagen von der Möglichkeit, ich zu sein, gehört habe, dann nur unter zwielichtigen Umständen oder in Verbindung mit Kriminalität, Gewalt oder Tod. Das ging so weit, dass ich mich lange gegen meinen Beruf ausgespielt habe. Ich hatte sehr große Angst, nicht in meinen Beruf reinzukommen, keinen Studienplatz zu bekommen, Angst, wieder rauszufliegen. Und ich dachte: Ich kann diese Transition nicht machen, bevor ich in die Ausbildung gehe, ich kann es nicht machen, während ich in der Ausbildung bin, ich kann es danach eigentlich auch nicht machen, mein Rollenfach ändert sich dann total. Aber irgendwann musst du überlegen: Welchem Tempel rennst du da eigentlich hinterher? Dann musst du für dich entscheiden. Das muss einfacher werden für alle kommenden Generationen, und das müssen sich Hochschulen und Theater und die darstellende Branche reinziehen.

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