Der Künstler und seine Online-Armee

Der Berliner Künstler Sebastian Bieniek soll auf Telegram einen Verschwörungskult verbreitet haben, mit dem er gezielt Anhänger von QAnon anlockte. Eine Million Nutzer folgten seinen Kanälen. Ist er ein Menschenfänger oder bloß ein Provokateur? Bisher hat Bieniek gegenüber Medien zu den Vorwürfen geschwiegen – ein Besuch in seinem Atelier.

Foto: Sebastian Bieniek

Natürlich hat er auch eine Idee, mit welcher Überschrift dieser Text hier beginnen soll. »Deutscher Künstler zerstört QAnon« oder »Bieniek zerstört QAnon«. »Ist natürlich absolut Eure Sache«, schreibt Sebastian Bieniek in einer von vielen E-Mails. Doch: »Ein falsches Wort, und ich bin für immer im Eimer ;-)«.

Bieniek, 45 Jahre alt, lebt als Künstler in Berlin. Er malt, fotografiert, macht Performances. Im Sommer 2020 ist er als Biene verkleidet auf einer Querdenker-Demo mitgelaufen. Vor Jahren war er unter einem Niqab verhüllt auf Kunstaustellungen unterwegs. Er hat viele Ideen. Über eine berichtete vor drei Wochen der britische Guardian.

Bieniek sei der Kopf hinter einem »schnell wachsenden« und »rechtsextremen« Online-Netzwerk, heißt es in dem Artikel. Er locke damit bewusst Anhänger des Verschwörungskults QAnon an. Das sind die, die glauben, eine globale Elite

Seit Trump das Präsidentenamt verlor, wuchs aber auch Zweifel unter den QAnon-Anhängern, die sich vor allem online austauschen, zum Beispiel auf dem Messagingdienst Telegram, weil dort Lügen und Hetze nicht gelöscht werden. Bieniek soll mit seinem Netzwerk diese Enttäuschten abgeholt haben. Der Guardian-Autor beruft sich auf Nachforschungen einer britischen Rechercheorganisation, Hope not hate. Diese hat auf Telegram 136 Kanäle entdeckt, auf denen Bieniek vor allem Falschmeldungen und Verschwörungsmythen zur Corona-Pandemie und zur vergangenen US-Wahl geteilt haben soll. Videoschnipsel, Fotomontagen. Zwischen Januar und April 2021 sind es über 35 000 Beiträge.

Jeder Telegram-Nutzer kann sich diese Kanäle anschauen. Sie heißen Q speaking oder The Trumpists. Mehr als eine Million Nutzer folgen ihnen.

Laut Hope not hate hat Bieniek die meisten Inhalte von anderen Kanälen

Ist Bieniek ein Spinner, der sich für Jesus hält? Ein zweiter Attila

Bienieks Atelier liegt im Stadtteil Friedrichshain, im Erdgeschoss eines in die Jahre

Es ist ein Abend Ende März, elf Tage sind seit dem Guardian-Artikel vergangen, Bieniek hat sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäußert, der Kopf hinter dem Sabmyk-Netzwerk zu sein. Er habe sein Handy ausgeschaltet und sein Atelier nur zum Einkaufen verlassen, sagt er.

Auf seiner Kapuzenjacke und seinen Turnschuhen kleben Farbkleckse. Seine Augen wirken müde

Er geht am Wäscheständer vorbei in den Arbeitsraum, knipst das Neonlicht an.

Auch die Sabmyk-Erzählung hat in diesem Sinne auf Bieniek gewartet, so erzählt er es. Manche Teile lagen jahrelang. Aus der Niqab-Perfomance entwickelte sich die persische Prinzessin, aus einem Filmabend, an dem er Kill Bill schaute, die Idee mit dem sagenhaften Schwert. Irgendwann habe er etwas über QAnon gelesen, sagt er: Dass das eine sehr gefährliche Bewegung sei, eine Art Armee. Da habe er sich herausgefordert gefühlt und beweisen wollen, dass er allein mit seiner Fantasie diese Armee kapern kann.

2020 schuf er für die Prinzessin eine Internetseite, formulierte ihre Biografie, ließ

Richtig Schub bekam seine Erzählung ab Januar 2021, indem er sie über

Warum teilt Bieniek dort auch Falschmeldungen, in denen behauptet wird, die Covid-19-Impfstoffe

Der Name Soros spielt seit Jahren eine zentrale Rolle in antisemitischer Hetze.

Bieniek hat schon während seines Studiums provoziert. 1999 schnitt er sich für

Nach dem Studium zog er nach Berlin und wurde Meisterschüler an der

Bieniek stammt aus Polen. Mit 14 Jahren ist er mit seinen Eltern

Von der DFFB sei er wegen Beratungsresistenz kurzzeitig verwiesen worden, erzählt er.

Seinen größten Erfolg hatte Bieniek 2013 mit der Fotoserie Doublefaced. Er malte seinen Models ein zweites Gesicht auf die Wange oder den Arm. Es sind irritierende Bilder, die 2015 auch im SZ-Magazin erschienen. So bekannt, wie es Bienieks Facebook-Seite vermuten lässt, wurde er aber auch durch diese Serie nicht.

Auf Facebook hatte Bienieks Seite sagenhafte 430 000 Likes. Geschafft hat er das mit Hilfe Dutzender Fake-Profile. Er hat unter den Namen berühmter Schauspieler und Künstler Facebook-Seiten angelegt und darüber seine eigene Bieniek-Seite beworben. So beschreibt er es selbst in seinem Buch Realfake von 2011. Facebook hat sämtliche seiner Seiten vor Kurzem gelöscht, auf Initiative von Hope not hate.

»Für mich sind die sozialen Medien wie eine Leinwand«, sagt Bieniek in

In der deutschen QAnon-Szene spiele Sabmyk tatsächlich keine Rolle, sagt der Desinformationsexperte

Während Bieniek redet, knibbelt er mit den Fingern am Sitzpolster seines Stuhls,

Noch suche er nach einem Ende für seine Erzählung, für sein »Spiel«, wie er es nennt. Das letzte Wort sollen nicht die haben, die ihn enttarnten. Hope not hate und Guardian haben in seinen Augen »Null Sinn für Humor«.

Ist es so einfach? Bloß behaupten, etwas sei ein Spiel oder Kunst

Bieniek sagt, er habe das, was auf Telegram im Moment passiert, besser

Die Alt-Right, die rechtsextreme Bewegung aus den USA, die große Schnittmengen mit QAnon hat, drängt seit Jahren in traditionell progressive Milieus wie Popkultur und Kunstwelt. 2017 zeigte die Londoner Galerie LD50 eine Ausstellung, die von der Bildsprache dieser Subkultur geprägt war. Pepe der Frosch war zum Beispiel zu sehen, ein beliebtes Meme der Alt-Right. Die Galeristin verteidigte sich: Sie habe nur abbilden wollen, was im Internet passiere. Gleichzeitig lud sie Rechtsextreme wie den Blogger Brett Stevens zur Diskussion ein, der den Massenmörder Anders Behring Breivik bewundert.

Auch Bieniek zitiert die Codes und Verschwörungsmythen dieser Subkultur und vertausendfacht sie

Im Gegensatz zu Sacha Baron Cohen und dessen Kunstfigur Borat agiert Bieniek

Auch bei QAnon wird übrigens vermutet, dass die Person, die den Irrsinn einst startete, sich eigentlich nur einen großen Spaß machen wollte und süchtig nach Aufmerksamkeit war.

Gregory Davis von Hope not hate hält Bieniek für einen »obsessiven Selbstvermarkter«, der unmoralisch und gefährlich agiere, weil er während einer Pandemie Falschinformationen über Covid-19 teile. Der Erfolg von Bienieks Projekt, sein schnell wachsendes Publikum, erinnere zudem erschreckend eindringlich an »die Möglichkeiten für Täuschung und Manipulation, die in sozialen Medien existieren, vor allem auf unregulierten Alt-Tech-Plattformen wie Telegram«.

Schwer zu sagen, ob Bieniek die massive Kritik an seinem Projekt nicht

Drei Tage nach dem Besuch in seinem Atelier veröffentlicht er einen Beitrag

Er teilt einen Link, der zu einem 76 Seiten langen Text führt.

Ein Kapitel führt ins Jahr 2017. Er lebte damals schon in seinem Atelier und störte sich an drei Euro-Paletten voller Bücher, die den Raum verstopften. Es waren unverkaufte Exemplare von Realfake, von dem er 2000 Stück hatte drucken lassen, das aber kaum jemand lesen wollte.

Bieniek hatte dann eine Idee: Er ging in Buchhandlungen und stellte heimlich

Eines Tages entdeckte er in einem Laden, in den er regelmäßig ging,

Bieniek verschwand dann einfach und wunderte sich, warum sie ihn als Irren

Bis heute hat er nicht mit dem Betreiber des Buchladens geredet.